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Veröffentlicht: 01.04.2012, 18:24 Uhr

Offenbach Archival Depot „Wo liegt jetzt ihre Asche?“

Die Geschichtswerkstatt dokumentiert die Arbeit des Offenbach Archival Depot nach dem Krieg. Es kümmerte sich um geraubte jüdische Bücher und Ritualgegenstände.

von , Offenbach
© Rüchel, Dieter Stempel des Offenbach Archival Depot.

Im Frühjahr 1946 reiste Gershom Scholem von Paris nach Frankfurt. Der Religionshistoriker, 1897 in Berlin geboren und in den zwanziger Jahren nach Palästina ausgewandert, wollte in Frankfurts Nachbarstadt das von der amerikanischen Militärregierung eingerichtete „Offenbach Archival Depot“ (OAD) aufsuchen. In Offenbach sollte Scholem die von den Nationalsozialisten geraubten, jedoch von der amerikanischen Armee nach Ende des Zweiten Weltkriegs geborgenen hebräischen Bücher und Schriften identifizieren. Zwischen März 1946 und Juni 1949 wurden in der Offenbacher Sammelstelle etwa 3,5 Millionen Bücher und Ritualgegenstände - darunter mehrere hundert Thorarollen - verzeichnet, und zwar im Bestreben, sie den Eigentümern oder ihren Nachfolgern zurückzugeben. Untergebracht war das Depot in den Offenbacher Fabrikgebäuden des früheren Chemiekonzerns I.G. Farben.

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Die amerikanische Armee verstand dieses Vorhaben als „Anti-Thesis“ zum Kulturraubzug von Alfred Rosenberg, dem Chef-Ideologen der NSDAP. Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes der Partei, hatte einer „Religion des Blutes“ das Wort geredet, einer Religion, die das unter „jüdischen Einfluss“ stehende Christentum ersetzen sollte. 1939 richtete Rosenberg in Frankfurt das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ ein. 1940 bildete er den „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, der die Plünderung von Museen, Galerien, Bibliotheken und Synagogen betrieb: Aus den besetzten Gebieten wurden insgesamt etwa 1,5 Millionen Eisenbahnwaggons voll geraubter Kulturgüter nach Deutschland gebracht.

„Mehrere Waggonladungen“

Die Geschichtswerkstatt Offenbach hat jetzt eine Dokumentation zum Offenbach Archival Depot veröffentlicht, die Aufschluss gibt über die Entstehung und Entwicklung dieser Sammelstelle für jüdische Bücher und Ritualien, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden. Die Federführung für die Dokumentation lag bei der Historikerin und Lehrerin Gabriele Hauschke-Wicklaus. Sie hat in deutschen und ausländischen Archiven geforscht und einen Zeitzeugen befragt, Adolf Hübner, der als Achtzehnjähriger im Depot zu arbeiten begann und ein Fotoalbum aus jener Zeit angelegte.

Was Hauschke-Wicklaus unter Mitwirkung von Erika Jacobs und Angelika Amborn-Morgenstern dokumentieren, ist ein noch wenig beachtetes Kapitel dessen, was unter dem Stichwort „Raubkunst“ in den vergangenen Jahren Publizität erlangt hat. Im Offenbach Archival Depot lagerten nicht nur jüdische Schriften. So schreibt Gershom Scholem, Freund des Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin, der sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 in Portbou das Leben nahm, in einem Brief vom 6. März 1950 an die politische Theoretikerin Hannah Arendt: „Tatsache ist, dass mehrere Waggonladungen, ich schätze ungefähr 150.000 Bände, während meiner Anwesenheit in Offenbach ... überführt worden sind, die ich gesehen habe, als sie in Offenbach ankamen. Vieles davon, ja ich würde sogar sagen, der weitaus größte Teil, war nicht jüdisch und leider Gottes wertvoller als der jüdische Sektor.“ Scholems Brief findet sich in dem vor zwei Jahren veröffentlichten Band „Der Briefwechel - Hannah Arendt/Gershom Scholem“.

Mehr als eine Million Bücher in einem Monat

Im Archival Depot stieß Scholem auch auf einen Teil der Bibliothek von Hermann Cohen, Begründer des Neukantianismus und jüdischer Religionsphilosoph. Cohens Privatbibliothek umfasste zirka 5000 Bände, von denen gut die Hälfte im Offenbacher Depot gesichert wurde. Es handelte sich um philosophische Bücher; Cohens Sammlung mit Judaica und Hebraica soll verschollen sein. Arendt war von 1949 an Geschäftführerin der „Jewish Cultural Reconstruction Inc.“. Diese amerikanische Einrichtung hatte zum Ziel, den kulturellen Wiederaufbau jüdischen Lebens zu fördern. Kulturgüter, ob religiöse Bücher oder Ritualien wie etwa Thorarollen, sollten, sofern nach dem Holocaust Erben nicht zu ermitteln waren, an jüdische Einrichtungen in Amerika und Israel oder an die „DP-Lager“ in der amerikanischen Zone Deutschlands weitergeleitet werden. In diesen Lagern waren nach Ende des Zweiten Weltkriegs jene Juden untergebracht, die die Verfolgung überlebt hatten, aber in ihre Herkunftsländer nicht zurückkehrten oder vor den Pogromen nach Errichtung der kommunistischen Regime in Osteuropa geflohen waren. Die amerikanische Militärregierung übertrug sogenanntes unidentifizierbares jüdisches Eigentum der Jewish Cultural Reconstrution.

Schon unter dem ersten Direktor des Offenbach Archival Depot, Captain Seymor Pomrenze, wurden, wie Hauschke-Wicklaus in der Dokumentation schreibt, zwischen März 1946 und dem 25. April 1946 mehr als eine Million Bücher auf Antrag von zumeist westeuropäischen Regierungen oder Bibliotheken zurückerstattet. 176 deutsche Mitarbeiter und neun Beschäftigte von ausländischen Bibliotheken oder zivilen Verbänden hatten die Bücher registriert, sortiert und zugeordnet.

Isaac Bencowitz, der Captain Pomrenze als Direktor des Offenbach Archival Depot nachfolgte, vermerkt in seinem Tagebuch die Eindrücke, die ihn bewegten, als er die raumhohen Stapel an Schriften sah: „Ich ging in den Raum mit den losen Dokumenten, um mir die Sachen dort anzuschauen, und konnte mich nicht von diesen faszinierenden Stapeln von Briefen, Mappen und kleinen persönlichen Bündeln losreißen ... Ich hob einen sehr vergriffenen Talmud auf mit Hunderten von Namen vieler Generationen an Studenten und Schülern. Wo sind sie jetzt? Oder vielmehr, wo liegt jetzt ihre Asche? In welchen Verbrennungsöfen wurden sie ausgelöscht? ... Es gab tausende Familienbilder ohne jeden Herkunftsnachweis. Wie viel diese Zeugnisse der Liebe und Anteilnahme jemanden bedeutet haben müssen, und nun waren sie nutzlos und dazu bestimmt, verbrannt vergraben oder weggeworfen zu werden. Alle diese Dinge machten mich wütend.“

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