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Occupy-Camp Platten, Paletten und Planen gegen Eiseskälte

 ·  Kampf dem Frost aus Sibirien: Die Occupy-Aktivisten am Willy-Brandt-Platz versuchen, ihr Camp winterfest zu machen.

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Der Salat ist an diesem Morgen gefroren. Das Spülwasser im Plastikbottich hat eine dicke Eisschicht, selbst das Olivenöl ist nicht mehr flüssig. Viele Lebensmittel in der provisorischen Zeltküche des Occupy-Camps vor dem Eurotower sind nicht mehr brauchbar. Das sibirische Hoch „Cooper“ ist schuld, die Minusgrade haben die Aktivisten, die hier seit Monaten Tag und Nacht protestieren, unvorbereitet getroffen.

„Aber wir bleiben hier“, sagt Moritz Piontek. „Egal, wie kalt es ist.“ Der 28 Jahre alte Mann verlegt Holzpaletten im neuen Küchenzelt des Camps, denn die alte Küche war an den Seiten offen. Auf die Paletten will Piontek gleich noch Spanplatten schrauben. Der provisorische Boden soll vor dem Frost aus der Erde schützen, jedenfalls ein bisschen. Der blonde Mann mit langen Haaren und Dreitagebart gehört zum harten Kern des Camp-Bewohner. Er hat seine Wohnung gekündigt, das Einwohnermeldeamt führt ihn unter der Adresse Willy-Brandt-Platz1.

Der Softwareberater unterstützt auch das Camp

Die Protest-Gründe der Occupy-Aktivisten sind vielfältig. Einigen geht es um einen Systemwechsel, andere wiederum wollen gegen die Bankenrettung und die damit verbundene Verschuldung von Staaten demonstrieren. Auf Plakaten wird die Freilassung von Bradley Manning, des amerikanischen Soldaten, der Geheimdokumente an „Wikileaks“ weitergegeben hatte, gefordert. Oder die Flüchtlingspolitik Deutschlands angeprangert. Auch Ökologie, Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit, Bildung, sozialere Wohnraum oder Sexismus sind wichtig hier.

Auch die Gründe der Menschen, die die Camper unterstützen, sind vielfältig. Peter Tscheuschner ist heute zwischen zwei Terminen zum Willy-Brandt-Platz gekommen. 49 Jahre ist er alt, Softwareberater bei SAP. Sonst sei er immer nur vorbeigegangen, sagt er, heute wolle er einmal sehen, warum und wogegen überhaupt protestiert wird. „Denn die Ziele sind mir nicht ganz klar“, sagt er. „Einfach nur dagegen zu sein ist mir zu einfach.“ Eine befriedigende Antwort, warum der Platz vor dem Eurotower besetzt ist, bekommt er an diesem Vormittag nicht. Respekt hat er trotzdem vor den Aktivisten. „Im Sommer ist das ja einfach, aber heute?“

Der Transporter springt nicht an

Knapp 70 Schlafzelte stehen noch auf dem Platz. Wegen der Kälte würden aber nur noch zwischen 30 und 50 Aktivisten hier übernachten, sagt Peter Rubach. Der Zimmermann ist 36Jahre alt. Auch er werkelt gerade im Tennisplatz-großen Küchenzelt. Seit er im Oktober seinen Job verloren hat, campiert er vor dem Eurotower. Seine Wohnung hat er aber nicht aufgegeben, die braucht er, wenn er sich eine Erkältung eingefangen hat. „Eine Nacht in einem richtigen Bett, und man ist wieder ganz gesund.“ Gegen die Kälte schützt er sich mit dem Zwiebel-System: Eine schwarze Thermohose, darunter einer weitere aus Stoff, zusätzlich noch lange Unterhosen. Der Oberkörper steckt in einem Flanellhemd und einem blauen Seemannspullover. Keine Mütze, trotz Halbglatze. Im Occupy-Camp übernimmt Rubach die handfesten Aufgaben. Platten, Paletten und Planen sind die häufigsten Baustoffe, um den Witterungen zu trotzen. Denn bei solchen Minusgraden reichen Igluzelt und Isomatte nicht aus. „Häufig sind das Baustellenabfälle, die wir hier verwenden“, sagt er. „Da werden wir angerufen, von Leuten, die uns mögen, und die sagen uns dann, wo wir hinmüssen.“

Neulich gab es einen solchen Tipp. Mareike Wolf will jetzt die Holzpaletten holen fahren, aber der tarnfarbene MercedesTransporter will wegen der Kälte nicht anspringen. Kurz bevor die Batterie keine Kraft mehr hat, hustet sich der Motor doch in Gang und spuckt eine schwarze Dieselwolke aus dem Auspuff. Zwei Stunden später wird die 23 Jahre alte Frau ihren Mitstreitern im Camp die Ausbeute präsentieren: Rund 30 Transportpaletten, die sogleich verbaut werden können. Wer im Camp übernachte, brauche aber noch mehr gegen die Kälte, sagt Wolf. „Mein Tipp: drei Decken, zwei Schlafsäcke, eine Isomatte und eine Matratze.“ Denn in reinen Schlafzelten dürfen nachts keine Gasbrenner laufen, wegen der Brandgefahr. Nur im Aufenthaltszelt der Nachtwache wird geheizt.

Ein Camp-Bewohner gibt wegen der Kälte auf

Warme Mahlzeiten gibt es selten im Camp, Kaffee und Tee müssen oft reichen. Ein älterer Herr sei vor ein paar Tagen vorbeigekommen, erzählt Peter Rubach. Gut gekleidet sei er gewesen, teurer Mantel, feine Schuhe. Einen Umschlag hatte er dabei, eine Spende für die Aktivisten, damit sich jeder eine warme Mahlzeit kaufen könne. Aber anonym wollte er bleiben, er sei schnell wieder gegangen. Im Umschlag lagen 1200 Euro.

Solche Spenden sind selten, das Geld hat für ein paar wichtige Erledigungen gereicht und für etwas Essen. Die Kälte hat es nicht vertrieben. Wegen der Minusgrade gibt heute ein Camp-Bewohner auf. Der junge Mann bricht sein Zelt ab, packt Hab und Gut in seinen Fahrradanhänger und verlässt den Platz. Im Frühjahr will er vielleicht in Berlin wieder Protestzelten. Wenn Hoch „Cooper“ sich verzogen hat und das Essen morgens nicht mehr gefroren ist.

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