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Stichwahl in Frankfurt : Nur ein paar Schritte zur Wahl

Sie haben die Wahl! Peter Feldmann oder Bernadette Weyland in Frankfurt an die Spitze Bild: dpa

Alle Vorzüge eines funktionierenden Gemeinwesens freudig anzunehmen, an einem Wahltag aber so zu tun, als ginge einen das gar nichts an, zeugt von Arroganz und Ignoranz. Ein Kommentar.

          Ja, ja, es gibt immer Gründe, nicht zur Wahl zu gehen. Manche davon hört man an jeder Ecke. Die Kandidaten entsprechen nicht dem eigenen Gusto, die Wahl ist ohnehin schon entschieden, oder der Beruf führt einen sowieso schon bald wieder in eine andere Stadt.

          Ja, und? Joachim Gauck hat seit der Wiedervereinigung an jeder Wahl teilgenommen. Vermutlich hat er, wie wir alle, nicht jedes

          Mal hundertprozentige Übereinstimmung zwischen seinen Vorstellungen und denen der jeweiligen Kandidaten oder Parteien empfunden. Gauck, in einer Diktatur aufgewachsen, weiß aber aus eigener Erfahrung, was wirkliche Wahlfreiheit wert ist und dass sie einen Wert an sich darstellt.

          Natürlich kann man sich immer alles noch besser, billiger und barrierefreier vorstellen: den Nahverkehr, den Zustand der Schulen, den Straßenbelag, die Radwege, die Eintrittspreise für alles Mögliche und die Namen von Apotheken. Grotesk wird es allerdings dann, wenn der Eindruck erweckt wird, es gebe keine größere Zumutung, als im Frankfurt des Jahres 2018 zu leben. In Wahrheit stimmt, was der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert einmal gesagt hat: Wir leben unter Umständen, um die uns die meisten auf der Welt beneiden.

          Dass es so ist, ist nicht das Verdienst der Politik allein, aber eben auch. Gewiss gibt es in der Politik Postensucht, taktische Spielchen und faule Kompromisse. In Sportvereinen, in Handelskammern, in Bürgerinitiativen und auf Elternabenden gibt es die nicht? Tue doch niemand so, als sei alles Unvollkommene auf der Welt nur in der Politik zu Hause, und deshalb wolle man mit diesem „schmutzigen Geschäft“ am besten nichts zu tun haben. Alle Vorzüge eines funktionierenden Gemeinwesens freudig anzunehmen, an einem Wahltag aber so zu tun, als ginge einen das gar nichts an, zeugt von Arroganz und Ignoranz.

          Ja, es ist legitim, sich nicht bis ins letzte Detail für Politik zu interessieren. Zustimmung zu einem Gemeinwesen kann sich auch auf andere Weise äußern: Arbeit in einer Bürgerinitiative, in einer Stiftung, in der Altenpflege, bei der Tafel, in der Kirchengemeinde, in der Jugendarbeit, in der freiwilligen Feuerwehr, in der Nachbarschaftshilfe, im Elternbeirat. Diese Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements tragen dazu bei, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Aber Zivilgesellschaft kann sich nur entfalten in einem politischen System mit freien Wahlen, in denen die Minderheit von heute die Mehrheit von morgen werden kann. Ist es denn wirklich zu viel verlangt, dafür die paar Schritte zum Wahllokal zu gehen?

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