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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nutztiere Chips an Kuhbeinen und Spielzeug in der Saubox

 ·  Die Zahl der Nutztiere, die auf hessischen Bauernhöfen gehalten werden, sinkt; der Bedarf an Fleisch, Eiern und Milch wird längst nicht mehr aus dem eigenen Land gedeckt. Nun wirbt der Bauernverband für moderne Tierhaltung.

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Wenn die große Schwarzbunte vorsichtig einen der 28 Plätze im Milchkarussel betritt, verrät sie sofort ihre Geheimnisse. Kaum hat das Rind den drehbaren Melkstand betreten, liest ein Computer den grünen Chip am Kuhbein aus und erkennt automatisch das Ausmaß ihrer körperlichen Aktivitäten in den vergangenen Stunden. Ein erhöhter Wert gibt Landwirt Michael Dörr das eindeutige Signal, dass die Milchkuh nun brünstig und bereit für die nächste Besamung ist. Eine andere Software wählt wenig später individuell zu dieser Kuh den passenden Samen aus, damit der Züchtungserfolg garantiert ist.

Hightech im Kuhstall ist kein Luxus, sondern so notwendig wie ein modernes, ausgeklügeltes, computergestütztes Herdenmanagement, wenn die Milcherzeugung in einem Land wie Hessen Zukunft haben soll. Der Hessische Bauernverband verteidigt deshalb offensiv Betriebe wie Dörrs modernen Aussiedlerhof in Roßdorf, der mit 500 Tieren, darunter 270Milchkühen, und mit 208 Hektar Acker- und Grünland schon zu den großen in Hessen zählt, der im internationalen Maßstab aber eine kleine Nummer ist. Die Entwicklung moderner Tierzucht und -haltung in den vergangenen Jahrzehnten lässt sich beispielhaft an der Herde von Dörr ablesen. Vor 40 Jahren gaben die 25 Kühe seines Vaters Karl jeweils 3500 Kilogramm Milch im Jahr. Heute sind es 10.700 Kilogramm je Tier und Jahr und genug, um eine Milchquote von 2,8 Millionen Kilogramm zu erfüllen.

Strategie der Transparenz

Eine Steigerung, die Ergebnis von Genetik und Zucht, aber auch eines vertieften Verständnisses für optimale Haltungsbedingungen. Längst hat auf modernen Höfen der luftige, gut klimatisierte Freilaufstall mit Bewegungsfreiheit, intensiver Überwachung und kontrollierter Fütterung den dunklen, muffigen, engen Kuhstall abgelöst, in dem wenige Tiere den größten Teil ihres Lebens angebunden waren. Dieses neue Haltungsprinzip gilt auch wenige Kilometer weiter auf dem Eidmannshof von Lutz Eidmann. 1965 mit 200 Mastschweinen an den Ortsrand ausgesiedelt, werden heute jährlich 5000 Mastschweine durch den hochmodernen Betrieb geschleust. Binnen viereinhalb Monaten werden mit Futter aus den eigenen 120 Hektar Ackerland rund 1800 Tiere von knapp 30 auf mehr als 110Kilogramm hochgemästet, im nahen Brensbach geschlachtet und vorwiegend von regionalen Metzgern vermarktet.

Höfe wie die von Dörr und Eidmann stehen beim Bauernverband beispielhaft für neue Strategie der Transparenz mit der Botschaft: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Dörr hat sogar einen Erlebnispfad quer durch seinen „Karlshof“ angelegt und empfängt jährlich rund 1000 Schulkinder zum Besuch. Der Bauernverband will mit seiner Informationsoffensive die Tierhalter gegen die aus seiner Sicht meist ungerechtfertigte Kritik in Schutz nehmen und der „Aversion“ vieler Bürger gegen große Tierbestände begegnen. Solche großen Bestände sind nach Ansicht der Landwirte nicht nur wegen der wachsenden Produktions- und Energiekosten und des Preisdrucks auf dem Markt unverzichtbar. Sie seien auch nicht per se besser oder schlechter als kleinere Bestände oder Herden, heißt es.

Unberechenbarkeit der Politik als große Sorge

„Die Tiere haben es heute viel besser als vor 20 Jahren“, ist Bauerverbandspräsident Friedhelm Schneider überzeugt. Das gilt nach Ansicht des Verbands auch für den Geflügelhof Strauß in Reinheim, wo knapp 60.000 Legehennen der hochgezüchteten Linie „Lohmann-Brown LSL white“ jährlich bis zu 50.000 Eier legen. Wie seine beiden Kollegen setzt Axel Strauß, der den Betrieb in der dritten Generation führt, auf selbst erzeugtes Futter, eine möglichst regionale Vermarktungskette und enge Bindungen zu Lieferanten und Kunden, um den Preisdruck abzufedern.

Ihre größten Sorgen - und die des Verbands - sind die Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit der Politik, die langfristig angelegte, kostspielige Investitionen in die Tierhaltung risikoreich erscheinen lässt. Eierproduzent Strauß hatte sich vor einigen Jahren an einer Versuchsreihe zur Kleingruppenhaltung von Hennen in Großkäfigen beteiligt. Trotz nachweisbar guter Ergebnisse für die Tiere und ihre Halter seien Käfige aber nach dem Regierungswechsel politisch nicht gewollt gewesen. Nun teilen sich bei der staatlich verordneten Bodenhaltung neun Hühner einen Quadratmeter im Stall, in dem der Tagesablauf der Hühner mit Lampen künstlich gesteuert wird.

Grad der Eigenversorgung in Hessen gering

Der Bauernverband hat sich nach Angaben von Präsident Schneider inzwischen mit dem Tierschutzverband darauf verständigt, dass statt von Massentierhaltung künftig nur noch von Intensivtierhaltung gesprochen wird. Zu diesem neuen Begriff steht der Verband bewusst, denn diese Art der Tierhaltung sei notwendig.

Schon jetzt ist der Grad der Eigenversorgung in Hessen gering. Die hessischen Landwirte können weniger als ein Drittel des Bedarfs an Schweinefleisch im Land decken, nur etwa die Hälfte des Milchkonsums befriedigen und höchstens 15 Prozent der Nachfrage nach Eiern stillen. Nur noch 145000 Milchkühe stehen in Hessen und etwa 400.000 Mastschweine. Es werden immer weniger. 1979 legten in Hessen noch mehr als drei Millionen Hühner ihre Eier, aktuell sind es weniger als 900.000. Der Bauerverband erwartet, dass der Selbstversorgungsgrad in Hessen weiter sinkt. Nicht nur wegen des anhaltenden Strukturwandels der Landwirtschaft und dem Mangel an Hofnachfolgern in vielen Betrieben. Nur jeder dritte Bauer in Hessen lebt heute ausschließlich noch von seinem Gewerbe. Kommunen und Bürger stellen sich den Landwirten bei geplanten Investitionen in neue Ställe oder Biogasanlagen immer energischer entgegen. Die Bauern vermissen ein investitionsfreudiges Klima im Land.

Sanfte Massagen für die Rinder

Doch Betriebsgröße und Investitionsbereitschaft sind Indikatoren für Erfolg, und nur für erfolgreiche Höhe auf Wachstumskurs gibt es auch einen Nachfolger in der Familie. Die Landwirte halten deshalb nichts von der weit verbreiteten „Schulbuchromantik“ vom bäuerlichen Leben und allzu verklärten Vorstellungen naturferner Städter, was ein vermeintlich „glückliches“ Rind, Schwein oder Huhn ist. Sie messen den Komfort der Haltung und das Wohlbefinden ihrer Tiere an der Leistung. Nur wenn das Klima in den Ställen stimmt, die Tiergesundheit hoch ist, artgemäße Nahrung und Wasser stets verfügbar sind, dann ist auch die Milchleistung der Kuh groß, nur dann ist die Gewichtszunahme beim Schwein stark und die Legeleistung der Hühner hoch, so das Credo.

Im Kuhstall von Dörr sorgen deshalb Bürsten für sanfte Massagen der Rinder, Ventilatoren für ein angenehmes Klima und während der Melkzeit gibt es Musik. Im Schweinestall bieten an Ketten aufhängte Holzstücke ein wenig Abwechslung im Mastalltag. Die Hühner haben künstliche, abgedunkelte Nester, um das Eierlegen zu stimulieren. Tiergesundheit ist schon deshalb die wichtigste Maxime, weil die Kosten sonst jede Kalkulation über den Haufen werfen. Bei Dörr entfallen allein 0,5 Cent auf jeden Liter Milch für Tierarztkosten.

„Wehmut können wir uns nicht leisten“

Auf allen drei, hessenweit mustergültigen Höfen wird kein Tier jemals den Stall verlassen, um eine Weide zu sehen. Die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern unterliegt einem strikten betriebswirtschaftlichen Konzept, die Bauern stehen unter großem Druck. Die Produktionskosten je Ei beispielsweise liegen bei mindestens neun Cent, der Großhändler nimmt sie für 14 Cent wieder ab. Die 270 Milchkühe von Dörr geben jährlich jeweils rund 10.700 Kilogramm Milch, was hessenweit ein außerordentlich guter Wert ist. Der Milchpreis, den ihm die Nürnberger Bayernland Genossenschaft bietet, ist mit 29 Cent je Liter aber derzeit mehr als mäßig. Bei Schweinefleisch zieht der Preis gerade wieder an, die weitere Entwicklung bleibt aber unwägbar.

Bei aller Liebe der Bauern zum Tier. Wenn nach 13 Monaten die Legeleistung nachlässt, wenn nach fünf, sechs Jahren die Milch sparsamer fließt oder nach fünf Monaten das Mastziel in der Sauenbox erreicht ist, dann wandern Huhn, Kuh und Schwein zum Metzger, werden zu Hühnerfrikassee, Rinderbraten und Schnitzel. „Wehmut können wir uns nicht leisten“, heißt es unisono von den Höfen. Wie jedes mittelständische Unternehmen wollen die Landwirte einen gewissen Lebensstandard erreichen, ihre Familie und die ihrer Mitarbeiter gut versorgt und die betriebliche Zukunft gesichert wissen: „ Wir machen das alles nicht zum Spass“, sagt Eidmann. Im Stall ist kein Platz für Romantiker.

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Jahrgang 1961, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

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