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Norah-Studie : Erste Ergebnisse zum Fluglärm im Frühjahr

Auch ohne Studie: Fluglärmgegner sind von der negativen Wirkung von Fluglärm überzeugt. Bild: Eilmes, Wolfgang

Der Leiter der Norah-Studie, die den Einfluss von Fluglärm auf die Gesundheit untersucht, bittet um Geduld. Eine Gesamtbewertung wird erst 2015 vorliegen. Die Kritik an der Untersuchung hält an.

          Es wird, wenn man den Wissenschaftlern folgt, die bisher umfangreichste, am stärksten differenzierte und aussagekräftigste Studie darüber, was Lärm mit Menschen macht und was er in ihnen auslöst. Norah, ein Akronym aus englischen Begriffen für lärmverursachte Belästigung, Lernfähigkeit und Gesundheit, spaltet gleichwohl weiterhin die Region. In jene, die geduldig noch fast zwei Jahre auf Erkenntnisse von Medizinern, Psychologen und Akustikern warten wollen, wie riskant Verkehrslärm, insbesondere das Getöse der Flugzeuge, für die Gesundheit der Bürger im weiten Umfeld des Frankfurter Airports ist. Und in die anderen, die argwöhnen, die vom Flughafenbetreiber FraportAG mitfinanzierte Studie, die fast zehn Millionen Euro kosten dürfte, solle vor allem als Beruhigungspille der Luftverkehrsbranche dienen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erste Ergebnisse sind für das nächste Frühjahr zu der Frage angekündigt, ob und in welchem Maß Fluglärm die Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit von Kindern beeinträchtigt. Für die erste Hälfte 2015 sind die übrigen Resultate und eine Gesamtbewertung avisiert.

          Einige Mediziner wollen Untersuchungen abbrechen

          Auf einer Veranstaltung des Umwelt- und Nachbarhauses am Mittwochabend in Raunheim flackerte das Misstrauen gegen Norah abermals auf. Vor allem Ärzte zeigten sich skeptisch, ob angesichts der schon vorliegenden Erhebungen eine solche aufwendige und teure Studie noch nötig sei. Bekanntlich hatten 50 Mediziner schon vor einiger Zeit einen Appell verfasst, die Untersuchungen abzubrechen, weil eine Korrelation zwischen Fluglärm und Erkrankungen vor allem des Herz- Kreislauf-Systems längst erwiesen sei.

          Erst vor wenigen Tagen war eine weitere Expertise hinzugekommen. Forscher an der Mainzer Universitätsklinik hatten gemeinsam mit amerikanischen Kollegen nachgewiesen, dass Lärm die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigere und die Funktion der Blutgefäße beeinträchtige, was die Gefahr von Bluthochdruck und Infarkten erhöhe. Für die Studie hatten sie 75 Männer und Frauen Fluglärm von durchschnittlich 60 Dezibel ausgesetzt.

          Studie analysiert Daten von 1,5 Millionen Personen

          Der Koordinator der Norah-Studie, der Bochumer Psychologieprofessor Rainer Guski, warb gleichwohl um Vertrauen für die neue Methodik und bat um Geduld angesichts der Dauer der Untersuchungen. Es werde sich lohnen, am Ende werde eine zuverlässige Basis von Daten vorliegen, um die gesundheitlichen Risiken von Fluglärm möglichst spezifisch einschätzen zu können.

          Wesentlich sollen dabei die Beobachtung über mehrere Jahre und die Einordnung der Belastungen vor und nach Inbetriebnahme der neuen Landebahn sein. Auch Lebensweise und mögliche Wohnortwechsel der Menschen sollen einfließen. Die AOK Hessen und Rheinland-Pfalz sowie die DAK Gesundheit liefern die Daten von insgesamt rund 1,5 Millionen Versicherten, um anhand ihrer behandelten Erkrankungen weitere Anhaltspunkte dafür zu finden, ob in besonders lärmbelasteten Gebieten tatsächlich signifikante Risiken zu erkennen sind.

          Kein eindeutiges Ergebnis absehbar

          Die Ende 2010 vom hessischen Landtag beschlossene (und mit vier Millionen Euro subventionierte) Studie wurde in mehrere Abschnitte aufgeteilt, nach langwierigen Vorbereitungen begann man im Sommer 2011 mit den Befragungen. Um den Grad der Belästigung und der Einschränkung der Lebensqualität einschätzen zu können, wurden rund 9000 Menschen interviewt. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Wissenschaftler am Ende die so viele Bürger bewegende Frage, ob Lärm und insbesondere auch Fluglärm krank macht, nicht mit Ja oder Nein beantworten werden. Selbst wenn sie am Mittwochabend im Raunheimer Rathaus noch keine Zwischenergebnisse nennen wollten, äußerten sie doch Zweifel, ob der Dauerschallpegel weiterhin Maß aller Regelungen zum Schutz vor Fluglärm bleiben könne. Ein Biologe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der die Untersuchungen zum Schlafverhalten leitet, sieht sich in früheren Forderungen bestätigt, für die Nachtstunden vielmehr die Zahl der Aufwachreaktionen als weitaus wesentlicheres Kriterium dafür zu nehmen, wie stark die Anwohner belastet sind.

          Die Norah-Forscher wollen außer vielen anderen Fragen auch untersuchen, weshalb die Zahl der Menschen, die durch Flugzeuge ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt sehen, in den vergangenen Jahren offenbar stark zugenommen hat. Ein Mann aus Rüsselsheim („Ich muss seit 30 Jahren mit Fluglärm leben“) drückte an dem Abend knapp, aber eindringlich aus, weshalb für ihn die nach objektiven Schallwerten ähnliche Geräuschkulisse einer nahen Autobahn viel leichter zu ertragen sei: „Lärm, bei dem man nicht weiß, wann er kommt und wann er geht, das ist der schlimmste.“

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