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Filmfestival Nippon Connection : Die Geister, die ich rief

Die perfekte Welle: Keiichi Haras „Miss Hokusai“ ist heute und morgen zu sehen Bild: Foto 2014-2015 Hinako SugiuraMS.HS / Sarusuberi Film Partners

Das Japanische Filmfestival Nippon Connection bringt zum 16. Mal Sinnliches und Übersinnliches nach Frankfurt.

          Vermutlich war auch daran ein guter Geist schuld: Erstens hat Kiyoshi Kurosawa, in seiner Heimat Japan einer der bekanntesten Regisseure, sein Versprechen gehalten und ist zur Eröffnung des 16. Japanischen Filmfestivals Nippon Connection in den Frankfurter Mousonturm gekommen. Und zweitens hat er mit einer verblüffenden Assoziation Frankfurt, sein bisheriges Lebenswerk und den roten Faden des diesjährigen Festivals überaus elegant zusammengefügt, das bis Sonntag gut 100 japanische Filme zeigt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ob er es war, der Festivalleiterin Marion Klomfass zuraunte, bei Nippon Connection sei es viel, viel schöner als in Cannes? Das Publikum scheint davon seit 16 Jahren ohnehin überzeugt zu sein – schon am Eröffnungsabend herrschten drangvolle Enge und beste Laune. Kurosawa wiederum ist der einzige Regisseur der Welt, der es bislang geschafft hat, mit drei verschiedenen Filmen innerhalb nur eines Jahres die Festivals von Cannes, Venedig und Berlin zu bestücken. Nun also kam er nach Frankfurt, zum ersten Mal, um den „Nippon Honor Award“ entgegenzunehmen. Zur Eröffnung hatte er den in Cannes ausgezeichneten „Journey to the Shore“ (2015) mitgebracht. Und gestand, er habe den Frankfurter Stadtplan intensiv studiert, aber: „Ich verstehe diese Stadt nicht.“ Keine Hauptstraße weise der Grundriss auf, keinen Mittelpunkt, und wenn er durch die Straßen flaniere, schaue jedes der schönen alten Gebäude in eine andere Richtung.

          Geister müssten nicht nur in Horrorfilmen vorkommen

          Frankfurt sei also wohl ganz natürlich entstanden, ohne Plan, folgert Kurosawa – und ähnele damit seinem bisherigen Lebenswerk. Insofern hatte es Konsequenz, dass Kurosawa nicht nur mit „Creepy“ (2016), einem Thriller der besonders gruseligen Art, im diesjährigen Wettbewerb Nippon Cinema vertreten ist. „Journey to the Shore“ ist ein Drama über Tod, Trauer und Schuld, das allerdings auch nicht ohne Schrecken auskommt. Denn die Hauptfiguren sind zum großen Teil Tote, oder vielmehr Untote. An ihnen oder von ihnen ist noch etwas gutzumachen. Geister, gab Kurosawa dem Publikum mit auf den Weg, müssten nicht nur in typischen Horrorfilmen vorkommen.

          Geistern und Dämonen ist zwar offiziell nur die Retrospektive im Deutschen Filmmuseum gewidmet. Geister aber spielen in den traditionellen japanischen Künsten eine ebenso große Rolle wie in Mangas und Filmen. Und Nippon Connection, das seit 16 Ausgaben dem europäischen Auge die Wunder und die Klischees der japanischen Bildwelten eröffnet, vom typischen Genrefilm bis hin zu den immer häufigeren Mischformen, zeigt diesmal reichlich Filme, in denen das Übersinnliche in Erscheinung tritt.

          Nippon Connection endet am Sonntag

          Tote kehren nicht nur bei Kurosawa zurück: Auch Altmeister Yoji Yamada lässt in „Nagasaki – Memories of my Son“, am Samstag um 12 Uhr als internationale Premiere zu sehen, einen Toten wiederkehren. Koji, der in der Atombombe von Nagasaki starb, erscheint seiner Mutter. Yamadas Drama aus den ersten dunklen Nachkriegsjahren Japans ist, nicht zuletzt dank der Musik Ryuichi Sakamotos, auch ein Melodram, das in Form und Rhythmus an die Filme der vierziger Jahre anknüpft. Und zeigt, wie so viele Festivalbeiträge, ein Stück hier eher unbekanntes Japan. Dazu zählt auch Keiichi Haras mitreißender Animé „Miss Hokusai“, der nicht nur auf spielerische Weise die „Große Welle vor Kanagawa“ vorführt, sondern aus den Bruchstücken einer wahren Biographie bewegende Funken schlägt: Er erzählt von Oei, der Tochter des Malers Hokusai (1760–1849), dem auch die Erfindung des Wortes Manga zugeschrieben wird. Kaum jemand weiß, dass diese Tochter selbst eine hochbegabte Künstlerin war. Ihren Konflikt mit dem schwierigen Vater, ihre Emanzipation im historischen Edo, dem heutigen Tokio zeigt Hara auch, indem er Hokusais und Oeis Bilder lebendig werden lässt – samt der Dämonen, Geister und Götter darin (heute um 19.30 Uhr, morgen um 14 Uhr).

          Und sogar in Sion Sonos schrillem und doch traurigem Pop-Gesellschaftsporträt „Love & Peace“ (am Samstag um 19.45 Uhr) ist es eine Wunder wirkende Schildkröte, die das Leben des Antihelden und ganz Tokios auf magische Weise verändert. Auch Siono, dessen grandioser „Love Exposure“ (2008) seinerzeit bei Nippon Connection zu sehen war, ist mit zwei Beiträgen vertreten. Längst sind seine exzentrischen Filme kein Geheimtipp mehr, häufige Besucher des Frankfurter Festivals haben schon eine Siono-Retrospektive erleben können. Nun kommt, auch dank deutscher Förderung, sein jüngster Film „The Whispering Star“ in die Kinos: Dieser zweite Wettbewerbsbeitrag Sionos ist zum Festivalabschluss noch einmal am Sonntag um 22.15 Uhr zu sehen. Die guten Geister von Nippon Connection haben bis dahin alle Hände voll zu tun.

          Das Filmfestival Nippon Connection findet noch bis Sonntag statt. Informationen im Internet unter www.nipponconnection.com

          Quelle: F.A.Z.

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