An die Luft gesetzt hat sich der Intendant erst mal selbst. Bevor am Freitagabend zum ersten Mal das Mousonturm-Radio Multifon „on air“ geht, ist Niels Ewerbeck mit der gesamten Belegschaft des Frankfurter Künstlerhauses in den fünften Stock umgezogen, weg von Baulärm und Staub. Nur gut, dass er von seinem Team, das zum größten Teil aus jenem seines Vorgängers Dieter Buroch besteht, in warmen Worten spricht: Auf engstem Raum, in den Gästewohnungen und Ateliers, arbeitet es nun zusammen.
Mag der Spielplan bislang auch verwaist wirken: Den Umbau des Hauses versteht Niels Ewerbeck, seit 1.Januar Nachfolger des Gründungsintendanten Dieter Buroch, als Teil seiner Programmatik. Der große Saal wird entkernt und soll von 6.September an mehr Spielfläche bieten, Foyer und Restaurant werden zusammengelegt, die Arbeitsflächen von Produktion, Technik und Verwaltung werden umgestaltet. Auch die neuen Logos, Plakate und ein noch nicht ganz fertiger Internetauftritt geben die Richtung vor: „Wenn man auf die frühere Internetseite guckte, hätte es auch ein Stadttheater oder Museum sein können. Es ging uns darum, die Idee von freiem Theater anders zu behaupten, das Prozesshafte, Lustvolle“, so Ewerbeck.
Kunstgeschichte studiert
Das soll auch das erste Produktionsformat des neuen Teams zeigen, das Ewerbeck um zwei Dramaturgen, Martine Dennewald und Marcus Droß, ergänzt hat. Am Freitag um 19 Uhr geht Multifon auf Sendung, ein Ukw-Sender, der im Mousonturm und in dessen nächster Umgebung zu empfangen ist und auch im Internet zu hören sein wird. Dunja Funke wird an 13 Freitagen das Magazin moderieren, eigene Features produzieren und sich mit verschiedenen Protagonisten als Feldforscherin in der Stadt umsehen. Außerdem sollen Künstler je zwei Stunden „eine Plattform für eine ganze Session haben, in der es nur um sie geht. Wir werden natürlich vor allem mit Künstlern arbeiten, die wir später auch auf der Bühne oder in anderen Formaten präsentieren werden“, sagt Ewerbeck. Morgen wird andcompany zu Gast sein, ebenfalls schon in der Stadt aktiv ist Mats Staub, der mit den Bewohnern des benachbarten Wohnstifts ein Projekt mit Jugenderinnerungen erarbeitet. Das Foyer, in dem nun trotz Baustelle der erste Multifon-Abend stattfindet, soll künftig dreimal im Jahr von Künstlern umgestaltet und, verbunden mit dem Restaurant, ein Begegnungsort werden: „Da passt der Name ,Künstlerhaus‘ ganz wunderbar. Es ist mir ein extremes Bedürfnis, dass die Künstler, die hier arbeiten, sich zu Hause fühlen und gerne bleiben möchten.“
Freies Theater mit demselben professionellen Selbstbewusstsein zu verstehen wie Stadttheater, hat Ewerbeck, der Kunstgeschichte studiert hat, schon im Berliner Hebbeltheater gelernt. Auch in Frankfurt hat er sich umgesehen und will mit Hochschulen, Absolventen und ortsansässigen Künstlern zusammenarbeiten. Dass die freie Szene in der Stadt an einigen Schwierigkeiten leidet, ist ihm aufgefallen. „Was eigentlich überrascht: In dieser Stadt gibt es ein Haus wie den Mousonturm, von denen es nicht viele gibt, es ist toll, dass die Stadt sich das leistet. Auf der anderen Seite gibt es hervorragende Ausbildungsinstitute, sowohl in Frankfurt als auch in Gießen. Und doch scheint es nicht zu gelingen, der freien Szene in Frankfurt eine Ausstrahlung zu verleihen, die über die Grenze der Stadt hinaus in irgendeiner Weise Wirkung hätte. Und ich bin überzeugt, dass das auch an der Förderpolitik liegt.“ Es werde in der Stadt „enorm viel Geld für die Kultur und für Projekte gegeben, aber es wird nach wie vor nach einem Gießkannenprinzip verteilt“. Eine gezielte Auswahl vermisst Ewerbeck durchaus, die Künstlern das Leben und Arbeiten in Frankfurt ermöglichen könnte. Die Befürchtung, unter Ewerbeck, der gute sieben Jahre lang das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee und zuvor das Forum Freies Theater Düsseldorf geleitet hat, werde im Mousonturm der Tanz an Bedeutung verlieren, hat der 1962 geborene Kölner nun schon öfter gehört: „Ich liebe den Tanz sehr. Ich finde nur, dass ein Künstlerhaus Mousonturm nicht ausschließlich den Tanz fördern kann.“ Viele Künstler arbeiteten ohnehin „im Zwischenbereich von Tanz und Theater“, ihm schwebt ein ausgeglichenes Verhältnis von Tanz und Theater-Performance vor. Dass der Mousonturm in den vergangenen Jahren vor allem für Tanz wahrgenommen worden sei, habe auch mit der Strategie Burochs zu tun, sich von dem an Performances orientierten Schauspiel Elisabeth Schweegers abzugrenzen.
„The future will be confusing“ als „Wahlspruch“
Ewerbeck plädiert für das Interdisziplinäre, die Begegnung, für die das mit mehr als 160 bildenden Künstlern, Musikern, Performern geplante Festival „Lüften“ steht, das von 22. bis 24.Juni in und an der Jahrhunderthalle stattfinden soll: eine Feier der Gattungsüberschreitungen, wie sie Produktionshäuser wie der Mousonturm seit 20 Jahren pflegten. „Wir behaupten als großes Event, was sonst ein Nischendasein führt. Die Zuschauer sollen zwischen den Künsten flanieren. Eine Form, die eine andere Offenheit bewirkt und dazu beitragen kann, dass sehr stark voneinander getrennte Szenen, auch des Publikums, Berührungen erfahren.“
Als radikal anderer Kurs erscheint nicht, was Ewerbeck im Mousonturm vorhat, wenn er auch neue Pflöcke einschlagen will. Auch einiges Bewährte wird weitergeführt. Sogar für „Jazz im Museum“, die beliebte Sommerkonzertreihe, die dieses Jahr der Jeff-Koons-Schau wegen nicht im Garten des Liebieghauses stattfinden kann, ist jetzt eine Lösung gefunden: Von 22.Juli an findet „Location Jazz 2012“ in der Sommerlounge auf dem Börsen-Parkhaus statt.
Einen „Wahlspruch“ hat Ewerbeck in einer Arbeit des Forced-Entertainment-Kopfes Tim Etchells gefunden: „The future will be confusing“ heißt die Neonarbeit, die der Intendant ankaufen will und am liebsten außen am Haus anbringen würde. „Ich finde, dass dies ganz präzise unsere Aufgabe beschreibt: Wie können wir Leute dafür gewinnen, sich dieser Unsicherheit, die ja besteht, auf eine lustvolle Art und Weise auszusetzen und den Erkenntnispotentialen der Kunst einen anderen Stellenwert einzuräumen, als wir das bisher gewohnt sind?“