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Forschungsprojekt an der Nidda : Renaturierung allein reicht nicht

Was krabbelt da? Jörg Oehlmann untersucht mit Kindern die Nidda-Fauna. Bild: Silber, Stefanie

Ein Forschungsprojekt an der Nidda in Frankfurt soll zeigen, was für die Wasserqualität eines Flusses wirklich zählt.

          Das Wasser am Höchster Wehr umspült gurgelnd die Steine im renaturierten Flussbett. Niddaaufwärts, am Berkersheimer Bogen, tragen die Erlen am sanft ansteigenden Ufersaum deutliche Bissspuren der Biber. Wenige Schritte entfernt hat in diesem Sommer das erste Frankfurter Storchenpaar seit fast 50 Jahren gebrütet. Idylle pur. Und das in Frankfurt. Flussaufwärts, im Wetteraukreis, gibt es noch viel mehr renaturierte Flussabschnitte. Die Gewässerdaten, die das Land Hessen aufgrund der Vorgaben der EU ermittelt hat, ergeben allerdings ein anderes Bild. Der ökologische Gesamtzustand des größten Teils der Nidda und ihrer Nebenflüsse gilt als „schlecht“. Er erreicht nur den untersten Wert auf einer Skala von eins bis fünf. Das zwingt Bund und Land zum Handeln.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Nidda ist nicht das einzige Gewässer in Hessen, das den Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie nicht genügt. Danach sollten sich bis 2015 alle Flüsse in einem „guten bis sehr guten ökologischen Zustand“ befinden. Bundesweit erfüllen zehn Prozent der Fließgewässer die Vorgabe, in Hessen nur acht Prozent. Nun soll das Ziel bis 2027 erreicht werden, doch die Fachleute sagen heute schon, das sei nicht zu schaffen. Zumal man noch zu wenig darüber weiß, warum bestimmte Flussabschnitte in schlechtem Zustand sind, und was man dagegen tun kann.

          Unter Federführung der Frankfurter Universität

          Deshalb gibt es „Nidda Man“, ein vom Bundesforschungsministerium gefördertes Verbundprojekt unter Federführung der Frankfurter Universität. Fachleute von zwölf Partner-Institutionen, darunter Mitarbeiter der Bundesanstalt für Gewässerkunde, Wasserbauingenieure und Kläranlagenbauer, erarbeiten über drei Jahre hinweg zusammen mit Naturschützern, Angelvereinen, Landwirten und Behörden eine Strategie für ein „nachhaltiges Wassermanagement“ an der Nidda.

          Eine so umfassende Zusammenarbeit ist etwas völlig Neues. Die Nidda-Erfahrungen sollen anschließend auf viele andere Gewässer übertragen werden. Denn die Nidda entspricht als Mittelgebirgsfluss einem Gewässertypus, der in Deutschland sehr häufig ist. Dass der Fluss noch dazu im dichtbesiedelten Rhein-Main-Gebiet liegt und in der Wetterau intensiv Landwirtschaft betrieben wird, macht das Modellprojekt für andere Regionen interessant. „Nidda Man“ - die Abkürzung steht für Nidda-Management - ist eines von 14 bundesweiten Projekten, die vom Forschungsministerium gefördert werden. 2,4 Millionen Euro stehen dafür bereit. Mit dem Projekt wurde im vergangenen Sommer begonnen.

          „Endlich beschäftigen wir uns einmal mit dem, was unter der Wasseroberfläche liegt“, sagt Angler Marco Weller, der zur Interessengemeinschaft Nidda gehört, einem Zusammenschluss der Angelvereine. Für die Angler seien die Erfahrungen mit der naturnahen Gestaltung des Flussbetts oft ernüchternd gewesen. „Wir dachten, nach einer Renaturierung haben wir auf einen Schlag mehr Fische.“ Doch oft gab es nach der Umgestaltung des Flusses sogar erst weniger zum Angeln, später tauchten andere Fischarten auf als erwartet. Niemand habe im Blick gehabt, wie sich der Boden des Flusses verändert habe. Dort aber lebten die Tiere, von denen sich die Fische ernährten.

          Die Hoffnung, durch Renaturierungen würden die Flüsse automatisch sauberer, hat getrogen. Zwar sei die Gewässerstruktur an den umgestalteten Stellen gut, sagt der Frankfurter Biologieprofessor Jörg Oehlmann, der das Verbundprojekt koordiniert. Auch gebe es inzwischen zum Beispiel wieder Bachforellen, Barben und Nasen. Doch die von der EU geforderten Verbesserungen seien ausgeblieben.

          Damit der Zustand eines Flusses als „gut“ gelten kann, müssen darin für den Gewässertyp spezifische Lebensgemeinschaften von Fischen, Wasseralgen, wirbellosen Tieren und höheren Wasserpflanzen vorkommen. Zudem darf das Gewässer nicht durch zu viele Schadstoffe belastet sein, und die Wassertemperatur muss stimmen. Oehlmann gesteht zu, dass das Bewertungssystem der EU streng ist. Wenn nur eine Vorgabe in einer der Kategorien nicht erfüllt wird, sinkt die Bewertungsnote des Flusses.

          Nach einem Jahr „Nidda Man“ steht für den Professor fest, dass vor allem die Abwässer aus den Kläranlagen dem Fluss zusetzen. Mehrere Dutzend dieser Anlagen gibt es an der Nidda, im gesamten Einzugsgebiet des Flusses sind es knapp 70. Rückstände von Körperpflege- und Arzneimitteln etwa sind in der Nidda nur in kleinen Mengen nachweisbar, „doch für die Organismen scheinen sie problematisch zu sein“, sagt Oehlmann.

          Im Fluss finden sich aber auch in der Landwirtschaft längst verbotene Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln wie Terbutryn. Der Stoff werde heute noch in Farben für den Außenanstrich verwendet und gelangt mit dem Regenwasser in den Fluss. Über den Regen kommen auch Düngemittelrückstände aus der Landwirtschaft hinzu. Ein weiteres Problem sind feine Bodenpartikel von den Äckern, die mit starken Regenfällen in die Nidda geschwemmt werden. Die Teilchen verdichten das Sediment am Boden des Flusses so stark, dass Würmer und Muscheln ihren Lebensraum verlieren.

          „Dieses komplexe Zusammenspiel zu ermitteln“ stellt Oehlmann zufolge die größte Herausforderung für das Projekt „Nidda Man“ dar. Die Beteiligten suchten nun nach neuen Verfahren, um Belastungen in den Flüssen schnell nachzuweisen. Anfang 2018 soll ein Computerprogramm namens „Nidda-Pro“ fertig sein, das den Verantwortlichen in den Wasserbehörden und Abwasserverbänden zeigt, wie der Zustand bestimmter Flussabschnitte verbessert werden kann.

          Es könnte etwa ratsam sein, auf eine Renaturierung zunächst zu verzichten und stattdessen die Abwässer aus der Kläranlage stärker zu reinigen. Oder nur dort zu renaturieren, wo es in der Nähe noch die gewünschten Fische und Algen gebe, sagt der Forscher. Auch größere Randstreifen an den Äckern hülfen schon, weil dafür weniger Erde in den Fluss geschwemmt werde. „Das ist bisher alles außer Acht gelassen worden.“

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