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Medizinstudium in Mainz : Im Notfall hilft der Knochenbohrer

Das ABC-Team: Kristina Staude (zweite von links) hat das Bein von „Unfallopfer“ Nicole Großmann angebohrt, um einen Zugang für eine Infusion zu legen. Bild: Helmut Fricke

Wie Schwerverletzte richtig versorgt werden, lernen Medizinstudenten der Uni Mainz in einem neuen Projekt. Geübt wird im echten Schockraum - und am echten Menschen.

          Jonas ist vom Baum gefallen, aus zehn Metern Höhe, aber dafür geht es ihm eigentlich ganz gut. Die Schmerzen in seinem linken Bein hat der Notarzt schon mit einer Spritze gedämpft. Jetzt liegt der Zehnjährige im Schockraum E 602 des Mainzer Uniklinikums, jammert ein bisschen über die Halsstütze, die ihm vorsichtshalber angelegt wurde, und hat ansonsten vor allem eine Sorge: „Weiß die Mama, wo ich hier bin?“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kristina Staude beruhigt den Jungen: Die Eltern wissen Bescheid und sind auf dem Weg ins Krankenhaus. Derweil untersuchen Staudes Kollegen den Pechvogel. Einer kontrolliert, ob der Bub gut atmen kann, und er bekommt einen Zugang für Infusionen gelegt. „Was macht ihr da auf meinem Bauch?“, will Jonas wissen, als mit Ultraschall geprüft wird, ob er innere Verletzungen hat. Auf dem Monitor ist nichts Alarmierendes zu sehen. Staude fragt den Baumkletterer: „Weißt du noch, was passiert ist?“ So genau kann sich Jonas nicht erinnern, aber immerhin zeigt seine Antwort: Er ist wach und orientiert. Sieht so aus, als sei der gebrochene Unterschenkel die einzige ernste Folge des missglückten Abenteuers. Das Schockraum-Team hat seinen Job erledigt, und Staude sagt zu Jonas: „Wir fahren jetzt zum Röntgen.“

          Klare Ansagen sind wichtig

          Gleich darauf schwingt sich der Patient munter von der Liege. Jonas heißt in Wirklichkeit Nicole Großmann, und der jungen Frau fehlt überhaupt nichts. Auf ihrem linken Bein bilden zwei Klebestreifen ein rotes Kreuz - damit sich Staude und die anderen Mitspieler des Szenarios die Verletzung besser vorstellen können. Großmann, Medizinstudentin und Rettungsassistentin, macht Platz für Sebastian Kuhn. Der Oberarzt versammelt die fünf Studenten, die an der Übung mitgewirkt haben, zur Nachbesprechung. Kuhn gibt zuerst Tim Demare das Wort. Er hat den Notarzt gespielt, der Teamleiterin Staude telefonisch über den Zustand des Unfallopfers informierte. Danach schaute er zu, wie die anderen sich um Jonas kümmerten. Demare lobt seine Kommilitonen: „Alles lief strukturiert, sehr ruhig. Es hat harmonisch schön gepasst.“

          Kuhn kann sich diesem Urteil weitgehend anschließen. Eines hat der Unfallchirurg aber doch zu kritisieren: Zu oft haben die Nachwuchsmediziner in ihren Dialogen den Konjunktiv gebraucht. „Ich könnte jetzt Ultraschall machen“ ist kein guter Satz für den Schockraum. „Achtet auf klare Ansagen“, fordert der Ausbilder. Also besser: „Ich mache jetzt Ultraschall.“ Neben Kuhn steht Sandra Kurz. Sie ist Oberärztin in der Anästhesie und am heutigen Kurstag Co-Dozentin. Auch ihr ist im Rollenspiel der Studenten eine Ungeschicklichkeit aufgefallen: Einer hat eine Spritze aufgezogen, die dann gar nicht zum Einsatz kam. Bei der Medikamentengabe, mahnt Kurz, sei „geschlossene Kommunikation“ wichtig.

          Die beste Simulation ist nichts gegen den Ernstfall

          Niemand wünscht sich, in einem Schockraum zu landen, aber wenn es denn passiert, sollten die Ärzte dort bitte so freundlich und entspannt sein wie Kurz und Kuhn. Die beiden duzen sich mit ihren Studenten; sie kommandieren nicht und verfallen nicht in zynischen Klinikjargon. Nun ist das hier aber auch weder der lebensbedrohliche Ernstfall noch die nervende Routine auf Station. Die Simulationsübungen gehören zum neuen Lehrprojekt „Praktisches Jahr - Trauma-Team“, das sich Kuhn ausgedacht hat. Es geht darum, die Behandlung von mehrfach schwerverletzten Patienten zu trainieren; Polytraumata nennen die Mediziner solche Notfälle. Allzu häufig sind sie nicht. Von den ungefähr 600 Patienten, die im vergangenen Jahr laut Kuhn in einen Schockraum der Uniklinik gebracht wurden, waren 85 schwerstverletzt. Ungefähr 15 Prozent der Polytrauma-Opfer sterben.

          Im Schockraum: Medizinstudenten im praktischen Jahr trainieren unter Anleitung die Erst-Behandlung eines Notfall-Patienten.
          Im Schockraum: Medizinstudenten im praktischen Jahr trainieren unter Anleitung die Erst-Behandlung eines Notfall-Patienten. : Bild: Helmut Fricke

          Sollen auch Menschen mit vielen Knochenbrüchen, Hirnverletzungen oder starkem Blutverlust eine Überlebenschance haben, müssen die Helfer in der Notaufnahme außer dem fachlichen Können vor allem zwei Eigenschaften mitbringen: Stressresistenz und Teamfähigkeit. Beides soll der von Kuhn entwickelte Unterricht fortgeschrittenen Medizinstudenten vermitteln. Vier Wochen lang befassen sie sich am Computer mit Fallbeispielen und üben mit Patientendarstellerin Großmann, die ihre Doktorarbeit über das Projekt schreiben will, Schockraum-Szenarien. Weil aber selbst die beste Simulation den Adrenalinpegel nie so hochtreibt wie der Ernstfall, sollen die Kursteilnehmer auch dabei sein, wenn echte Schwerverletzte behandelt werden.

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