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Neuer Typ von Energiesparhäusern Das Ende des Wärmedämmverbundsystems

15.02.2012 ·  Wohnungsunternehmen Nassauische Heimstätte und ABG errichten neue Typen von Energiesparhäusern

Von Rainer Schulze, Frankfurt
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Wer baut grüner? Im Rennen um die Krone des energieeffizienten Bauens bekommt die Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding Konkurrenz. Die Nassauische Heimstätte baut im Frankfurter Neubaugebiet Riedberg ein Plus-Energie-Haus im Geschosswohnungsbau. „Eine Weltneuheit“, meint Geschäftsführer Thomas Dilger. Die ABG legt nach: Das kommunale Unternehmen, das seit einigen Jahren ganz auf Passivhäuser setzt, plant gemeinsam mit dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler eine Mustersiedlung am Riederwald, in der neue Dämmstoffe erprobt werden.

„Es sieht nicht aus wie eine Maschine.“ Der Architekt Manfred Hegger, der das Projekt der Nassauischen Heimstätte betreut, hebt hervor, dass sein Entwurf auch wirklich ein Wohnhaus ist. Von außen hat es zwar Ähnlichkeit mit einem Bürogebäude. Doch Hegger versichert, die Technik setze der Architektur keine Grenzen. Das viereinhalb Geschosse hohe, monolithisch wirkenden Gebäude bietet Platz für zwanzig Zwei- bis Fünf-Zimmerwohnungen. Jede von ihnen hat eine Loggia, das Treppenhaus liegt im Kern des Hauses. Das um zehn Grad geneigte Dach und die nach Süden ausgerichtete Fassade werden mit Photovoltaik-Zellen beschichtet. Damit die Gebäudehülle optisch mit den dunklen Solarzellen harmoniert, werden die übrigen Teile der Fassade mit Titan-Zink-Blechen verkleidet. Um die Anforderungen des Passivhaus-Standards auch mit verhältnismäßig dünnen Wänden zu erreichen, sollen moderne Dämmstoffe eingesetzt werden.

Es wird kein Kohlendioxid produziert

Wie ein Passivhaus wird auch das Null-Energie-Haus mechanisch gelüftet, damit keine Wärme verlorengeht. Die dreifach verglasten Fenster können aber jederzeit geöffnet werden. Das gut gedämmte Gebäude ist sogar ein Aktivhaus: Es produziert mehr Energie als seine Bewohner verbrauchen. Die Photovoltaik-Module auf Dach und Fassade liefern genügend Strom, um das Haus mit Elektrizität zu versorgen und auch die Elektroautos und -fahrräder im Untergeschoss aufzuladen.

Das Gebäude ist ein „Nur-Strom-Haus“, in dem kein Kohlendioxid produziert wird. Durch eine Wärmepumpe, deren Quellen ein unterirdischer Wasserspeicher und ein Sonnenkollektor sind, wird das Gebäude beheizt. Der Wasserspeicher, der die Wärmepumpe speist, liegt nur etwa einen Meter unter der Erdoberfläche. Sollte bei einer langen Frostperiode die Temperatur doch unter den Gefrierpunkt fallen, wird durch einen sogenannten Eisspeicher die beim Phasenwechsel von Wasser zu Eis freigesetzte Energie für die Wärmeerzeugung genutzt.

Keine Erdwärme

Stellt man den Energiebedarf für Wärmepumpe und Haushaltsstrom der durch Photovoltaik und Solarthermie produzierten Energiemenge gegenüber, bleibt unter dem Strich ein Energieüberschuss von 33.000 Kilowattstunden im Jahr - eine Strommenge, mit der die zehn Elektromobile in der Tiefgarage jeweils 13.200 Kilometer im Jahr fahren können.

Weil auf die Nutzung der Erdwärme verzichtet wird, entfallen teure geothermische Bohrungen. Hegger zufolge liegen die Baukosten etwa ein Viertel über denen eines herkömmlichen, nach den Vorgaben der Energieeinsparverordnung errichteten Neubaus. Ein Passivhaus kostet etwa acht Prozent mehr als ein herkömmliches Gebäude. Hegger hofft, bis zum Jahr 2025 die Baukosten für Plus-Energie-Häuser auf ein „normales Niveau“ senken zu können. Um die Energiewende zu schaffen, sei es ratsam, „schon heute den Standard von morgen zu bauen“.

Das erste Mehrparteienhaus

Hegger ist in der Branche kein Unbekannter. Gemeinsam mit seinen Studenten an der TU Darmstadt hat der Professor für energieeffizientes Bauen schon zwei Mal den Solar Decathlon gewonnen, einen international renommierten Wettbewerb, bei dem das amerikanische Energieministerium die besten Ansätze für energieautarke Gebäude kürt.

Zwar gibt es in Deutschland schon etliche Einfamilienhäuser, die in der Plus-Energie-Technologie errichtet worden sind. Das Projekt am Riedberg, das im Frühjahr 2014 fertig sein soll, ist allerdings das erste Mehrparteienhaus. „Das ist ein Pionierprojekt“, sagt Dilger. Bewährt sich die Bauweise, überlegt der Geschäftsführer der Heimstätte, sie im großen Stil anzuwenden. „Wir erproben, ob die Technologie massentauglich ist.“

Auch die ABG ist nicht untätig

Über drei Jahre soll das Energiekonzept laut Dilger wissenschaftlich ausgewertet werden. Die zwanzig Wohnungen bleiben im Bestand der Nassauischen Heimstätte und werden für elf bis 14 Euro je Quadratmeter Wohnfläche vermietet. Energiekosten fallen nicht an. Die Autos in der Tiefgarage sollen nach dem Car-Sharing-Modell von den Mietern gemeinsam genutzt werden. „Wir suchen Mieter, die zu dem Konzept passen“, sagt Dilger. Am sinnvollsten sei es, die Energie auch dort einzusetzen, wo sie gebraucht werde.

Unterdessen ist auch die ABG nicht untätig: Auf einem Grundstück am Riederwald werden zehn Musterhäuser errichtet, deren Wände nicht mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen werden. Der wissenschaftliche Partner dieses Projekts ist der Lehrstuhl des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler an der TU Dortmund. Von ihm soll auch die Architektur stammen.

Dilger: „Wir haben nicht den Ehrgeiz, Passivhausmeister zu werden“

Für den ABG-Geschäftsführer Frank Junker bedeutet das keine Abkehr vom Passivhaus-Standard. „Aber wir bleiben nicht stehen“, sagt er. So würden bei dem mit EU-Geldern geförderten Projekt „altherkömmliche Baustoffe verwendet“. Im Vordergrund stehe die Gebäudehülle: „Wir wollen weg vom Wärmedämmverbundsystem.“ Die dicke Dämmschicht setzt nämlich nicht nur dem architektonischen Formenspiel Grenzen. Überdies sind die Styroporplatten auch in der Herstellung und eines Tages im Falle eines Abrisses nicht gerade umweltfreundlich. Auch beim ABG-Projekt werden darüber hinaus regenerative Energiequellen eingesetzt, um die Energiewerte zu optimieren. Schon bei einem Wohnprojekt in Kalbach hat die ABG mit dicken Porotonsteinen als Dämmmaterial experimentiert.

Dilger kann keinen Wettbewerb seines Unternehmens mit der ABG erkennen. „Wir haben nicht den Ehrgeiz, Passivhausmeister zu werden.“ Es gehe darum, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Jedes Wohnungsunternehmen im Ballungsraum müsse zukunftsorientiert bauen. „Wenn man es hier nicht tut, wo dann?“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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