Thomas Morawski ist Sozialdemokrat aus Überzeugung. Mit 16 Jahren trat er den Jungsozialisten in Paderborn bei, dieser in den achtziger Jahren tief katholischen und christdemokratischen Stadt. Sein Lehrer, sagt er, habe ihn damals „rundgemacht“, als er mit Juso-Anstecker in die Klasse gekommen sei. Morawski ist Sprecher des SPD-Ortsvereins Sachsenhausen. Eine Weile war er bei den Linken, und er hat lange mit sich gerungen, aus dieser Partei aus- und wieder in die SPD einzutreten. Für Morawski ist die Parteizugehörigkeit mehr als eine bloße Bescheinigung. Sie ist eine Haltung. Deswegen kann er immer noch nicht glauben, was vergangene Woche geschehen ist, während der Vorstandssitzung des SPD-Ortsvereins Sachsenhausen, als einige wohlsituierte Bürger vom Lerchesberg in die SPD, die Arbeiterpartei, eintreten wollten. „So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt“, sagt er.
36 Männer und Frauen waren am Montagabend zu der Sitzung im Haus der Jugend gekommen und verlangten die Aufnahme in die SPD. Es waren Fluglärmgegner, die die Schließung der neuen Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen fordern. Dafür tritt auch der Sachsenhäuser SPD-Politiker Ralf Heider ein. Mit ihrem Parteieintritt und dem damit verbundenen Stimmrecht wollen die Lärmgegner ihm dazu verhelfen, Kandidat für die Landtagswahl zu werden, so dass er bei einem Sieg ihre Position im Parlament vertreten könnte.
Es wurde laut
Nun könnten die Sachsenhäuser Genossen tatsächlich gut neue Mitglieder gebrauchen, sagt Morawski, nur sollten alle auch ähnliche Werte teilen, findet er. Die Sachsenhäuser SPD tritt für bezahlbaren Wohnraum ein und einen günstigeren öffentlichen Personen-Nahverkehr. Aber Morawski fragt sich, ob die Ärzte, Rechtsanwälte und andere Freiberufler, die wie einige Lehrer und Rentner plötzlich Genossen werden wollen, genügend Solidarität mitbringen. Er nennt das Beispiel eines Zahnarztes, der vorgegeben habe, als Freiberufler über kein geregeltes Einkommen zu verfügen und deshalb nur den Mindestbeitrag in Höhe von zwei Euro und fünfzig Cent zahlen zu wollen. Tatsächlich gebe es aber in der SPD auch einige Mitglieder, die den monatlichen Spitzenbeitrag von 400 Euro zahlten, sagt Morawski.
Die Stimmung an dem Abend sei hitzig und angespannt gewesen, das sagen Lärmgegner wie Alt-Genossen. Als der Vorstand den Bewerbern Fragen zu ihrer politischen Haltung stellte, nannten das einige eine Frechheit. Laut sei es geworden, einige hätten mit dem Anwalt gedroht, heißt es. Alle 36 Antragsteller wurden zunächst abgelehnt.
„Feindliche Übernahme“
Einige SPD-Bewerber scheuen sich, mit den Medien zu reden: zu heikel, sagt einer. Es sei eine Unterstellung, wenn die SPD, ähnlich wie die Schufa in der Frage der Kreditwürdigkeit, aufgrund des Wohnorts entscheide. Irgendwann soll sogar der Begriff der „Lerchesberg-Mafia“ gefallen sein, die eine „feindliche Übernahme“ plane.
Monika Plottnik, eine Amtsrätin, ist bereit zu reden. Sie wohnt in einer Reihenhaussiedlung auf dem Sachsenhäuser Berg, nordöstlich vom Lerchesberg. Die Vierundfünfzigjährige musiziert auf afrikanischen Trommeln, ihre Mutter war Schneiderin, der Vater Straßenbahnfahrer. Plottnik malte schon mit Senioren im Altenheim, half im Sommer beim SPD-Straßenfest unter der Einflugschneise und arbeitet jedes Jahr für eine Woche ehrenamtlich zum Schutz der Natur im Wald. Plottnik hat schon immer Rot-Grün gewählt, doch sich politisch engagieren wollte sie nie. Das ist jetzt anders: „Man wird ja dazu gezwungen“, sagt sie.
Plottnik fliegt nun nicht mehr
Wäre Plottniks Garten nur ein paar Meter länger, läge ihr Grundstück in der sogenannten Tag-Schutzzone 1, und sie könnte die Fenster aller Räume auf Fraport-Kosten durch Schallschutzfenster ersetzen lassen. So hat sie nur Anspruch auf neue Fenster in den Schlafzimmern im ersten Stock. Aber sie will das Angebot nicht annehmen. Sie findet: Ließe sie sich darauf ein, käme das einer Resignation gleich.
Vor 18 Jahren kaufte Plottnik ihr Haus. Vier Zimmer, zwei Etagen, 100 Quadratmeter, weiß getünchte Außenwand. Plottnik, die in Sachsenhausen aufgewachsen ist, sagt, die Siedlung sei wie ein Dorf, wo nur die Kinder auf dem Spielplatz Krach gemacht hätten. „Hier passiert nichts“, dachte sie, hier wollte sie alt werden. Inzwischen hört sie die Flugzeuge auch bei geschlossenen Fenstern. Manchmal bleibt sie deshalb länger im Büro. Plottnik schläft nur noch mit Ohrstöpseln, ein Arzt hat ihr Schlafstörungen attestiert. Zwar gilt von 23 bis fünf Uhr ein Nachtflugverbot, doch bei verspäteten Flügen werden Ausnahmen gemacht. 2012 waren es laut Plottnik mehr als 1000. Früher flog sie gern in ferne Länder, nach Südostasien oder Neukaledonien, aber seit Inbetriebnahme der Landebahn fliegt sie nicht mehr. Da ist sie konsequent.
Es braucht vermutlich immer einen konkreten Grund
Plottnik hat schon viel gegen die neue Landebahn gekämpft. Montags demonstriert sie am Flughafen, Fraport-Chef Stefan Schulte zeigte sie wegen Körperverletzung an. Thorsten Schäfer-Gümbel, Chef der Hessen-SPD, schenkte sie ein selbst gemaltes Bild. Als Vorlage diente ein Foto aus dem Kosovo: Ein düsteres Feld mit Flüchtlingen, die Hälfe des Himmels nimmt ein schweres Militärflugzeug ein. Plottnik wollte damit sagen: Manchmal fühlen wir uns auch wie im Krieg.
Der Vorbehalt in der SPD lautet, es sei zu wenig, nur wegen eines einzelnen, persönlichen Interesses in eine Partei zu wollen. Fragt man hingegen Ralf Heider, Held der Fluglärmgegner, sagt er, er sei mit 16 Jahren der SPD in Bad Kissingen beigetreten, weil er für ein Jugendzentrum kämpfte. Vermutlich braucht es immer einen konkreten Grund.
Renovieren lohnt nicht
Am Samstag hat sich der Vorstand der SPD-Sachsenhausen abermals getroffen, auch einige Fluglärmgegner waren gekommen. Heider sagte, ein verlängertes Nachtflugverbot um zwei Stunden, wofür seine Konkurrentin Petra Tursky-Hartmann eintritt, sei genauso unrealistisch, da unwirtschaftlich, wie eine Schließung der Bahn. „Der Ralf Heider veräppelt euch doch!“, rief SPD-Mitglied Volkan Ulukaya den Lärmgegnern zu. Monika Plottnik aber geht es nicht um ein Versprechen, ihr geht es um den bedingungslosen Einsatz, unabhängig von der Aussicht auf Erfolg: „Die Politiker haben uns die Landebahn eingebrockt, jetzt suchen wir uns welche, die uns wieder herausboxen.“
Ob die neuen Genossen mit ihrer Strategie Erfolg haben, ist jedoch ungewiss, denn die Mitglieder sollen noch eine Empfehlung für die Wahl einer der beiden Kandidaten abgeben. Dem Vernehmen nach sollen an dieser Mitgliederbefragung nicht nur die Sachsenhäuser SPD-Mitglieder teilnehmen, sondern alle Genossen aus dem Wahlkreis 37, zu dem außer Sachsenhausen auch die Ortsbezirke Oberrad, Niederrad sowie Schwanheim und Goldstein gehören.
Am Montag hat die SPD über die Bewerber entscheiden. Von den 27 Bürgern, die Widerspruch gegen die Ablehnung eingelegt hatten, wurden laut Parteiangaben 18 aufgenommen. Zwei wurden abgelehnt, über sieben wird noch entschieden. Auch Plottnik ist jetzt Genossin. Sie wisse nicht, wie lange sie noch durchhalte, sagt sie. Über einen Verkauf des Hauses könne sie frühestens in zwei Jahren nachdenken, wenn ihr Sohn, der noch bei ihr wohnt, seine Ausbildung beendet hat. Eigentlich wollte sie das Haus schon lange renovieren: Parkett statt Fliesen im Wohnzimmer; im Keller liegen neue Tapeten. Aber warum renovieren, wenn der Wert der Häuser schon um ein Drittel gesunken ist, wie es sich die Nachbarn erzählen? „Die haben den Menschen einfach die Heimat genommen“, sagt sie. Ob die SPD Zufluchtsort sein kann, das weiß sie nicht.

