© Kretzer, Michael
178-Millionen-Euro-Projekt: Die neue Schiersteiner Brücke soll in zwei Abschnitten bis 2018 entstehen. Sie wird fast 1,3
Die Rodungen der Hecken und Sträucher in der Nähe der Schiersteiner Brücke haben im Frühjahr zwei unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung auf den Plan gerufen. Die Naturschützer fragten, ob das denn unbedingt sein müsse. Die Pragmatiker erkundigten sich, ob sie das Gehölz für den heimischen Kamin bekommen könnten.
Ja, die Arbeiten seien unverzichtbar, hebt Andreas Moritz hervor, der regionale Bevollmächtigte des hessischen Straßen- und Verkehrsmanagements. Und nein, das Holz sei leider nicht zu verschenken. Es steht dem Unternehmen zu, das den Auftrag hat, die Sträucher aus dem Weg zu räumen für ein Großprojekt, das zwischen Wiesbaden und Mainz nicht nur den Rhein quert, sondern zwei Bundesländer miteinander verbindet.
Keine übermäßige Lärmbelastung
Weil die Grenze in der Mitte des Rheins verläuft, wurde ein Staatsvertrag abgeschlossen. Er sieht vor, dass das hessische Straßen- und Verkehrsmanagement für den Bau zuständig ist. Die Planfeststellungsbeschlüsse haben auf beiden Seiten Rechtskraft. Die Stadt Wiesbaden hat zwar eine Klage eingereicht. Aber damit will sie keine aufschiebende Wirkung verbunden wissen. Der Kommune geht es lediglich darum, den vorgesehenen Lärmschutz zu verbessern.
Sie verweist dabei auf ihre Pläne für den in der Nähe gelegenen Schiersteiner Osthafen. Auf dem bislang nur zum Teil bebauten Areal sollen nach den Vorstellungen der Stadt künftig sowohl Büros als auch Wohnungen entstehen. Diese Entwicklungschancen dürften nicht durch eine übermäßige Lärmbelastung gefährdet werden, argumentiert der Umweltdezernent, Bürgermeister Arno Goßmann (SPD). Allerdings hat der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Jan Mücke (FDP), Goßmann schon im Juli vergangenen Jahres mitgeteilt, dass der Bund Lärmschutzmaßnahmen nur finanzieren könne, wenn es um Vorhaben gehe, für die es einen gültigen Bebauungsplan gebe. Der fehlt jedoch im Schiersteiner Osthafen.
1280 Meter lang
Im Frühjahr 2013 beginnt stromabwärts von der jetzigen Rheinquerung der Bau der ersten neuen Brückenhälfte. Sie wird drei Spuren, einen Standstreifen sowie einen Geh- und Radweg aufweisen. Mit knapp 22 Metern wird sie ungefähr so breit sein wie das heutige Bauwerk in seiner ganzen Breite.
Darum kann sie mit einer entsprechenden Markierung den vollständigen Verkehr aufnehmen, wenn sie nach zwei Jahren fertig sein wird. Die alte Brücke wird dann abgerissen und bis zum Jahr 2018 durch die zweite neue Brückenhälfte ersetzt. Die neue Rheinquerung wird 1280 Meter lang und knapp 44 Meter breit sein. Sie ist Teil der Autobahn 643.
Ungewiss, wie stark die Entlastung sein wird
Der Bund übernimmt die Baukosten. Sie betragen voraussichtlich rund 178 Millionen Euro. Während die alte Schiersteiner Brücke durch eine neue ersetzt wird, bleiben in jede Richtung jeweils zwei Fahrspuren nutzbar, sagt Moritz. Gelegentliche Staus will er allerdings nicht ausschließen.
Wie stark die Entlastung der Strecke nach dem Neubau der Brücke wirklich sein wird, ist allerdings noch ungewiss. Denn hinter der Anschlussstelle Mainz-Mombach wird es zu der ursprünglich geplanten und vom Bund befürworteten Erweiterung der A643 auf sechs Spuren wohl nicht kommen. Das ist jedenfalls der Wunsch der rheinland-pfälzischen Grünen. Sie haben in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD durchgesetzt, dass eine andere Lösung geprüft wird.
Schiersteiner Kreuz als neuralgischer Punkt
Sie sieht vor, bei besonders dichtem Verkehr neben den vorhandenen vier Fahrspuren die beiden Standstreifen für die Fahrzeuge freizugeben. Ob sich mit der Verwirklichung dieser Idee der erwünschte Effekt erzielen lässt, wird ein Gutachten erweisen. Wie der Sprecher des rheinland-pfälzischen Infrastrukturministeriums gestern sagte, soll es Ende September vorliegen.
Als neuralgischer Punkt auf der hessischen Seite der A643 gilt das Schiersteiner Kreuz. Es soll großzügig ausgebaut werden, damit über die A66 insbesondere der Verkehr in Richtung Frankfurt besser abfließen kann. Die Schwierigkeit bestehe darin, das Kreuz „unter Verkehr“ umzubauen, erklärt Moritz.
Altarm des Rheins wird reaktiviert
Die heutige Rheinquerung entstand zwischen 1959 und 1962. Sie war auf 20.000 Fahrzeuge am Tag ausgelegt. Heute verkehren dort in demselben Zeitraum rund 90.000 Wagen. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde die Brücke für 21Millionen Euro instandgesetzt. Auch der Fahrbahnbelag wurde erneuert.
Vor mehr als fünf Jahren stellte ein Gutachten fest, das Bauwerk lasse sich nicht mehr sanieren. „Wir müssen die Brücke noch bis ins Jahr 2016 hinüberretten“, sagt Moritz. Sie werde im Abstand von drei Monaten auf Schäden hin überprüft. Um allzu starke Erschütterungen zu verhindern, wurde das Tempolimit auf 60Stundenkilometer gesenkt. Auch eine Radaranlage gibt es.
Die mit den Bauarbeiten verbundenen Eingriffe in die Natur müssen andernorts ausgeglichen werden. Für rund 3,6 Millionen Euro wird ein 1,2 Kilometer langer Altarm des Rheins in Geisenheim reaktiviert. So kommt die neue Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden am Ende der Natur im Rheingau zugute.