http://www.faz.net/-gzg-8atc1

Uhrenmarke Guinand : Neue Rödelheimer Zeitzeichen

Neustart: Guinand-Inhaber Matthias Klüh in seinem Geschäft in Frankfurt-Rödelheim Bild: Frank Röth

In Frankfurt werden gleich zwei Uhrenmarken mit Helmut Sinn verbunden. Guinand ist die zweite - und nach dem Rückzug des „schnellen Helmut“ und anderer Gesellschafter nun in neuen Händen.

          Der Paketbote klingelt wie bestellt an der Haustür. Was er bringt, kennt Hausherr Matthias Klüh noch nicht, sein Gast erst recht nicht. Als Klüh das Päckchen öffnet, kommen sorgsam verpackte Zifferblätter zum Vorschein. Sie tragen über der „3“ den Schriftzug der Marke Guinand, die mit einem großen Namen verbunden ist und nun Klüh gehört. Unter der „6“ steht „Hergestellt in Deutschland“. Und das ist das Besondere. Stehen die drei Worte doch sinnbildlich für den Neustart dieser Marke.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um das zu verstehen, ist ein Blick zurück nötig. Bis in die jüngere Vergangenheit hinein stand der Frankfurter Fliegeruhrenpionier Helmut Sinn hinter Guinand. Der Pilot hat die einst in der Schweiz gegründete Marke in den neunziger Jahren erworben, nachdem er zuvor seine Firma Sinn Spezialuhren an Lothar Schmidt verkauft hatte. Der auch „der schnelle Helmut“ genannte, 1916 geborene Unternehmer führte mit den Marken Chronosport, Guinand und Jubilar seine Idee fort, optimal ablesbare, hochwertige und bezahlbare Uhren zu verkaufen.

          Mit Frankfurt tief verbunden

          Nachdem er in den Ruhestand gewechselt war, hielten Gesellschafter den Betrieb aufrecht. In all den Jahren stand „Swiss Made“ auf den Zifferblättern der Uhren mit Schweizer Werken. Mitte 2014 war dann aber aus Altersgründen auch für sie Schluss. Klüh hörte durch Zufall davon, wie er berichtet. Er sprach einen der Gesellschafter an und fragte, ob die Eigentümer die Marke nebst Restbeständen ihm verkaufen würden. Denn er ist zwar Elektroingenieur, aber nicht zuletzt auch Uhrenliebhaber. Zum Jahreswechsel kam das Geschäft dann zustande. „Aber zu diesem Zeitpunkt waren die Büros in Rödelheim schon weg, die Maschinen ebenfalls und die Mitarbeiter gekündigt“, sagt Klüh.

          Immerhin konnte der neue Inhaber außer einer Anzahl Uhren auch große Mengen von Ersatzteilen und die Kundenkartei übernehmen. Ansonsten musste er ziemlich von vorne anfangen. „Wir sind ein 150 Jahre altes Start-up“, meint Klüh in Anspielung auf die Tradition der Marke und den Neustart. Wie die früheren Büros sollten die neuen Geschäftsräume in Rödelheim liegen. Klüh ist Frankfurter und dem Standort schon deshalb verbunden.

          „Hergestellt in Deutschland“ statt „Swiss Made“: neue Zifferblätter für Guinand-Uhren unter dem neuen Inhaber

          Das zeigt er auch mit dem Silberring, der mit Reliefs unter anderen von Goethe, dem Ginnheimer Spargel, dem Römer und dem Struwwelpeter geschmückt ist und den er an der rechten Hand trägt. Er fand ein Haus am Hausener Weg. Er ließ die nur wenige Schritte von einer U-Bahn-Station und unweit der A 66 gelegene Immobilie entkernen und die neuen Räume nach eigenen Ideen zuschneiden. Helmut Sinn habe ihn auf der Baustelle besucht - „er fährt mit 99 noch selbst Auto“.

          Nur die Werke noch aus der Schweiz

          Seit wenigen Tagen verkauft der Chef der Guinand GmbH am Hausener Weg und im Netz Uhren zum Preis von 500 bis 2000 Euro in der Tradition des „schnellen Helmut“: Fliegeruhren, Chronographen und klassische Uhren. Die Kollektion ist längst noch nicht runderneuert. Zur Fachmesse Baselworld 2016 will er mit einer besonderen Fliegeruhr aufwarten. Ein neues Gehäuse ist schon da. Am linken Handgelenk trägt er einen Chronographen ohne Zifferblatt, einen sogenannten Erlkönig. Zweck der Übung: „Ich muss sehen, ob die Idee gut ist, die ich habe.“

          Derweil will Klüh nun nach und nach zum Beispiel die Zifferblätter aufräumen, wie er es ausdrückt. So verzichtet er etwa auf den Zusatz „Automatic“, selbst wenn im Gehäuse ein Werk tickt, das sich durch die Armbewegung selbst aufzieht. Die Werke kommen wie gehabt alle aus der Schweiz - so das bewährte automatische Chronographenwerk Valjoux 7750 vom Hersteller Eta und ein Unitas-Handaufzug, der mit einem Sekunden-Arret ausgestattet ist. Zweck dieses Umbaus nach einer Konstruktion von Helmut Sinn ist es, Uhren mehrerer Personen auf die Sekunde genau zu synchronisieren.

          Alles andere aus den Werken lässt der 51 Jahre alte Uhrenfabrikant fortan in Deutschland herstellen - weshalb künftig eben „Hergestellt in Deutschland“ auf den Zifferblätter stehen wird. Klüh lässt die Uhren in einem Montageatelier in Süddeutschland von zwei Uhrmachern zusammenbauen und nach Rödelheim senden, wo sie überprüft und für die Kunden fertig gemacht werden, wie er sagt.

          Guinand zielt auf Uhrenfreunde mit „hoher Individualität“, die keinen Wert auf einen Zeitanzeiger mit Preisschild am Handgelenk legen. Darunter sind, wie Klüh sagt, Handwerker ebenso wie Bankvorstände und Kreative, die nicht wegen ihrer Uhr in eine Schublade gesteckt werden wollen.

          Weitere Themen

          Feiern wie einst

          Love-Parade-DJ Dr. Motte : Feiern wie einst

          In der Darmstädter Centralstation legt der Love-Parade-Mitbegründer Dr. Motte aus Berlin auf. Der Abend wird eine Hommage an die Tage der Szene, als es so richtig losging.

          So stimmt die Stimme Video-Seite öffnen

          Eine Sprechtrainerin erklärt : So stimmt die Stimme

          Heidi Puffer ist auf der Suche. Das, was sie zu finden erhofft, ist nicht zu sehen, wohl aber zu hören. Denn immer dann, wenn Puffer eingeschaltet wird, droht auch der hörbare Rest in monotonem Einklang zu verschwinden.

          Topmeldungen

          Ein kleiner Fortschritt beim neuen Bahnhof in Stuttgart: Die erste Kelchstütze wurde fertiggestellt. 27 weitere sollen bis 2021 folgen.

          Stuttgart 21 : Ein Fortschritt ist zu sehen!

          Das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 befindet sich seit acht Jahren im Bau, ein Bahnhof lässt sich bisher nur erahnen. Nun wurde die erste Kelchstütze fertiggestellt – von insgesamt 28.
          SPD-Vorsitzende Andrea Nahles

          FAZ Plus Artikel: Fremde Federn : Die neue Grundsicherung muss ein Bürgergeld sein

          Wir brauchen einen tiefgreifenden Mentalitätswechsel in der Grundsicherung. Die Sanktionen gegenüber ihren Beziehern wirken, als würde ihnen von vornherein unterstellt, betrügen zu wollen. Das ist für alle ehrlichen Personen frustrierend und demotivierend. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.