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Neue Grimmwelt in Kassel Das Ärschlein, Verbrechen und ein „C“

 ·  Kassel möchte auf dem Weinberg die Welt der Grimms errichten. Schon das Wort Grimmwelt, das zunächst als Arbeitstitel gewählt ist, enthält einen programmatischen Auftrag.

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Die Brüder Grimm machen es Ausstellungsmachern ganz schön schwer. Der eine Teil des Publikums weiß nur zu genau, dass die Brüder Kulturwissenschaftler, Sprachforscher, Juristen und Politiker aus der Zeit der Romantik waren. Aber das Gros der Besucher kennt die Grimms nur als Märchensammler. Mit dem, was sie als Kinder- und Hausmärchen aufschrieben, weckten sie milliardenfach die unterschiedlichsten Regungen, erschufen Vorstellungen, evozierten Träume und erbauten emotionale Resonanzwelten.

Vermutlich ein jeder, der sich den Grimms nähert, nimmt diesen Weg von seinem ganz persönlichen Standpunkt aus, der von Erinnerungen und Ahnungen aus der Kindheit vage markiert wird. Darum steht für Susanne Völker, die im Kasseler Kulturamt die neue Grimmwelt in einem eigenen Haus auf dem Weinberg arrangieren wird, außer Frage, dass es in jedem Falle um eine systematische Aufarbeitung und Dokumentation der Kasseler Grimmsammlung gehen wird. Sie ist aber nach dem Eindruck der Projektleiterin weithin im „Rohzustand“. Es fehle die Vernetzung mit anderen Forschungsstellen, Museen, Bibliotheken und Universitäten. „Noch“, setzt die junge Frau hinzu.

Programmatischer Auftrag

Doch das wissenschaftliche Handwerk ist das eine. Die Darstellung der komplexen und vielschichtigen Themen für die Besucher einer Grimmwelt ist das andere. Schon das Wort Grimmwelt, das zunächst als Arbeitstitel gewählt ist, enthält einen programmatischen Auftrag. Der Besucher trete bitte nicht ein in ein betuliches Museum, sondern ihm soll eine Welt erschlossen werden, die vor und in ihm liegt. Sie soll erlebbar werden. Sie muss lebendig sein, indem Besucher und Exponate gleichsam in den Rollentausch treten. Die Erinnerung, die inneren Bilder und die individuellen Zauberwelten korrespondieren mit den Exponaten.

Völker will auf dem Weinberg „keine Märchenwelten nachbauen“, sondern „das Wissen darum herum“ vermitteln. Freilich werden auch Märchen gezeigt - in Büchern, Filmen oder Computerspielen. Denn Märchen brauchen die mediale Vermittlung, und jede Zeit hat ihre Medien, und jede Art der Vermittlung prägt die Botschaft. Der Emotion gegenüber aber steht die Rationalität, mit der die Grimms ihr Werk und ihre Welt geschaffen haben. Sie haben Sprache systematisiert und katalogisiert. In diesem Spannungsfeld zwischen Emotio und Ratio will Frau Völker die Grimmwelt erstehen lassen. Wie im Deutschen Wörterbuch, systematisch und glossarisch, in einer Matrix aus fünf Themen einerseits und 28 Lemmata anderseits soll der Besucher seinen Weg durch die Grimmwelt wählen. Das ist zumindest der aktuelle Stand der Ausstellungskonzeption, die das Berliner Büro Hürlimann und Lepp vorgelegt hat.

Welt mit fünf Themen

Die fünf Themen lauten „Wortspiele“, „Papierberge“ (zu denen sich Wissen und Arbeitsergebnisse der Grimms auf ihren Wegen zu ihren Zielen auftürmten), „Fantasiewelten“, „Wohngemeinschaften“ (vom Lebkuchenhaus bis zur Wohnung der Grimms) und „Bildungswege“. Die ausgewählten Lemmata, die den fünf Themen zugeordnet werden, lauten Arbeitszimmer, Ärschlein, Buch, C, Documenta, Erziehungsgang, Frucht, Graus, Haus, Illumination, Jedermann, Kleinwelt, List, Märchenzeit, Nachlass, Organisierung, Ökonomie, Prinzessin-Prinz, Quackerei, Rotkappe, Schneefall, Treppe, Unding, Übersetzung, Vater-Mutter-Kind, Wortarbeit, XY(ungelöst) und Zettel.

Zu jedem Lemma gäbe es viel zu sagen, aber nur wenig zum „C“. Das macht vor allem diesen Buchstaben interessant. Denn die Grimms wollten in ihrem Wörterbuch der Deutschen Sprache ursprünglich nur Worte mit deutscher Wurzel aufnehmen. Darum bereitete ihnen zum Beispiel das Wort Cultur Schwierigkeiten. Denn die Worte, die mit C beginnen, sind vielfach lateinischer Herkunft.

„Kontrastmittel“ und Therapeutikum

Leichter machte es ihnen der „Arsch“, der als „Ärschlein“ nach Überzeugung der Ausstellungsmacher „für die ungeheure Poetik des Wörterbuchs, für einen Reichtum an Wortwitz und die Kreativität der Etymologie steht“. Die Grimms nahmen in ihr Wörterbuch auch Schimpfworte wie Stinkstiefel, Stinkwinkel, Blackscheiszer, Afterbrut, Pissblume oder Fatzgespötte auf. Diese Worte, die heute nicht mehr jedem verständlich sind, zeigen, wie vielfältig Sprache je nach ihrer regionalen, epochalen und sozialen Herkunft sein kann. Denkbar wäre eine Tauschbörse für Schimpfworte.

XY ist ebenfalls ein spannender Griff ins Glossar, denn die Märchen der Grimms sind voller Grausamkeit und Verbrechen. Die Frage, ob die Märchen zumindest als Kinderliteratur auf den Index gehören, ist nicht neu. Die Alliierten, stellen die Ausstellungsmacher heraus, klagten die Märchen nach 1945 der Volksverhetzung an und wollten sie aus den Schulbüchern streichen. Denn in den Märchen geht es um Eigentumsdelikte, Hochstapelei, Betrug, Zechprellerei, Kannibalismus, Kindesraub, Brudermord, sexuellen Missbrauch und Sadismus auf dem Weg ins eigene Leben. Wer Märchen hört, blickt in Abgründe, ohne sie selber zu durchleben. Völker spricht von einem „Kontrastmittel“, das für sie dialektisch wie ein Therapeutikum wirkt: „Man muss das Böse kennen, um das Gute sehen und erleben zu können.“ Gespannt warten nicht nur die Kasseler auf die Grimmwelt, für die am 21. August Hessens Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) und Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) den Spaten symbolisch in den Weinberg gestochen haben. Ob dies der rechte Ort für die Grimmwelt sei, darüber wurde in Kassel leidenschaftlich gestritten. Es gebe schließlich auch Orte, an denen die Grimms lebten oder sich aufhielten.

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