Wozu Zugpannen doch so alles führen können. In diesem Fall zu einem neuen Pharmaunternehmen. „Im Grunde müssten wir der Deutschen Bahn danken“, sagt Sylvia Wojczewski. Denn weil ihr Zug auf halber Strecke von Amsterdam nach Frankfurt liegenblieb, sind die Biotechnologie-Unternehmerin aus Frankfurt und ihr Geschäftspartner Hüseyin Aygün in der Bahn mit dem Arzneimittelforscher Eugen Uhlmann ins Gespräch gekommen. Und nach dem Plausch waren sie sich einig, fortan gemeinsame Sache zu machen bei der Entwicklung eines neuartigen Stoffs, der bei Infektionskrankheiten oder Krebs gute Dienste leisten soll. Derzeit befindet sich das Mittel noch in der letzten Phase der Forschung im Labor, doch im Laufe des nächsten Jahres soll es an Patienten in Frankfurt getestet werden.
Bei der Entwicklung der von Aygün, Uhlmann und Wojczewski gegründeten Adiutide Pharmaceuticals GmbH geht es um Gen-Schnipsel, die die körpereigene Abwehr anregen sollen. Die Stoffe gehen auf eine Düsseldorfer Tochtergesellschaft des amerikanischen Arzneimittel-Riesen Pfizer zurück, für den Uhlmann gearbeitet hat. Pfizer hat nach seinen Worten die Patente an den neuartigen Wirkstoffen aufgegeben, weshalb er auf die Rechte habe zugreifen können. Nun habe Adiutide fünf Patente angemeldet. Für die drei Geschäftspartner habe der Rückzug von Pfizer den Vorteil, dass Labor-Forschungen, die Millionen Euro kosteten, schon gelaufen seien und die Entwicklung weit vorangeschritten sei. „Nun können wir einen Kandidaten aus den Wirkstoffen weiterentwickeln“, erläutert Wojczewski.
Das Immunsystem scharf machen
Adiutide sei bereit, in die sogenannte Phase I der klinischen Tests zu gehen, in der das Mittel an Menschen erprobt wird. Derzeit liefen die letzten notwendigen Tierversuche, die ein Dienstleister in Hamburg für die junge Firma mache. Mit dem Abschluss rechnen Aygün, Uhlmann und Wojczewski noch für dieses Jahr, um im Anschluss daran mit dem Nordwest-Krankenhaus in Frankfurt und anderen Partnern wie Krebsforschern an der Universität Marburg die Entwicklung der neuartigen Gen-Schnipsel, einer Form von Nukleinsäuren, weiterzutreiben. Das Projekt in Marburg wird vom Land im Rahmen der hessischen Exzellenz-Initiative gefördert.
Kooperationspartner am Nordwest-Krankenhaus ist Chefärztin Elke Jäger. Die Krebs-Spezialistin äußert sich zuversichtlich, mit der Adiutide-Entwicklung tatsächlich einen Stoff testen zu dürfen, der die Immunantwort auf eine besondere Art der Impfung wirksam steigern könnte. „Nachdem die Studie von den Behörden genehmigt sein wird, ist mit einer Patientenrekrutierung für die Phase I innerhalb eines Jahres zu rechnen.“
Funktionieren soll der Adiutide-Stoff im Zusammenspiel mit einem Wirkstoff von Jäger so: Wenn Krebs entstehe, verändere sich die Oberflächen der Zellen in einer Weise, die es gemeinhin im Körper nicht gebe. Der Wirkstoff von Jäger, so Wojczewski, bilde diese Veränderung künstlich nach. Dadurch solle das Immunsystem die Oberflächen kranker Zellen besser erkennen. Nur reiche das meist nicht aus, da der Krebs das Immunsystem schon geschwächt habe. Hier setzt nun Adiutide mit dem Gen-Schnipsel an. Dieser wird von sogenannten Rezeptoren in Immunzellen gut erkannt, und dadurch wird die Immunabwehr „scharf gemacht“, wie Wojczewski sagt. In der Folge sei der eigentliche Wirkstoff effektiver. „Das bedeutet also, dass der Gen-Schnipsel durch die Anregung des Immunsystems überhaupt erst eine wirksame Behandlung möglich macht“, hebt sie hervor.
Beweisen, dass das Prinzip stimmt
Wie Uhlmann sagt, können die Gen-Schnipsel auch verwendet werden, um etwa die aus der Balance geratene Immunabwehr von Allergikern wieder ins Lot zu bringen oder bei Hepatitis sowie Grippe zu helfen, indem weniger Impfstoff benötigt werde. Für ihn liegt der Reiz grundsätzlich auch darin, zu beweisen, „dass dieses Therapieprinzip funktioniert“.
Für Wojczewski und Aygün ist die Beteiligung an Adiutide nicht nur aufgrund der Chance interessant, im Erfolgsfall ein medizinisch und wirtschaftlich vielversprechendes Mittel parat zu haben. Beide führen auch die von ihnen gegründete Biotech-Firma Biospring in Frankfurt - und die gut 30 Mitarbeiter zählende Biospring schreibt sich zu, in ganz Europa der einzige Hersteller solcher Gen-Schnipsel zu sein.