01.10.2003 · Jazzmusik unterm Hakenkreuz: Camouflage als Überlebensstrategie für die von den Nazis bis in die Frankfurter "Rokoko-Diele" verfolgte "Swing Jugend".
Von Jürgen SchwabJazzmusik unterm Hakenkreuz: Camouflage als Überlebensstrategie für die von den Nazis bis in die Frankfurter "Rokoko-Diele" verfolgte "Swing Jugend"
75 Jahre ist es her, daß der ungarische Komponist Matyas Seiber eine Jazzklasse am Dr. Hochschen Konservatorium einrichtete. Damit stand zum ersten Mal die afro-amerikanische Musik auf dem Lehrplan einer deutschen Musikhochschule - ein Umstand, der damals einer kleinen Kulturrevolution gleichkam und sofort als "Verniggerung der deutschen Musik" angefeindet wurde. Trotzdem hielt sich die Jazzklasse fünf Jahre lang und führte sogar eine Jazzoper "Jim and Jill" auf. Danach spielte Frankfurt wieder eine Vorreiterrolle, diesmal leider eine unrühmliche, als die Klasse nur vier Wochen nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von übereifrigen lokalen Parteifunktionären aufgelöst wurde. Die Regierung in Berlin ließ sich mehr Zeit mit ihren Maßnahmen: 1935 sprach Reichssendeleiter Hadamowski "ein endgültiges Verbot des Niggerjazz für den gesamten deutschen Rundfunk" aus. Von da an entschied ein Prüfungsausschuß darüber, welche Platten gesendet werden durften. Zwei Jahre später erzwang die "Anordnung über unerwünschte und schändliche Musik" eine solche Prüfung für sämtliche ausländische Musik, die in Form von Schallplatten oder Noten in Deutschland verkauft werden sollte. Die praktische Umsetzung dieser Verbote und Erlasse erwies sich jedoch als schwierig. So wurde Swing von der Plattenindustrie nicht als Jazz, sondern unter dem Label "neue Tanzmusik" verkauft, und es dauerte geraume Zeit, bis die NS-Funktionäre von der Reichsmusikkammer den Etikettenschwindel bemerkten. Sender wie Radio Luxemburg oder die BBC waren zudem recht populär und boten ein gemischtes Musikprogramm mit großem Jazzanteil. Erst mit Beginn des Krieges im September 1939 wurde das Abhören ausländischer Sender unter Androhung von Zuchthausstrafe verboten.
Emil Mangelsdorff war dem Jazz zu diesem Zeitpunkt bereits mit Leib und Seele verfallen. Als er bei einem Faschingsumzug auf dem Akkordeon das zum besten gab, was er im Radio gehört hatte, kam der Klarinettist Karl Petri auf ihn zu. Sie probten und begannen zusammen mit dem Schlagzeuger Hans Podehl in verschiedenen Lokalen zum Tanz aufzuspielen. Im April 1940 ergatterten sie einen regelmäßigen Job in der Rokoko-Diele, "ein sehr schönes Lokal mit rotem Plüsch, Lampen und Spiegeln", wie sich Emil Mangelsdorff erinnert. "Wir haben anfangs vor leerem Haus gespielt, aber nach zwei- oder dreimaligem Auftreten immer samstags und sonntags stand draußen auf der Kaiserstraße ein Schild: ,Rokoko-Diele wegen Überfüllung geschlossen.'"
Vornehmlich Jugendliche, die der strengen Reglementierung ihrer Freizeit durch die NS-Jugendorganisationen entkommen wollten, versammelten sich in der Rokoko-Diele. Sie kleideten sich betont lässig und zivil, die Jungs nach englischem Vorbild mit Anzug, Krawatte, Hut, Mantel und Regenschirm ausstaffiert, die Mädchen entgegen dem damals geltenden Schönheitsideal geschminkt. Obwohl diese Jugendlichen ihr Tun nicht als politischen Widerstand begriffen, sondern einfach ihre Freizeit nach eigenem Willen gestalten wollten, stellten sie mit ihrem auffälligen Auftreten eine Abneigung gegen die militaristischen Ideale der nationalsozialistischen Gesellschaft offen zur Schau. Gerade darum wurde die von den Nazis so genannte "Swing Jugend" auch als gefährlich empfunden und von den staatlichen Kontrollorganen bespitzelt und verfolgt. Auch die Musiker in der Rokoko-Diele sahen sich regelmäßigen Kontrollen ausgesetzt, die jedoch aufgrund der besonderen örtlichen Gegebenheiten nicht besonders effektiv sein konnten: "Vorne war die Schwarzwaldstube, dann kam die bayrische Bierabteilung, und ganz hinten war die Rokoko-Diele. Man konnte von weitem schon sehen, wenn der Gestapo-Mann, der Herr Baldauf, im Kommen war. Dann haben wir schnell die Titel geändert und statt des Tiger-Rag einfach die ,Tigerjagd im Taunus' gespielt", erinnert sich Hans-Otto Jung. Er stieß Anfang 1941 als Pianist zur Hotclub Combo. Der Sohn eines musikbegeisterten Winzers aus Rüdesheim stammte aus einem Elternhaus, in dem Paul Hindemith und andere bedeutende Musiker oft zu Gast waren. In Frankfurt studierte Hans-Otto Jung Betriebswirtschaftslehre, erhielt aber gleichzeitig klassischen Klavierunterricht bei Emma Lübbecke, war also bereits ein technisch versierter Pianist. Er nahm die drei Musiker aus der Rokoko-Diele mit in das Tonstudio Giese & Messerklinger im Steinweg, um Plattenaufnahmen mit ihnen zu machen. Am 30. Juli 1941 spielten Mangelsdorff, Petri, Podehl und Jung die ersten Titel ein. Dieses Datum wurde nach dem Krieg zum offiziellen Gründungsdatum des "Hot Club Frankfurt" erklärt. Historisch nicht ganz korrekt, denn anfangs hatte die Band gar keinen Namen, und die Jazzfans sagten einfach: "Wir gehen zum Emil." Andererseits war es ebenjener Personenkreis um die Rokoko-Diele, der den "Hot Club" später gründete und damit das Frankfurter Jazzleben der Nachkriegszeit maßgeblich prägte und gestaltete.
Carlo Bohländer stieß 1941 zu ihnen. Seine Eltern betrieben ein Antiquitätengeschäft am Römer, wo die Clique abends proben konnte. Mit 22 Jahren war Bohländer der Älteste und als Wehrmachtssoldat in Gießen stationiert, bis er im November 1942 als untauglich entlassen wurde; er hatte sich auf unter fünfzig Kilo heruntergehungert. Jetzt konnte der Trompeter sich ganz dem Jazz widmen. Er spielte und probte mit den Musikern um Emil Mangelsdorff, nahm an ihren Plattenaufnahmen teil und stieg sogar bei den holländischen und belgischen Big Bands ein, die regelmäßig im Schumann-Cafe und im Cafe Regina gastierten. Tourneen solcher Swing Bands aus besetzten Nachbarländern wurden bis weit in die vierziger Jahre geduldet, um der Bevölkerung ein intaktes, international geprägtes Kulturleben vorzugaukeln. Die Frankfurter Nachwuchsjazzer ließen sich natürlich deren Gastspiele nicht entgehen, suchten den Kontakt zu den erfahrenen Musikern und jammten nach Möglichkeit mit ihnen. Es existieren sogar Aufnahmen von Hans-Otto Jung und Carlo Bohländer zusammen mit einigen Mitgliedern des Orchesters von John Witjies.
Solche Begegnungen boten eine Möglichkeit zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Ansonsten bildeten Schallplatten die einzige Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung von Jazzmusikern. Die Frankfurter hörten sie oft gemeinsam, zum Beispiel im Restaurant von Horst Lippmanns Eltern, in der Kronprinzenstraße, die heute Münchner Straße heißt. Horst Lippmann spielte dazu mit Schlagzeugbesen auf einem Schemel hinter dem Buffet. Er besaß eine beachtliche Sammlung amerikanischer Platten, die er aber nicht selbst gekauft, sondern seinem Vater zu verdanken hatte: "Der war 1938 in Amerika und hat die Platten mitgebracht", erinnert sich Emil Mangelsdorff. Weil Lippmann senior kein Jazzfan war, begründete er seinen Einkauf ganz pragmatisch: "Ich bin Geschäftsmann, da hab' ich gedacht, das gibt's bei uns nicht und hab' mal einen Stoß eingekauft." Planvoller ging Hans-Otto Jung zu Werke, der schon seit Mitte der dreißiger Jahre Platten sammelte. Als es immer schwieriger wurde, in Deutschland amerikanische Aufnahmen zu bekommen, tat sich überraschend eine neue Möglichkeit auf: Das Auto seines Vaters war samt Chauffeur von der Wehrmacht in Dienst genommen worden und pendelte nach dem Sieg über Frankreich regelmäßig zwischen Paris und dem Oberkommando in Berlin. Auf dem Weg übernachtete der Chauffeur zu Hause in Rüdesheim: "Dem konnte ich einen Zettel mitgeben mit den Aufnahmen, die ich gerne haben wollte und die der dann in Paris für mich gekauft hat", erinnert sich Jung.
Als die Auftritte in der Rokoko-Diele gegen Ende 1942 eingestellt werden mußten, trafen sich die Verbliebenen privat bei Hans-Otto Jung, Heiner Merkel oder im Hinterzimmer von Lippmanns Restaurant. Im "Wappenhof", einer Kneipe in der Altstadt, fanden noch öffentliche Jam Sessions statt. "Als immer mehr von unseren Freunden eingezogen worden waren", erzählte Horst Lippmann in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk, "hab' ich die ,Mitteilungen für Freunde moderner Tanzmusik' geschrieben. Da stand drin, was es so Neues in Frankfurt gibt unter den Jazzern und was ich so mitgekriegt hab' beim Abhören von Sendern wie BBC und Radio Luxemburg." Bei einer Spindkontrolle geriet ein Exemplar in die Hände der Gestapo, worauf sich Lippmann gleich mit drei Beschuldigungen konfrontiert sah: gedeckte Feindpropaganda, Abhören von feindlichen Sendern und nationale Würdelosigkeit. "Der Anklagepunkt war eigentlich der schlimmste. Wenn man als deutscher junger Mann national würdelos war, hat man eigentlich kein Recht mehr gehabt zu leben." Ganz so schlimm kam es dann aber doch nicht: Lippmann wurde für drei Wochen eingesperrt und sollte sich nachher "freiwillig" zur Waffen-SS melden. Dem entging er, indem er sich die letzten sechs Monate bis zum Kriegsende in Bad Nauheim bei einem Freund versteckte.
Carlo Bohländer begab sich neun Tage nach der Kapitulation mit einer Liste sämtlicher amerikanischer Jazztitel, die die Frankfurter Jazzer im Repertoire hatten, auf die amerikanische Kommandantur und ergatterte prompt eine Spiellizenz. Aus der bloßen Anzahl der Titel war ersichtlich, daß sich die jungen Musiker schon seit Jahren mit dem Jazz beschäftigt haben mußten. Carlo Bohländer, Karl Petri, Hans-Otto Jung, Paul Martin, Horst Lippmann, Ata Berk und Louis Freichel durften nun als "Hot Club Combo" ganz offiziell auftreten. Zum Beispiel bei den Jam Sessions, die Horst Lippmann im Hotel Continental veranstaltete, das seine Eltern nach dem Krieg übernommen hatten. Wegen der nächtlichen Ausgangssperre wurde von 20 Uhr abends bis um 6 Uhr morgens "durchgejazzt". Der "Spiegel" berichtete mehrmals über diese Sessions. In ihnen kündigte sich der spätere Aufstieg Frankfurts zur "Jazzhauptstadt der Republik" an, initiiert und vorangetrieben von den Musikern aus der Rokoko-Diele.