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Nachruf Erich Helmensdorfer : Weltläufiger Lokaljournalist

  • -Aktualisiert am

Erich Helmensdorfer (undatiertes Foto) Bild: dpa

Fernsehmoderator beim ZDF und FAZ-Korrespondent in Kairo: Die Karrierestationen von Erich Helmensdorfer lesen sich eindrucksvoll. Auch als Chef des Lokalressorts „Zeitung für Frankfurt“ bewies er sich als Qualitätsjournalist. Nun ist er mit 96 Jahren gestorben.

          Zuletzt konnte er die Seniorenresidenz in Wien nicht mehr verlassen, dazu war er zu schwach geworden. Doch wenn man ihn besuchte oder mit ihm telefonierte, war er geistig vollkommen klar und bestach durch beste Gedächtnisleistung. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ihren Lokalteil las er nach wie vor mit großer Anteilnahme und war mit der Leistung seiner Nachfolger und Nachnachfolger insgesamt ganz zufrieden: „Hätte ich euch gar nicht zugetraut.“

          An der Qualität „seines“ Lokalteils hat Erich Helmensdorfer bis heute einen Anteil. Er, der zehn Jahre lang, vom 1. März 1976 bis zum 30. Juni 1986, die damalige „Zeitung für Frankfurt“ leitete (sie wurde erst 1988 in den heutigen Titel „Rhein-Main-Zeitung“ umfirmiert), legte Wert auf journalistische Gediegenheit, auf Genauigkeit und kompetente Kommentierung. Helmensdorfer hatte lange als Korrespondent aus Kairo für diese Zeitung berichtet und begegnete dem Lokaljournalismus mit Achtung; er wurde nicht müde zu betonen, dass ein falsch geschriebener Name eines ägyptischen Politikers viel weniger schlimm sei als ein unkorrekt wiedergegebener Straßenname in Frankfurt.

          Wirken in einer lebensprallen und konfliktreichen Stadt

          Lokaljournalismus kann ein schwieriges Geschäft sein, da viele Vorgänge kompliziert sind und sich nicht für schnelle Schlagzeilen eignen. Ressortleiter Helmensdorfer erwarb sich in der Stadt und in den eigenen Reihen auch deshalb Respekt, weil er sich in alle wichtigen Themen einarbeitete – schon deshalb, um die Arbeit seiner Redakteure beurteilen zu können und auf die wichtigen Fragen dieser Jahre in Kommentaren Antworten geben zu können.

          Die Zeit, in der er in Frankfurt wirkte, war lebensprall und konfliktreich: Der Bau der Startbahn West erhitzte die Gemüter in heute unvorstellbarer Weise. Es waren aber auch die Jahre 1977 bis 1986, übrigens fast identisch mit Helmensdorfers Zeit als Lokalchef, in denen Oberbürgermeister Walter Wallmann der Stadt ein neues Selbstbewusstsein und ein neues Bild gab. Helmensdorfer befürwortete diesen Kurs, und der kluge Wallmann verstand es, das nicht unterentwickelte Selbstbewusstsein des Lokalchefs zu kitzeln.

          Die Zeitung sah damals deutlich anders aus als heute. Der Lokalteil hatte als „Zeitung für Frankfurt“ seinen Fokus auf der Stadtberichterstattung, dem noch immer sogenannten Umland galt erst die Rubrik „Zwischen Taunus und Odenwald“, später wurde sie auf den Rhein-Main-Seiten ausgedehnt. Ein Veranstaltungskalender wie heute existierte noch nicht, aktuelle Fotos wurden fast nur von dem Geschehen in Frankfurt gemacht. Grafiken und Interviews gab es damals ebenfalls noch nicht.

          Einziger Blattkritiker

          Auch intern gingen die Uhren anders. Die Redaktion begann spät mit der Arbeit, die Konferenz (heute um 10.30 Uhr) begann um 16 Uhr. Die Blattkritik oblag einzig Helmensdorfer, der als Franke das direkte Wort schätzte und mit Kritik nicht geizte („Gestammel“, „schon mal mehr gelacht“, „das hatte die Konkurrenz doch schon gestern“). Solches Granteln verzieh man ihm auch deshalb, weil er selbst die Arbeit nicht scheute; vor allem stürzte er sich in gesellschaftliche Aktivitäten, in Stehpartys, Bälle, Galas und Empfänge jeder Art, über die er in langen Satzgebilden launige Artikel schrieb und pro Zeile mindestens zwei Namen fallenließ.

          Ob aus journalistischer Reflexion oder rein intuitiv – Erich Helmensdorfer wusste und praktizierte etwas sehr Wichtiges: Dass ein Lokalblatt niemals gegen die Stadt gemacht werden darf, deren Namen es im Titel trägt: „Zeitung für Frankfurt“, das war auch ein Programm. Helmensdorfer und seine Förderer, allen voran Verlagsgeschäftsführer Hans-Wolfgang Pfeifer und Herausgeber Jürgen Eick, vergaßen nie, dass bei aller Kritik im Kleinen die große Linie Lokalpatriotismus bedeutete.

          Abrechnung mit dem öffentlich-rechtlichen System

          Ehe Erich Helmensdorfer im Alter von 55 Jahren Lokalchef wurde, konnte er ungewöhnlich viele Erfahrungen als Journalist in den unterschiedlichsten Medien und Positionen sammeln. Er arbeitete für seriöse Zeitungen und hob als Chefredakteur das Münchener Boulevardblatt „tz“ (1968 bis 1970) aus der Taufe. Er leitete den Landesdienst der Deutschen Presse-Agentur in Bayern und ging für die Agentur von 1956 bis 1960 nach Ägypten. Als fester Freier zeigte er beim ZDF rund 1500 Mal sein Gesicht auf dem Bildschirm, vor allem als Moderator der „Heute“-Sendung, dann auch in unterhaltenden Formaten wie „Ente gut, alles gut“ und „Alles oder nichts“.

          1973 ging er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach Kairo, der Zeitung fühlte er sich verbunden, seit sie 1963 eine Auslandsreportage über rebellierende Kurden abgedruckt hatte, für die er den renommierten Theodor-Wolff-Preis bekam. Nach seinen zehn Jahren als Lokalchef kümmerte sich Helmensdorfer zunächst um die Ausbildung der Volontäre und war dann noch viele Jahre für die anzeigenstarke Golf-Beilage zuständig, das Golfen war neben dem guten Essen seine Leidenschaft.

          Erich Helmensdorfer hat etliche Bücher geschrieben, in mehreren verarbeitete er seine ägyptischen Erfahrungen. In „Meine Anstaltsjahre“ rechnete er mit dem öffentlich-rechtlichen System ab. Dass er im November 1963 am Tag des Attentats auf Präsident Kennedy vor laufender Kamera im Studio ausgewechselt wurde, blieb eine Lebenswunde, von der er noch im Alter sprach. Erich Helmensdorfer ist in seiner Wahlheimat Wien im 97. Lebensjahr verstorben.

          Quelle: F.A.Z.

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