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Nachhaltigkeit in Hessen Karriere eines Fachbegriffs

Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) eröffnet eine Kampagne zur Nachhaltigkeit. Und wirbt dabei für die Forstwirtschaft.

© Setzer, Claus Vergrößern Wertstoff: Nachhaltige Forstwirtschaft heißt, nicht mehr Bäume zu fällen als nachwachsen können.

Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) hat gestern im Jagdschloss Kranichstein in Darmstadt die Kampagne „300 Jahre Nachhaltigkeit“ eröffnet. Während des gesamten Jahres werden der Landesbetrieb Hessen-Forst sowie die forstlichen Verbände und Institutionen Angebote machen und Veranstaltungen organisieren, um auf die unterschiedlichen Aspekte von Nachhaltigkeit hinzuweisen und über die Arbeit der Forstbetriebe aufzuklären. Nach den Worten der Ministerin fasst der Begriff, der inzwischen „inflationär“ verwendet werde, in der Waldbewirtschaftung ökologische, ökonomische und soziale Aspekte wie etwa die Bedeutung des Forstes für die Naherholung zusammen. Dabei komme es immer wieder zu Spannungen, wie die Diskussion um das Waldgesetz im vergangenen Jahr gezeigt habe. „Es ist deshalb wichtig, dass wir informieren und ein Bewusstsein schaffen für die Bedeutung von Nachhaltigkeit“, sagte die Ministerin.

Bei den Gästen der Eröffnungsveranstaltung handelte es sich gestern überwiegend um Fachpublikum. Gleichwohl dürfte auch mancher Förster erstaunt gewesen sein, welche Karriere die Regeln einer „nachhaltenden“ Waldnutzung, die auch im Hessischen Forstgesetz ihren Niederschlag fanden, in den vergangenen 300 Jahren gemacht haben. Der Germanist Ulrich Grober, der im Jagdschloss den Festvortrag hielt, nannte Nachhaltigkeit einen Begriff, der von einem Fachterminus „zur Blaupause der Weltrettung mutiert und zum Schlüssel für das Überleben der Menschheit geworden ist“. Nachhaltigkeit sei inzwischen auch ein Leitwort für die Finanz- und Realwirtschaft, für moderne Unternehmenskultur und diene längst der Werbebranche für unterschiedlichste Produkte bis hin zum Haarwaschmittel („nachhaltiger Schutz vor Schuppen“). „Wo alles nachhaltig ist, ist bald aber nichts mehr nachhaltig“, sagte Grober, der in seinem Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“ den Ursprung dieses Wortes erforscht hat.

Der „Energiehunger der Manufakturen“

Der Begriff geht auf den Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz zurück, berichtete Grober. Der „Top-Manager des sächsischen Bergbaus“ hatte 1713 in Leipzig ein Buch mit dem Titel „Anweisung zur wilden Baumzucht“ vorgestellt. In ihm formulierte er jenes Prinzip, das über 300 Jahre lang zur Kurzformel für nachhaltige Forstwirtschaft wurde und inzwischen als gesellschaftspolitisches Paradigma gilt: „Nicht mehr Holz fällen als nachwächst“ oder, um es in der Sprache der Vereinten Nationen zu formulieren, „sustainable development“ (nachhaltige Entwicklung).

Carlowitz hat sich zur Waldbewirtschaftung in einer Zeit geäußert, in der die Montanindustrie fürchtete, die wichtige Ressource Holz könne wegen Übernutzung zur Neige gehen. Am Anfang der Idee der Nachhaltigkeit macht Grober den „Energiehunger der Manufakturen“ aus, die Gier der Gesellschaft des 17. und 18.Jahrhunderts und das Bevölkerungswachstum - Faktoren, die auch die Gegenwart kennzeichnen. Die Entdeckung und die Popularität von Nachhaltigkeit sei daher „ein Kind der Krise, damals wie heute“. Auch sonst sah der Autor Parallelen über die Jahrhunderte hinweg. So habe Carlowitz schon damals vor einem „scheinbaren Profit“ gewarnt, unter dem ein „unermesslicher Schaden“ liege. Manche der Zeichnungen in seinem Buch von weiten, gerodeten Landschaften mit zahllosen Baumstümpfen erinnerten ebenfalls an die Gegenwart, etwa die Brandrodungen tropischer Wälder.

Die Regeln haben bis heute Bestand

Dass die Kampagne mit dem Titel „Sie finden Nachhaltigkeit modern? Wir auch - seit 300 Jahren“ von Puttrich am Freitag in Kranichstein gestartet wurde, hatte weniger mit dem Sachsen Carlowitz zu tun und auch nichts mit Darmstadts „Nachhaltigkeitskonzern“ HSE oder dem am Sonntag von Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) angeregten „Nachhaltigkeitscluster“ für Südhessen. Grund für die Wahl war der hessische Forstmann Georg Ludwig Hartig (1764-1837), der zeitweise in Kranichstein arbeitete und die allgemeinen Grundsätze von Carlowitz ausformulierte und auf dieser Basis Berechnungsmodelle zur nachhaltigen Nutzung der Waldbestände erstellte.

Diese Regeln haben, wie Stefan Nowack, Leiter des Servicezentrums Forsteinrichtung und Naturschutz, sagte, bis heute Bestand. Nowack bezeichnete die hessische Forstwirtschaft als „multifunktional“. Sie zeige, dass sie den historischen Ansprüchen seit Jahrhunderten beispielhaft nachkomme und auch als „Muster für viele andere Bereiche unserer Gesellschaft“ geeignet sei - eine Ansicht, die auch Grober teilte: Die jahrhundertelange Erfahrung der Forstwirtschaft mit Nachhaltigkeit sei das „große Kapital“, das die Förster in die aktuellen Diskussionen einbringen könnten.

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Quelle: F.A.Z.

 
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