08.04.2008 · Einer der bislang größten hessischen Prozesse um die Zahlung von Betriebsrenten läuft vor dem Arbeitsgericht Offenbach. Als Kläger treten 60 Pensionäre des Unternehmens Ymos auf, das ihnen im Frühjahr die Betriebsrenten ganz gestrichen hat. Betroffen sind 1800 Rentner.
Die Rentner verstehen die Welt nicht mehr: Jahr für Jahr zahlte ihnen ihr ehemaliger Arbeitgeber Ymos die vereinbarten Betriebsrenten. Doch im Februar war plötzlich Schluss. An diesem Dienstag kämpfen die Pensionäre vor dem Arbeitsgericht in Offenbach in einem der bisher größten hessischen Prozesse dieser Art um ihr Geld. „Eine Frechheit“, „Wir sind doch alte Leut' und dann so was“, schimpfen sie auf den Gerichtsfluren. Mit dem Transparent „Gebt uns unsere Rente zurück“ stärken sie 56 betagten Kollegen den Rücken, deren Klagen gegen den ehemaligen Autozulieferer verhandelt werden. Der Prozess ist erst der Anfang. Derzeit wehren sich 218 frühere Ymos-Mitarbeiter juristisch gegen den Rentenstopp. Insgesamt sind laut IG Metall etwa 1800 Menschen betroffen.
„In dieser Größenordnung und so massiv habe ich das noch nie erlebt“, sagt der Direktor des Arbeitsgerichts, Hans-Jürgen Schäfer, zur Dimension des Verfahrens. Sein Gericht hat mit speziellen Musterformularen auf den Ansturm der Ruheständler reagiert. Vor dem Gerichtssaal lässt sich ein Anwalt eine Vollmacht unterschreiben.
Ymos-Vorstand: Klagen „unzulässig“
Für die meisten Rentner geht es ähnlich wie für Werner Schlösser aus Hainburg um Beträge von etwa 60 Euro im Monat. „Seit dem 1. März zahlen die gar nix mehr“, berichtet der Metallschleifer, der 40 Jahre für Ymos gearbeitet hat. Schriftlich teilte die Firma ihm den sofortigen Rentenstopp mit. Die Versorgungsordnung sei nicht unterschrieben und damit nicht wirksam geworden, Versorgungszusagen seien deshalb ebenfalls nichtig, lautete die Begründung. Außerdem behalte Ymos sich Rückforderungen vor. Schlösser legte Widerspruch bei seinem ehemaligen Arbeitgeber ein. Weil eine Reaktion ausblieb, will auch er demnächst klagen.
Vor den Richtern der 6. Kammer sagt Ymos-Vorstand Wilfried Hüge nichts zu dem Brief. Die Klagen der Rentner hält er für „unzulässig“ und beantragt deshalb, sie abzulehnen. Hüge legt ein Gutachten zur „Sanierungsfähigkeit“ der Ymos AG auf den Tisch. Bis in die neunziger Jahre fertigte das einstige Familienunternehmen unter anderem Schließsysteme für Autohersteller, darunter Opel. Nach mehreren Verkäufen gehört die Firma inzwischen zur Berliner Cura. Der Betreiber von Seniorenheimen wirbt im Internet mit Aussagen über „das respektvolle und warmherzige Miteinander“ um Kunden für seine 29 Heime. Die Ymos-Kläger in Offenbach mutmaßen auf Protestplakaten, mit dem bei ihnen eingesparten Geld sollten weitere Residenzen finanziert werden.
„Jeder Rentner muss persönlich klagen“
Inzwischen verwaltet die Ymos AG das Firmengelände in Obertshausen. Der Boden ist stark mit Schadstoffen belastet. „Möglicherweise sollen die Rentner die Sanierung finanzieren, damit das Gelände danach verkauft werden kann“, mutmaßt IG Metall-Vertreter Peter Wich. Die Rechnung der Firma könne aufgehen: „Jeder Rentner muss persönlich klagen. Wenn das nicht jeder tut, bleibt einiges hängen.“ Aus Sicht des Gewerkschaftssekretärs wäre eine insolvente Ymos für die Betriebsrentner die beste Lösung - ihr Geld käme dann vom Pensionssicherungsverein. Sollten sie den Prozess gewinnen, müsste eventuell das Urteil vollstreckt werden. Und bei einer Niederlage, so Wich, fehle vielen Ruheständlern wahrscheinlich das in der zweiten Instanz fällige Anwaltshonorar.
Vom Autozulieferer zum Immobilienverwalter
Ymos wurde als Jakob Wolf & Co GmbH am 12. August 1929 in Obertshausen bei Offenbach gegründet. Das Familienunternehmen erwarb sich in der Autoindustrie einen Namen als Technologieführer für Schließsysteme und Plastikstoßfänger. Zu Hochzeiten beschäftigte das Unternehmen rund 5000 Menschen. Der Niedergang begann in den achtziger Jahren mit einem Börsengang.
Ymos trennte sich Mitte der neunziger Jahre nach und nach vom operativen Geschäft und wurde zu einer Immobilienverwaltung umfunktioniert, die zur 2006 insolvent gewordenen WCM- Beteiligungsgesellschaft gehörte. Seit 2007 hält mit der Berliner Cura ein Betreiber von Klinik- und Seniorenzentren die Mehrheit an der Ymos AG. Hinter der Unternehmensgruppe Cura, die bundesweit 29 Einrichtungen für Senioren betreibt, stehen eine Diplomatin aus Wien, ein Geschäftsmann aus Hamburg sowie ein auf Zypern ansässiger Steuerberater. Diese drei sitzen auch im Aufsichtsrat von Ymos.
Alleinvertretungsberechtigter Vorstand der Ymos AG ist Wilfried Hüge. Die Firma verwaltet nach eigenen Angaben derzeit das 63 000 Quadratmeter große Betriebsgelände in Obertshausen, zu dem auch ein Hochhaus gehört. Der Boden ist hochgradig mit Chemikalien und Rückständen aus der Produktion verseucht. Im Jahr 2007 entstand nach Unternehmensangaben ein Verlust von 1,5 Millionen Euro aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit.