http://www.faz.net/-gzg-75ce7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.12.2012, 23:21 Uhr

Musterkläger Adolf und Angela Herrlein „Wir wollen endlich Gerechtigkeit“

Auf sie schaut die Region. Ein Ehepaar vom Frankfurter Lerchesberg hat Verfassungs- beschwerde gegen den Ausbau des Flughafens eingelegt. Wie sich in der Einflugschneise das Leben der „Musterkläger“ verändert hat.

von , Frankfurt
© Fricke, Helmut Musterkläger: Angela und Adolf Herrlein wollen dem Fluglärm zum Trotz den Lerchesberg nicht verlassen.

Früher sind sie gerne geflogen, in den Urlaub, in die Sonne des Südens. Inzwischen steigen Adolf und Angela Herrlein in keine Maschine mehr. Das ist nur konsequent, könnte man meinen, sie klagen schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Die Abstinenz ist aber keine Form des stillen Protests. Sie resultiert vielmehr aus der Furcht, sie könnten abstürzen, „und dann war alles umsonst“. Adolf Herrlein, Kaufmann mit internationaler Erfahrung und als Krisenmanager bewährt, ist kein ängstlicher Typ. Er weiß auch, dass im Luftverkehr das individuelle Risiko, einen Unfall zu erleiden, wesentlich geringer ist als im Straßenverkehr. Aber wer vermag zu unterscheiden, was in dieser Auseinandersetzung noch rational, was von Gefühlen gesteuert ist.

Helmut Schwan Folgen:

Der Einundsiebzigjährige und seine vier Jahre jüngere Frau aus dem Stadtteil Sachsenhausen sind tatsächlich für die Fluglärmgegner von großer Bedeutung. Außer ihnen hätte kein Privatmann, keine Privatfrau das Recht gehabt, das Bundesverfassungsgericht anzurufen. In den Rang der „Musterkläger“ unter 250 Privatleuten, die gleichfalls gegen die Bahn vor Gericht gezogen waren, hatte sie schon der Hessische Verwaltungsgerichtshof erhoben. Weil sie fast idealtypisch verkörpern, wie der Ausbau des Flughafens in den Alltag, in das familiäre Leben, in die Zukunftsplanungen dringt.

Ein verlorenes Privileg

Ihr Haus liegt fast direkt unter der Anfluglinie. Sie führen Erkrankungen und Beschwerden auf die durch Fluglärm verursachten Belastungen zurück. Sie, die Wohnungen in Sachsenhausen besitzen, sehen schließlich sogar ihre Alterssicherung gefährdet. Schon nach wenigen Wochen machten einige Mieter Abschläge wegen des Lärms geltend. Spätestens seit dem Tag, als der Bescheid aus Kassel vom Verwaltungsgerichtshof kam, hat die Causa Einzug in das weiträumige Haus am Lerchesberg gehalten. Im Aktenschrank, eigens angeschafft, reihen sich mehr als 20 Ordner.

Am Lerchesberg zu wohnen galt lange als Privileg. Die Preise für die Anwesen schossen scheinbar unaufhaltsam in die Höhe. Das langgestreckte Haus der Herrleins nimmt sich bescheiden aus im Vergleich zu den Villen in der Nachbarschaft, für die immer noch Millionen zahlen müsste, wer sie kaufen wollte. Aber das wollen derzeit wenige. Der Wert ihrer Immobilie habe sich, seit am 21. Oktober 2011 die neue Landebahn in Betrieb genommen wurde, um mindestens dreißig Prozent vermindert, schätzen die Anwohner. Vor einigen Wochen waren einige von ihnen beim Vorstandsvorsitzenden des Flughafenbetreibers Fraport AG, Stefan Schulte. Sie hätten ihm angeboten, für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag die Häuser auf dem Lerchesberg zu kaufen, berichtet Herrlein.

Die Herrleins wollen nicht weg

Die Offerte war nicht ernst gemeint, sie war als Groteske inszeniert. Die meisten wollen trotz des Lärms nicht weg, schon gar nicht Herrleins. Ihre Familien sind seit Generationen im Stadtteil verwurzelt. Das Wohnhaus bauten die Eltern von Frau Herrlein Anfang der sechziger Jahre als Bungalow. Weil es in Frankfurt damals nur wenige ähnlich attraktive Gegenden gab, so nah der pulsierenden Großstadt und zugleich halb im Grünen, stockten die Herrleins auf. 1998 verwirklichten sie ihre Vorstellung vom Drei-Generationen-Haus, das Ideal, die Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Damals gab es erste Gerüchte, der Flughafen werde ausgebaut und es werde Sachsenhausen treffen. Im Februar dieses Jahres, vier Monate nach Inbetriebnahme der Landebahn, gab ihre Tochter auf. Die Kinder hatten zunehmend nervös auf das Gedröhne am Himmel reagiert, die Leistungen in der Schule ließen nach. Die zweite und die dritte Generation zogen in eine ruhige Umlandgemeinde, die erste blieb. Seither kämpfen Angela und Adolf Herrlein noch erbitterter um ihr Recht.

Roland Koch (CDU), Hessens früherer Ministerpräsident und in dieser Zeit einflussreichster Antreiber des Flughafenausbaus, hat schon vor fast zehn Jahren den Vorwurf, die von ihm favorisierte Variante der Nordwest-Landebahn schone die Wählerklientel der CDU, mit dem Frankfurter Lerchesberg und der dort zu erwartenden Belastung gekontert. Er sollte in doppelter Hinsicht recht behalten. In den Stadtteilen Sachsenhausen und Niederrad sind die Lärmwerte in einem Maß gestiegen, wie sie nur wenige vorausberechnet hatten. Weder hochbezahlte Gutachter noch Privatleute wie Alfred Herrlein, die sich schon früh in die Statistiken und Formeln vergruben. Den Vorhalt, er habe sehenden Auges trotz dieser Kenntnisse in die Zukunft der Familie an diesem Ort investiert, lässt er nicht auf sich sitzen. Die Routen, wie sie auf den Plänen im Planfeststellungsverfahren zur Nordwest-Variante eingezeichnet gewesen seien und wie die neue Landebahn tatsächlich angeflogen werde, das weiche erheblich voneinander ab, kontert er.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Gewitter-Chaos Frankfurter Flughafen will beim Nachtflugverbot mehr Flexibilität

Rund 7000 Passagiere mussten nach einem heftigen Gewitter am Wochenende die Nacht im Frankfurter Flughafen verbringen. Jetzt fordert der Flughafen für solche Fälle Ausnahmen. Mehr

24.07.2016, 15:00 Uhr | Wirtschaft
München Angela Merkel spricht nach Amoklauf

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nach dem Amoklauf von München zum ersten Mal vor die Presse getreten. Sie bedankte sich bei Polizei, Rettungskräften und Bürgern. Mehr

24.07.2016, 19:10 Uhr | Politik
Aktion Gitter Als das NS-Regime zurückschlug

Die Verschwörer des 20. Juli 1944 hatten Verbündete in Frankfurt. Sie sollten nach dem Putsch die zivile Verwaltung der Stadt übernehmen. Erst jetzt werden die Details bekannt. Mehr Von Hans Riebsamen

22.07.2016, 12:27 Uhr | Rhein-Main
Britischer EU-Ausstieg Brexit macht Frankfurter Immobilienmakler glücklich

Viele Immobilien-Manager spekulieren darauf, dass Frankfurt einer der Profiteure des Brexit wird. Sie hoffen auf satte Gewinne beim Weiterverkauf von Gebäuden. Frankfurt mag schon jetzt der teuerste Bürostandort im Land sein – im internationalen Vergleich sind die Flächen aber noch ein Schnäppchen. Mehr

20.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Frankfurt Das kann man alles in 24 Stunden schaffen

Seit vergangener Woche hat Uwe Becker noch mehr zu tun: Nun ist er auch als Bürgermeister unterwegs. Seine Familie ist die vielen Termine gewohnt. Der Stress könnte allerdings noch zunehmen. Mehr Von Tobias Rösmann

23.07.2016, 12:17 Uhr | Rhein-Main

Es ist etwas faul im System

Von Ewald Hetrodt

Der Bund aber hat seit Januar elf Milliarden Euro mehr eingenommen als im ersten Halbjahr 2015. Deshalb wird er sich schwertun, die Reform des absurden Länderfinanzausgleichs scheitern zu lassen. Mehr 1 12

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen