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Veröffentlicht: 26.12.2012, 23:21 Uhr

Musterkläger Adolf und Angela Herrlein „Wir wollen endlich Gerechtigkeit“

Auf sie schaut die Region. Ein Ehepaar vom Frankfurter Lerchesberg hat Verfassungs- beschwerde gegen den Ausbau des Flughafens eingelegt. Wie sich in der Einflugschneise das Leben der „Musterkläger“ verändert hat.

© Fricke, Helmut Musterkläger: Angela und Adolf Herrlein wollen dem Fluglärm zum Trotz den Lerchesberg nicht verlassen.

Früher sind sie gerne geflogen, in den Urlaub, in die Sonne des Südens. Inzwischen steigen Adolf und Angela Herrlein in keine Maschine mehr. Das ist nur konsequent, könnte man meinen, sie klagen schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Die Abstinenz ist aber keine Form des stillen Protests. Sie resultiert vielmehr aus der Furcht, sie könnten abstürzen, „und dann war alles umsonst“. Adolf Herrlein, Kaufmann mit internationaler Erfahrung und als Krisenmanager bewährt, ist kein ängstlicher Typ. Er weiß auch, dass im Luftverkehr das individuelle Risiko, einen Unfall zu erleiden, wesentlich geringer ist als im Straßenverkehr. Aber wer vermag zu unterscheiden, was in dieser Auseinandersetzung noch rational, was von Gefühlen gesteuert ist.

Helmut Schwan Folgen:

Der Einundsiebzigjährige und seine vier Jahre jüngere Frau aus dem Stadtteil Sachsenhausen sind tatsächlich für die Fluglärmgegner von großer Bedeutung. Außer ihnen hätte kein Privatmann, keine Privatfrau das Recht gehabt, das Bundesverfassungsgericht anzurufen. In den Rang der „Musterkläger“ unter 250 Privatleuten, die gleichfalls gegen die Bahn vor Gericht gezogen waren, hatte sie schon der Hessische Verwaltungsgerichtshof erhoben. Weil sie fast idealtypisch verkörpern, wie der Ausbau des Flughafens in den Alltag, in das familiäre Leben, in die Zukunftsplanungen dringt.

Ein verlorenes Privileg

Ihr Haus liegt fast direkt unter der Anfluglinie. Sie führen Erkrankungen und Beschwerden auf die durch Fluglärm verursachten Belastungen zurück. Sie, die Wohnungen in Sachsenhausen besitzen, sehen schließlich sogar ihre Alterssicherung gefährdet. Schon nach wenigen Wochen machten einige Mieter Abschläge wegen des Lärms geltend. Spätestens seit dem Tag, als der Bescheid aus Kassel vom Verwaltungsgerichtshof kam, hat die Causa Einzug in das weiträumige Haus am Lerchesberg gehalten. Im Aktenschrank, eigens angeschafft, reihen sich mehr als 20 Ordner.

Am Lerchesberg zu wohnen galt lange als Privileg. Die Preise für die Anwesen schossen scheinbar unaufhaltsam in die Höhe. Das langgestreckte Haus der Herrleins nimmt sich bescheiden aus im Vergleich zu den Villen in der Nachbarschaft, für die immer noch Millionen zahlen müsste, wer sie kaufen wollte. Aber das wollen derzeit wenige. Der Wert ihrer Immobilie habe sich, seit am 21. Oktober 2011 die neue Landebahn in Betrieb genommen wurde, um mindestens dreißig Prozent vermindert, schätzen die Anwohner. Vor einigen Wochen waren einige von ihnen beim Vorstandsvorsitzenden des Flughafenbetreibers Fraport AG, Stefan Schulte. Sie hätten ihm angeboten, für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag die Häuser auf dem Lerchesberg zu kaufen, berichtet Herrlein.

Die Herrleins wollen nicht weg

Die Offerte war nicht ernst gemeint, sie war als Groteske inszeniert. Die meisten wollen trotz des Lärms nicht weg, schon gar nicht Herrleins. Ihre Familien sind seit Generationen im Stadtteil verwurzelt. Das Wohnhaus bauten die Eltern von Frau Herrlein Anfang der sechziger Jahre als Bungalow. Weil es in Frankfurt damals nur wenige ähnlich attraktive Gegenden gab, so nah der pulsierenden Großstadt und zugleich halb im Grünen, stockten die Herrleins auf. 1998 verwirklichten sie ihre Vorstellung vom Drei-Generationen-Haus, das Ideal, die Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Damals gab es erste Gerüchte, der Flughafen werde ausgebaut und es werde Sachsenhausen treffen. Im Februar dieses Jahres, vier Monate nach Inbetriebnahme der Landebahn, gab ihre Tochter auf. Die Kinder hatten zunehmend nervös auf das Gedröhne am Himmel reagiert, die Leistungen in der Schule ließen nach. Die zweite und die dritte Generation zogen in eine ruhige Umlandgemeinde, die erste blieb. Seither kämpfen Angela und Adolf Herrlein noch erbitterter um ihr Recht.

Roland Koch (CDU), Hessens früherer Ministerpräsident und in dieser Zeit einflussreichster Antreiber des Flughafenausbaus, hat schon vor fast zehn Jahren den Vorwurf, die von ihm favorisierte Variante der Nordwest-Landebahn schone die Wählerklientel der CDU, mit dem Frankfurter Lerchesberg und der dort zu erwartenden Belastung gekontert. Er sollte in doppelter Hinsicht recht behalten. In den Stadtteilen Sachsenhausen und Niederrad sind die Lärmwerte in einem Maß gestiegen, wie sie nur wenige vorausberechnet hatten. Weder hochbezahlte Gutachter noch Privatleute wie Alfred Herrlein, die sich schon früh in die Statistiken und Formeln vergruben. Den Vorhalt, er habe sehenden Auges trotz dieser Kenntnisse in die Zukunft der Familie an diesem Ort investiert, lässt er nicht auf sich sitzen. Die Routen, wie sie auf den Plänen im Planfeststellungsverfahren zur Nordwest-Variante eingezeichnet gewesen seien und wie die neue Landebahn tatsächlich angeflogen werde, das weiche erheblich voneinander ab, kontert er.

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