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Musterkläger Adolf und Angela Herrlein „Wir wollen endlich Gerechtigkeit“

 ·  Auf sie schaut die Region. Ein Ehepaar vom Frankfurter Lerchesberg hat Verfassungs- beschwerde gegen den Ausbau des Flughafens eingelegt. Wie sich in der Einflugschneise das Leben der „Musterkläger“ verändert hat.

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Früher sind sie gerne geflogen, in den Urlaub, in die Sonne des Südens. Inzwischen steigen Adolf und Angela Herrlein in keine Maschine mehr. Das ist nur konsequent, könnte man meinen, sie klagen schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Die Abstinenz ist aber keine Form des stillen Protests. Sie resultiert vielmehr aus der Furcht, sie könnten abstürzen, „und dann war alles umsonst“. Adolf Herrlein, Kaufmann mit internationaler Erfahrung und als Krisenmanager bewährt, ist kein ängstlicher Typ. Er weiß auch, dass im Luftverkehr das individuelle Risiko, einen Unfall zu erleiden, wesentlich geringer ist als im Straßenverkehr. Aber wer vermag zu unterscheiden, was in dieser Auseinandersetzung noch rational, was von Gefühlen gesteuert ist.

Der Einundsiebzigjährige und seine vier Jahre jüngere Frau aus dem Stadtteil Sachsenhausen sind tatsächlich für die Fluglärmgegner von großer Bedeutung. Außer ihnen hätte kein Privatmann, keine Privatfrau das Recht gehabt, das Bundesverfassungsgericht anzurufen. In den Rang der „Musterkläger“ unter 250 Privatleuten, die gleichfalls gegen die Bahn vor Gericht gezogen waren, hatte sie schon der Hessische Verwaltungsgerichtshof erhoben. Weil sie fast idealtypisch verkörpern, wie der Ausbau des Flughafens in den Alltag, in das familiäre Leben, in die Zukunftsplanungen dringt.

Ein verlorenes Privileg

Ihr Haus liegt fast direkt unter der Anfluglinie. Sie führen Erkrankungen und Beschwerden auf die durch Fluglärm verursachten Belastungen zurück. Sie, die Wohnungen in Sachsenhausen besitzen, sehen schließlich sogar ihre Alterssicherung gefährdet. Schon nach wenigen Wochen machten einige Mieter Abschläge wegen des Lärms geltend. Spätestens seit dem Tag, als der Bescheid aus Kassel vom Verwaltungsgerichtshof kam, hat die Causa Einzug in das weiträumige Haus am Lerchesberg gehalten. Im Aktenschrank, eigens angeschafft, reihen sich mehr als 20 Ordner.

Am Lerchesberg zu wohnen galt lange als Privileg. Die Preise für die Anwesen schossen scheinbar unaufhaltsam in die Höhe. Das langgestreckte Haus der Herrleins nimmt sich bescheiden aus im Vergleich zu den Villen in der Nachbarschaft, für die immer noch Millionen zahlen müsste, wer sie kaufen wollte. Aber das wollen derzeit wenige. Der Wert ihrer Immobilie habe sich, seit am 21. Oktober 2011 die neue Landebahn in Betrieb genommen wurde, um mindestens dreißig Prozent vermindert, schätzen die Anwohner. Vor einigen Wochen waren einige von ihnen beim Vorstandsvorsitzenden des Flughafenbetreibers Fraport AG, Stefan Schulte. Sie hätten ihm angeboten, für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag die Häuser auf dem Lerchesberg zu kaufen, berichtet Herrlein.

Die Herrleins wollen nicht weg

Die Offerte war nicht ernst gemeint, sie war als Groteske inszeniert. Die meisten wollen trotz des Lärms nicht weg, schon gar nicht Herrleins. Ihre Familien sind seit Generationen im Stadtteil verwurzelt. Das Wohnhaus bauten die Eltern von Frau Herrlein Anfang der sechziger Jahre als Bungalow. Weil es in Frankfurt damals nur wenige ähnlich attraktive Gegenden gab, so nah der pulsierenden Großstadt und zugleich halb im Grünen, stockten die Herrleins auf. 1998 verwirklichten sie ihre Vorstellung vom Drei-Generationen-Haus, das Ideal, die Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Damals gab es erste Gerüchte, der Flughafen werde ausgebaut und es werde Sachsenhausen treffen. Im Februar dieses Jahres, vier Monate nach Inbetriebnahme der Landebahn, gab ihre Tochter auf. Die Kinder hatten zunehmend nervös auf das Gedröhne am Himmel reagiert, die Leistungen in der Schule ließen nach. Die zweite und die dritte Generation zogen in eine ruhige Umlandgemeinde, die erste blieb. Seither kämpfen Angela und Adolf Herrlein noch erbitterter um ihr Recht.

Roland Koch (CDU), Hessens früherer Ministerpräsident und in dieser Zeit einflussreichster Antreiber des Flughafenausbaus, hat schon vor fast zehn Jahren den Vorwurf, die von ihm favorisierte Variante der Nordwest-Landebahn schone die Wählerklientel der CDU, mit dem Frankfurter Lerchesberg und der dort zu erwartenden Belastung gekontert. Er sollte in doppelter Hinsicht recht behalten. In den Stadtteilen Sachsenhausen und Niederrad sind die Lärmwerte in einem Maß gestiegen, wie sie nur wenige vorausberechnet hatten. Weder hochbezahlte Gutachter noch Privatleute wie Alfred Herrlein, die sich schon früh in die Statistiken und Formeln vergruben. Den Vorhalt, er habe sehenden Auges trotz dieser Kenntnisse in die Zukunft der Familie an diesem Ort investiert, lässt er nicht auf sich sitzen. Die Routen, wie sie auf den Plänen im Planfeststellungsverfahren zur Nordwest-Variante eingezeichnet gewesen seien und wie die neue Landebahn tatsächlich angeflogen werde, das weiche erheblich voneinander ab, kontert er.

Alle zwei Minuten schwillt das Grollen an

An diesem trüben Morgen lassen sich über dem Lerchesberg keine Maschinen blicken, obwohl sie, wie sich wenig später am Computer recherchieren lässt, noch nicht einmal mehr vierhundert Meter hoch gewesen sind. Etwa alle zwei Minuten schwillt das Grollen an, je nach Flugzeugtyp und wie genau der Pilot sich an die „Linie“ hält. Die Herrleins haben lange Listen angelegt, wann welche Maschinen wie laut waren. In der Spitze erreichen danach die Schallwerte bis zu 88 Dezibel (A) - am Arbeitsplatz wären Kopfhörer Pflicht.

Koch ist aber auch in einer zweiten Hinsicht bestätigt worden. Der Zuspruch für die Union in den gutbürgerlich geprägten Quartieren im Frankfurter Süden ist - zumindest vorerst - stark zurück gegangen. Adolf Herrlein macht kein Hehl daraus, dass er, der früher nie daran zweifelte, die CDU werde seinem Weltbild gerecht, bei der Wahl des Oberbürgermeisters zum ersten Mal das Kreuz an anderer Stelle gemacht hat. Kein anderer habe sich wie Peter Feldmann (SPD) dafür eingesetzt, die Lage für die Menschen im Frankfurter Süden müsse sich verbessern. Der Wähler Herrlein weiß, wie beschränkt die Möglichkeiten eines Rathauschefs in diesen komplexen Verfahren sind. Er rechnet Feldmann dennoch hoch an, dass er auch nach der Wahl in seinem Engagement nicht nachlasse.

Eine halbe Million Euro für den Rechtsstreit

Auf sich gestellt werden die Herrleins freilich sein, sollte das höchste deutsche Gericht ihre Beschwerde annehmen. Das wird sie nicht schrecken, haben sie doch vor dem VGH wie vor dem Bundesverwaltungsgericht selbst vorgetragen, wie sehr die neue Landebahn ihr Leben verändert habe. Wie sie seither unter Schlafmangel litten, sich tagsüber oft matt und antriebslos fühlten, nun oft Tabletten nehmen müssten, um überhaupt einschlafen zu können.

Der Rechtsstreit hat sie bisher eine halbe Million Euro gekostet, die Verfassungsbeschwerde noch nicht eingerechnet. Die Herrleins sind Musterkläger der Bürgerinitiative Sachsenhausen, deren Rechtshilfefonds hat die Kosten übernommen. Schließlich hoffen die Unterstützer, dass es sich am Ende auch für sie auszahlen wird. Dass wenigstens das Bundesverfassungsgericht einsehe, Fluglärm mache krank, die Bahn müsse daher weg. „Wir wollen endlich Gerechtigkeit“, sagt Adolf Herrlein.

Abwarten, bis ein Signal aus Karlsruhe kommt

Zwar mehren sich die Stimmen, bis hin zum Umweltbundesamt, die einen Zusammenhang insbesondere zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der durch (Flug-)Lärm hervorgerufenen Stress als nachgewiesen sehen. Ob allerdings insoweit schon eine gesicherte wissenschaftliche Basis existiert, das wird in Karlsruhe die Kardinalfrage werden. Ebendiese Gewissheit unter Medizinern und Lärmforschern verlangt das Bundesverfassungsgericht nach seiner bisherigen Rechtsprechung. Nur dann ist es bereit, die Grenzwerte des Fluglärmschutzgesetzes in Frage zu stellen, innerhalb deren sich nach bisheriger Ansicht aller Juristen in den Ministerien und an den Gerichten auch der größere Frankfurter Flughafen noch bewegt.

Der Stuttgarter Rechtsanwalt Rüdiger Zuck, den die Herrleins mit der Verfassungsbeschwerde beauftragt haben, hat sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, die Aussichten, die obersten Richter würden ihre Meinung revidieren, zumindest aber im Senat darüber beraten oder sogar öffentlich verhandeln, seien eher gering. Andererseits hält der sehr erfahrene Verfassungsrechtler die hiesigen Verhältnisse für in einem Maße exemplarisch, dass, wenn überhaupt, anhand der Causa Frankfurt eine Wende möglich erscheint. Jetzt heißt es, womöglich ein Jahr abzuwarten, ehe ein Signal aus Karlsruhe kommt.

Adolf und Angela Herrlein sind sich sicher, dass sie durchhalten werden. Ein Eichhörnchen huscht durch den gepflegten Garten. Es schaut sich um, stutzt kurz und verschwindet dann im Gebüsch. Am Frankfurter Lerchesberg kann es so schön sein.

Thorsten Schäfer Gümbel im Interview. Wirtschaft, Seite 38

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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