28.01.2012 · Talent ist erblich, es kommt darauf an, was einer daraus macht. Julian Prégardien wollte singen, so wie sein Vater Christoph. Eine Geschichte über Liebe, Musik und Karriere.
Unlängst ist er in einem Radiointerview wieder einmal gefragt worden, wie das denn sei, als Sohn von... „Das war nichts Neues, das kenne ich schon“, sagt Julian Prégardien, und das klingt weniger verärgert als eher amüsiert ob der geradezu pawlowschen Reflexe innerhalb des Kulturlebens und bei seiner medialen Aufbereitung. Selbst dass man ihn mit dem Namen seines Vaters abmoderierte, erzählt er ganz entspannt, eine dieser Anekdoten, die das Zeug haben, im Familienbesitz lange zu überleben, so wie Sammeltassen und Silberbesteck.
Julian Prégardien ist sie längst gewohnt, die ewige Spekulation, dass da zwischen Vater und Sohn doch etwas ganz Tragisches schwelen müsse. Große Oper eben. Weil der Sohn ja nicht bloß denselben Beruf ergriffen hat wie der Vater, sondern weil der Vater berühmt ist. Der lyrische Tenor Christoph Prégardien gilt als einer der Besten seines Fachs. Ein Weltklassesänger, nahezu konkurrenzlos im Fach „romantisches Lied“. Mehr als 130 Tonträger hat er bislang aufgenommen, dafür so ziemlich alle wichtigen Musikpreise bekommen. Er hat eine Professur an der Kölner Hochschule, unterrichtet dort seit 2005 Gesangsklassen und wird nächstes Jahr als Dirigent sein Portfolio noch erweitern.
Das könnte für einen Sohn schon eine ziemliche Belastung sein. Einerseits. Andererseits hat sich der 27 Jahre alte Julian Prégardien als lyrischer Tenor längst eigenen Lorbeer verdient. Er ist Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, hat Liederabende, gibt Konzerte. In diesem Jahr ist er zudem für eine Opernproduktion bei einem Festival in Aix en Provence dabei, und er wird das erste Mal in New York ein Konzert geben.
Wie der Vater, so der Sohn, heißt es, aber auch, dass es schwer sei, in große Fußstapfen zu treten. Erwartungen, das weiß Christoph Prégardien aus eigener Erfahrung, sind ein wenig wie Schnupfen. Sie sind unvermeidbar, sollten aber nicht zu ernst genommen werden. „Wir sehen uns ja ständig damit konfrontiert.“ Auch er musste sich schon oft Vergleiche gefallen lassen, zwar nicht solche mit seinem Vater - einem Limburger Vertreter „mit einer wunderbaren Tenorstimme“ - aber doch mit den ganz Großen seines Fachs. Und ja, natürlich hätten sich Vater und Sohn vorab Gedanken gemacht, ob es klug ist, ausgerechnet denselben Beruf, dasselbe Fach zu wählen. Aber im Grunde gab es für Julian Prégardien keine Alternative. Mit der Stimme. Mit dieser Leidenschaft für die Musik.
Schon in einem Alter, in dem andere David Beckham oder Astronaut werden wollen, habe Julian daheim in Limburg Szenen aus Don Giovanni nachgespielt und als Berufsziel „Bariton“ angegeben, erzählt der Vater. Und obwohl Julians Halbgeschwister aus der ersten Ehe von Christoph Prégardien, der zwei Jahre ältere Bruder Sebastian und die vier Jahre jüngere Helena, auch Klavierunterricht bekamen und denselben hochmusikalischen Einflüssen ausgesetzt waren, sei es mit dem jüngsten dieser drei Kinder doch anders gewesen: „Bei ihm hat man gleich gemerkt, wie er regelrecht süchtig war nach klassischer Musik. Und wenn man ihn mit in die Oper genommen hat, dann saß er da die zwei, drei Stunden und hat andächtig zugehört.“ Wie schon sein Vater, geht Julian zu den Limburger Domsingknaben. Steht mit neun Jahren in der Alten Oper in Frankfurt unter Sylvain Cambreling zum ersten Mal mit einer kleinen Solistenpartie bei einem Konzert auf der Bühne. Mit dem Stimmbruch und der Pubertät rückt dann zwar vorübergehend anderes in den Vordergrund. Die Kultband Nirwana etwa und Basketball. Doch dann kehrt die alte Leidenschaft zurück. Und die Frage: Reicht es zu einem Gesangsstudium? Sein Vater fühlte sich, wie er sagt, „einfach zu nahe dran, um das beurteilen zu können“. Es sind drei andere Experten, denen Julian Prégardien getrennt voneinander vorsingt, die sie ihm alle bestätigen: seine außerordentliche Stimme.
Wer den leichteren Start hatte? Der Vater sagt, für ihn sei es einfacher gewesen. Trotz aller wirtschaftlichen Unsicherheiten, die der Beruf des Sängers mit sich bringt. Und obwohl seine Eltern, selbst sehr musikbegeistert, ihn damals zu einem Umweg über die Rechtswissenschaften überredet hatten, „ich sollte erst einmal etwas Handfestes studieren“. Es blieb bei einem Semester Jura. Dennoch: „Heute ist die Konkurrenzsituation einfach so extrem. Manche, die früher Karriere gemacht haben, hätten vermutlich heute gar keine Chance. Ganz einfach deshalb, weil heute die ganze Welt zu uns nach Deutschland kommt.“ Japaner, Amerikaner, Koreaner, Chinesen, auch Osteuropäer - alle, sagt Christoph Prégardien, strömten hierher, um sich ausbilden zu lassen und eine Solistenstelle zu bekommen. An der Qualität der Ausbildung liege das und an den damit verbundenen Mechanismen des Musikbetriebs. „Man kann etwa in Amerika erst Karriere machen, wenn man einmal in Europa gewesen ist.“
Mit dem Angebot an großen Stimmen, sagt Prégardien, sei für die Sänger der Stress gewachsen, es gebe mehr Hektik und Druck, Erwartungen zu erfüllen, sich festzulegen, auf ein Fach, ein Genre. Sein Sohn legt deshalb viel Wert darauf, „ein Gleichgewicht zwischen Oper, Konzert und Lied“ zu wahren. Auch mit einem Projekt, das er gemeinsam mit seinem Vater seit 2008 immer weiter entwickelt. Julian Prégardien: „Wir hatten schon fünf gemeinsame Konzerte und werden 2012 noch drei weitere geben, 2013 gibt es dann eine echte Tournee.“ Sie suchen immer wieder nach den raren Stücken, die für zwei Tenöre vorgesehen sind, arrangieren auch mal um, bearbeiten Musik und Texte. Bevorzugt werden Vater-und-Sohn-Themen wie in den Opern von Monteverdi. Und sie teilen einen Traum: einmal zusammen für Idomeneo auf der Bühne zu stehen. Weil Vater und Sohn darin „einen sehr, sehr interessanten Konflikt auf der Bühne ausleben“, und weil die Rollen ihren Stimmen „gut liegen würden“.
Wer von beiden mehr Lampenfieber hat? „Ich glaube, ich habe weniger“, sagt der Sohn. „Sei froh!“, sagt der Vater. Und dass diese Aufgeregtheit nicht vergehe, auch nicht im Bewusstsein der Karriere, der vielen Erfolge, der Fans. „Die letzte Viertelstunde vor einem Konzert, da fragt man sich jedes Mal, ob man jetzt nicht besser ganz woanders wäre.“ In der Küche zum Beispiel. Mit Zeit, einem edlen Tropfen und ehrgeizigen Rezepten. Vater und Sohn eint auch die Leidenschaft für gutes, sehr gerne selbst gekochtes Essen, gute Weine. Viel zu selten, das beklagen beide, kommen sie dazu, gemeinsam mit ihren Familien an einem Tisch zu sitzen. Sie sind sehr beschäftigt, oft unterwegs. Außerdem lebt Christoph Prégardien mit seiner zweiten Frau und den beiden Kindern aus dieser Ehe in Köln. Julian Prégardien lebt mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn Johann in Frankfurt.
Hier wie dort wird eine ganz besondere Familientradition, ein musikalisches Abendritual, gepflegt: Mit dem Einschlaflied, der gesungenen Vermittlung von Geborgenheit, einem der schönsten Gefühle überhaupt. Dann erklingt auch an Johanns Bett, was schon Julian in seiner Wiege zu hören bekam: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ oder „Abendstille überall“, als Kanon: Auch Iris, Johanns Mutter, ist ausgebildete Sängerin.
Es werde viel zu wenig gesungen in den Familien, sagen die Sänger Prégardien. Christoph Prégardien hat deshalb für die CD des „Wiegenliederprojektes“ zur Rettung des Einschlaflieds das Stück „Der Mond ist aufgegangen“ eingesungen. „Es geht darum, das Singen in der Familie wiederzuentdecken“, sagt er, und damit auch einen Keim für die Liebe zur Musik zu legen. Das wird nicht zwangsläufig in eine Gesangskarriere münden. Aber ganz sicher in ein reicheres Leben und vielleicht, wie bei Christoph und Julien Prégardien, in eine sehr liebevolle, starke und inspirierende Vater-Sohn-Beziehung.
Einen gemeinsamen Liederabend geben Christoph und Julian Prégardien am Dienstag, 28. Februar, 20 Uhr, im Opernhaus Frankfurt.
vielfältige Talententwicklung
kathrin siebert (ka-sie)
- 30.01.2012, 11:30 Uhr