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Wiederaufnahme von „Cats“ : Choreographie des Herzens

Eine Show, die alle Rekorde brach: das Musical „Cats“. Bild: Alessandro Pinna

„Cats“ gehört zu den Musicals mit der längsten Laufzeit überhaupt. Nun kommt es für eine mehrmonatige Tournee zurück nach Deutschland. Die Faszination für die Revue scheint ungebrochen. Woran liegt das?

          Es gibt Kulturereignisse, die einen vermuten lassen, dass es sich bei den Menschen um eine äußerst sonderbare Kreatur handelt. Da verkleiden sich Erwachsene als Katzen, schlüpfen in synthetische Aerobicanzüge mit langen Katzenschwänzen, setzen teure Kunstfell-Perücken auf und schminken sich aufwendig in mehreren Make-up-Auflagen, um dann auf die Bühne zu springen und zweieinhalb Stunden lang zu tanzen, zu singen, zu spielen, als gäbe es kein Morgen – und das Publikum tobt. „Cats“ ist zurück – und zwar in der Londoner Originalproduktion, die das Musical von Andrew Lloyd Webber so berühmt gemacht hat.

          Die Katzengedichte aus T.S. Eliots „Old Possum’s Book of Practical Cats“ dienten ihm als Grundlage für seine musikalische Revue, die alle Rekorde brechen sollte. Seit der Uraufführung im New London Theatre im Jahr 1981 zählt das Musical auf der ganzen Welt über 73 Millionen Zuschauer. Ausgezeichnet mit zahlreichen Theaterpreisen, darunter sieben Tony Awards, gehört „Cats“ zu den Musicals mit der längsten Laufzeit überhaupt.

          Tanzen, singen, spielen: „Cats“ ist für alle Darsteller extrem anstrengend.
          Tanzen, singen, spielen: „Cats“ ist für alle Darsteller extrem anstrengend. : Bild: Alessandro Pinna

          Während es in den vergangenen Jahren vereinzelt auch Non-Replica-Produktionen gab, in denen zum Beispiel beim Bühnenbild Abweichungen vom Original zugelassen sind, erlebt die englische Originalfassung seit einer elfwöchigen Wiederaufnahme am Londoner Palladium im Herbst 2015 ein Revival. Unter der Leitung des Regisseurs Trevor Nunn arbeitet das Creative Team in ursprünglicher Besetzung, zu der auch die Choreographin Chrissie Cartwright und die Maskenbildnerin Karen Dawson gehören.

          Es geht darum, wie es sich anfühlt

          Nun hat im Juli mit einer ausverkauften Premiere in München die Deutschland-Tournee begonnen. Die 23 Katzendarsteller wurden dafür im November vergangenen Jahres neu gecastet. „Das sind die nettesten Leute, die man sich vorstellen kann“, erzählt der Company-Manager Steve Diamond bei einem Backstage-Rundgang. Jeder junge Tänzer wolle zu „Cats“. Das Musical sei für alle Tänzer extrem anstrengend und erfordere hartes Training, aber jeder liebe die Show; es sei eine phantastische Chance für die Tänzer, zu zeigen, was sie können. Und in der Tat ist die tänzerische Darbietung beeindruckend – nicht unbedingt wegen der einzelnen Bewegungsabläufe, die in ihrer Komplexität überschaubar sind, sondern aufgrund des Gesamtbildes, das auf der Bühne entsteht. „Jeder Darsteller bringt etwas Eigenes mit“, findet die Choreographin Chrissie Cartwright. Und doch agieren die Tänzer synchron. Sie bewegen sich nicht genau wie eine Katze, aber katzenähnlich. Ihre Bewegungen sind rund und fließend. Das Musical zeigt eine Choreographie des Herzens. „Es geht nicht um einzelne Schritte“, sagt Cartwright, die selbst Katzen hat, „sondern darum, wie es sich anfühlt.“

          Mit der Anmut von Katzen: Szene aus dem Musical-Klassiker „Cats“
          Mit der Anmut von Katzen: Szene aus dem Musical-Klassiker „Cats“ : Bild: Alessandro Pinna

          Nicht jedem gefällt die emotionale Grundierung der Tänze. Die körperliche Nähe zwischen den Darstellern, ihr oft praktizierter Hüftschwung und die hautengen Kostüme führten etwa bei Auftritten in Kuweit zu Problemen. Als „zu sexy“ sei die Show beurteilt worden, weshalb sie die Choreographie dort leicht ändern mussten, erzählen Cartwright und Steve Diamond.

          Was aus der Zeit gefallen wirkt, spielt für die Maske keine Rolle. Die langjährige Maskenbildnerin Karen Dawson sieht für Änderungen keinen Anlass. „Es ist gut so, wie es ist“, sagt sie, während sie am Abend der Münchner Premiere einen der Darsteller schminkt. Unmengen von Puder müssen abwechselnd mit der Schminke verwendet werden, damit die Maske hält und die einzelnen Farben und Katzenmuster sich nicht vermischen.

          Ein Kostüm fürs Gesicht

          Dawson bringt den Tänzern auch bei, sich selbst zu schminken. Das sei eine enorme Aufgabe für sie, weil sie dafür eigentlich nicht ausgebildet seien. Viel Zeit zum Üben bleibt ihnen nicht; die Maskenbildnerin zeigt ihnen die Schminktechnik und -reihenfolge nur einmal. Die Darsteller fotografieren die einzelnen Schminkschritte, um sich die Abfolge besser merken zu können. Manche üben auch zu Hause – und dann muss es bei der nächsten Vorstellung gelingen. Denn es sind so viele Darsteller, dass eine Maskenbildnerin allein mit der Arbeit nicht hinterherkäme. Es sei ein Kostüm fürs Gesicht, erklärt Dawson, eine Mischung zwischen Katze und Mensch. Mittlerweile sitzt ein weiterer Darsteller in der Maske. Er zieht sich blitzschnell einen akkuraten Lidstrich. Dawsons Schminkunterricht scheint durchschlagenden Erfolg zu haben. Die Vorstellung kann beginnen.

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