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Museum Wiesbaden Provenienzforschung ist keine Einbahnstraße

Zwei italienische Gemälde kamen während des Nationalsozialismus in das Museum Wiesbaden. Dort ermittelte man die Erben der Besitzer und erwarb die Bilder zurück.

© Röth, Frank Vergrößern Betreibt Provenienzforschung im großen Stil: das Museum Wiesbaden.

Das Ende der Sanierung des Südflügels wollte man im Museum Wiesbaden nicht abwarten. Schon bevor die altmeisterliche Sammlung des Hauses dort voraussichtlich noch in diesem Jahr einen neuen Platz erhält und dann nach langer Zeit wieder umfänglich präsentiert wird, hängen die beiden in Öl auf Leinwand gemalten Architekturstücke, die der neapolitanische Maler Gennaro Greco in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts geschaffen hat, im Treppenaufgang zwischen Kunst des 20.Jahrhunderts. Zwar gehören sie schon seit 1943 zur Sammlung, rechtmäßig allerdings erst seit wenigen Tagen. Soeben hat das Museum die zwei Werke den Erben von Martin Tietz abgekauft. Nachdem der jüdische Kaufmann 1939 aus Berlin emigriert war und seine Bilder hatte zurücklassen müssen, ließen die Nationalsozialisten sie von einem Berliner Auktionshaus versteigern. Den Zuschlag erhielt Hermann Voss, der das Museum Wiesbaden von 1937 bis 1945 leitete.

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Nach dreijähriger Recherche konnte nun die Herkunft weiterer zwei der insgesamt etwa 200 Kunstwerke geklärt werden, die während des Nationalsozialismus in das Haus kamen. Auf diesem Gebiet macht sich seit 2009 Kustos Peter Forster verdient, er wird dabei von seiner Kollegin Miriam Merz unterstützt. Gemeinsam arbeiten sie die Geschichte des Hauses gemäß der Washingtoner Erklärung von 1998 auf, nach der Bund und Länder sich verpflichten, entsprechendes Unrecht wiedergutzumachen. Bewältigt haben Forster und Merz freilich erst die Spitze eines Eisbergs.

Bei der Hälfte der fraglichen Werke hat sich die Provenienz noch nicht ermitteln lassen

Nur von etwa 40 Prozent der fraglichen Werke wissen sie inzwischen, dass sie „völlig sauber“ sind und das Museum sich als ihr rechtmäßiger Eigentümer fühlen darf. Bei etwa der Hälfte hat sich die Provenienz bislang noch nicht ermitteln lassen, bei den zehn Prozent, die mit Sicherheit auf unrechtmäßigem Wege ins Haus kamen, konnten die Vorbesitzer nur selten ermittelt werden. Hilfreich ist in solchen Fällen oft die Internet-Datenbank „Lost Art“. Dort werden Kulturgüter erfasst, die die Nationalsozialisten jüdischen Eigentümern entzogen haben, dort machen auch die Wiesbadener Museumsleute die Dossiers ihrer Bilder öffentlich.

Forster hat sich darum bemüht, dass die Grecos in Wiesbaden bleiben, weil er ohnehin gern mehr Italiener im Haus hätte, der Künstler gut zu den schon vorhandenen neapolitanischen Malern passt und die Bilder durch ihr ungewöhnliches Sujet bestechen. Greco gilt als Spezialist für Architekturveduten. Bei den theatralisch beleuchteten und in auffälliger Perspektive dargestellten Arkaden handelt es sich um Phantasie-Orte, in denen sich zeitgenössische und antike Architektur mischen. Zum Preis, der für die Bilder gezahlt wurde, sagt Forster nur, dass die Erben von Martin Tietz sich sehr entgegenkommend gezeigt hätten - womöglich auch deshalb, weil diesmal nicht die Erben auf die Bilder aufmerksam wurden und sie zurückforderten, sondern das Museum umgekehrt die Erben auf ihren Besitz hinwies.

Provenienzforschung muss nicht zwangsläufig mit Verlust verbunden sein

Provenienzforschung muss aber nicht zwangsläufig mit Ausgaben oder dem Verlust von Kunst verbunden sein. Dass heute ein 1920 entstandenes Selbstbildnis von Karl Schmidt-Rottluff den Wiesbadener Bestand des Brücke-Malers als Dauerleihgabe ergänzt, ist ebenfalls auf den Umgang des Museums mit der eigenen Geschichte zurückzuführen. Das Gemälde gehörte dem später von den Nationalsozialisten ermordeten Berliner Textilfabrikanten Robert Graetz. Als das Museum Wiesbaden vor zwei Jahren ein dem Niederländer Pieter de Grebber zugeschriebenes Bild restituierte, hallte das Medienecho, das diesem Ereignis folgte, bis nach Argentinien.

Dort leben Graetz’ Erben. Als sie den Schmidt-Rottluff vorigen März von der Berliner Nationalgalerie zurückerhielten, wo er sich seit 1953 befunden hatte, erinnerten sie sich an Wiesbaden. Ein prominenter Platz ist dem Werk sicher. Der zuständige Kustos Roman Zieglgänsberger kündigt an, dass das Bild, auf dem der Maler seine Pinsel wie Trommelstöcke hält und das nun in der Nachbarschaft des Wiesbadener Selbstbildnisses mit Zigarre hängt, „immer in der Gemäldesammlung gezeigt werden“ wird.

Quelle: F.A.Z.

 
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