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Museum für Sepulkralkultur : „Einer geht noch“

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Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel verabschiedet seinen Leiter mit Cartoons und Karikaturen. Mit einer solchen Ausstellung hat er vor fast 25 Jahren auch begonnen.

          „Einer geht noch“, sagt sich die alte Frau in der Denkblase, als sie, zwar auf den Rollator gestützt, aber doch zielstrebig den Friedhof verlässt, auf dem schon Erwin, Karl und Heinz ruhen - ihre Verflossenen. Die Zeichnung stammt von Ari Plikat und betitelt die aktuelle Ausstellung der mehr als 160 Werke von 33 Cartoonisten und Karikaturisten im Kasseler Museum für Sepulkralkultur. Es sind Werke „auf Leben und Tod“, die in dem Museum, das der Bestattungs- und Sterbekultur gewidmet ist, gezeigt werden.

          Als der evangelische Theologe Reiner Sörries 1992 die Leitung des ziemlich einmaligen Hauses auf dem Kasseler Weinberg übernahm, überraschte er die Öffentlichkeit mit einer sarkastisch-humorvollen Schau von Zeichnungen im Sepulkralmuseum unter dem mehrdeutigen Titel „Schluss jetzt“. Die Schau, die parallel zur Documenta desselben Jahres lief, gestaltete er gemeinsam mit den Machern der Kasseler Caricatura, aus der später die gleichnamige Frankfurter Einrichtung hervorging. Die Ausstellung war ein grandioser Erfolg für das Museum, das dem Tod damals - getreu dem Motto: „ich lach dich tot“ - mit Witz begegnete.

          Manch alte Karikatur ist immer noch aktuell

          Nun, da Sörries eine Professur in Erlangen übernommen hat, bevor er in den Ruhestand wechseln wird, schenkt ihm das Museum zum Abschied unter dem neuen Direktor Werner Tschacher eine zweite Bilderschau mit Cartoons und Karikaturen. Es sind wieder die Vertreter der Neuen Frankfurter Schule dabei, aber auch Autoren, die durch die Caricatura-Sommerakademie der Kasseler Caricatura gegangen sind.

          Leser dieser Zeitung werden die Zeichner Greser und Lenz wiedererkennen, um nur zwei der zahlreichen Autoren zu nennen. Die Schau spiegelt die Veränderungen des vergangenen Vierteljahrhunderts. Migration sowie Gewalt gegen Migranten sind heute ebenso Themen, wie sie es vor 24 Jahren waren. Doch das Internet kam dazu. Ein alter Mann im Rollstuhl tippt an seinem Computer, und die Frau neben ihm sagt: „Wenn Du mal hirntot bist, lass ich Dir einfach dieses Google einpflanzen.“ Auf einem anderen Bild sagt das Navi am Rollator, als die Schiebende den Friedhof erreicht: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Solche Zeichnungen wären 1992 weder vorstellbar noch deutbar gewesen.

          Ebenso neu sind die Friedhöfe im Internet, die Gedenkseiten und virtuell entflammbaren Kerzen im Netz, mithin das digitale Totengedenken. Auch die Veränderungen in der Medizin liefern Themen - wie die Debatte um den Hirntod - und die politische Wirklichkeit. Nur eine Handvoll frecher Zeichnungen gilt dem langmütigen Christentum, das Hohn und Spott seit dem Kreuzweg Christi hinzunehmen hat. Etwa doppelt so viele Werke zeigen ein Motiv aus dem weiten Feld des Islams. Selbstmordattentate, die zwar im Kampf der Muslime gegen Andersgläubige alles andere als neu, aber in unserer Wahrnehmung gegenüber 1992 erschreckend aktuell sind, gehören zu den Themen.

          Auch Gemälde in der Ausstellung

          Das Genre selbst hat sich verändert. Zum einen äußerlich: In der Ausstellung gibt es weniger unikate Zeichnungen als 1992, denn die Macher zeichnen nicht unbedingt mehr mit der Hand, sondern mit einem Zeichenprogramm und drucken ihre Werke. Was aber ist unter diesen Bedingungen ein Original? Auch inhaltlich hat sich die Kunst gewandelt. Nach dem Zusammenbruch der Diktaturen in Mittel- und Osteuropa wurde der Witz sorgenfreier, unbeschwerter und unpolitischer. Er verkam gar zum Klamauk, zur Comedy, sowohl im Wort als auch im Bild. Politisches Kabarett, Satire und die politisch tödlich stechende Zeichnung fielen aus der Zeit, waren unvorstellbar, weil gleichsam zwecklos.

          Mit der Rückkehr von politischen Krisen, von Kriegen, Mord und Bedrohung selbst mitten unter uns im bisher friedlichen Westeuropa kehrt auch ein anderer Geist in die mit Wort und Bild betriebene politische Auseinandersetzung zurück. Darüber hat sich die Kunst der Karikatur selbst verändert, wie es Martin Sonntag, Geschäftsführer der Kasseler Caricatura, schildert. Greser und Lenz in der F.A.Z. sowie Thomas Plassmann in der „Frankfurter Rundschau“ haben nach seiner Einschätzung eine neue Form der Karikatur entwickelt. Sie betrachten nach Sonntags Analyse einen Sachverhalt nicht allein aus der Tagesaktualität heraus. Denn dann erscheint eine Karikatur schon nach wenigen Tagen, wenn die sinngebende Aktualität verronnen ist, leblos. Durch den Perspektivwechsel, die Betrachtung des Themas aus der Gesellschaft heraus, schaffen die Autoren ein Bild, das langlebig ist und Karikatur und Cartoon zusammenführt.

          In Kassel gibt es aber auch Gemälde. Das größte ist von Rudi Hurzlmeier. Es heißt „Der Satan öffnet den Erlöser“ und ist noch unvollendet. „RU DI HU 2001“ ist es gezeichnet. Doch auch in der unfertigen Fassung ist es schon voller Dynamik und Emotion eines alten Meisters, wie es den Teufel bei der Sektion des Gekreuzigten zeigt. Der Zeichner wird das Werk in Kassel zu einem noch nicht genannten Zeitpunkt im Verlauf dieser Ausstellung vollenden. Dazu hat er zwischen dem 4. Februar, wenn die Ausstellung offiziell eröffnet wird, und dem 5. Juni Zeit. So lange werden die Bilder zu sehen sein. Dem Delinquenten, der mit gesenktem Haupt vor seiner Schlachtbank steht, ruft der Henker mit dem Beil ein „Kopf hoch“ zu, und aus der Erinnerung des Betrachters hallt ein „Wir schaffen das“ wie Satyrs Echo wider.

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