Am Anfang stand eine gewagte Spekulation. Für 32.000 Gulden erwarb der Weingroßhändler Gottlieb Mumm im Mai 1811 die gesamte Ernte auf dem Johannisberg. Für den damaligen Verwalter des im Jahr 1100 gegründeten und somit ältesten Rheingauer Klosters, Marschall Kellermann, ein scheinbar gutes Geschäft in einer Zeit, als Missernten keine Seltenheit waren. Kellermann ließ den Johannisberg damals von seiner Frau Adelaide Marco leiten. Glück hatte sie dabei nicht, denn die Natur war ihr Gegenspieler. Die Jahrgänge zwischen 1808 und 1810 gerieten auf dem Johannisberg so miserabel, dass das Angebot von Mumm angesichts des Risikos einer weiteren Missernte verlockend schien.
Doch als am 14.Oktober 1911, das Jahr nachdem der Halleysche Komet die Erde passiert hatte, die Weinernte eingefahren wurde, stand der Gewinner jener ungewöhnlichen Wette fest: In 50 jeweils 1200 Liter fassenden Stückfässern war nicht nur ein mengenmäßig üppiger, sondern zugleich auch der beste Jahrgang des 19.Jahrhunderts eingebracht. Auf dem Johannisberg hatte sich Familie Kellermann verspekuliert, Familie Mumm konnte sich die Hände reiben.
Ein kaufmännischer Erfolg
Der „Kometenjahrgang“ ging in die deutschen Weinanalen ein. Für Weinkenner Goethe beispielsweise war der Winkeler Hasensprung der Kaufmannsfamile Brentano der Beweis, welch großartige Rebensäfte dieses phänomenale Weinjahr 1811 hervorgebracht hatte. Der Spitzenwein von Schloss Johannisberg brachte der Familie Mumm - vorsichtig geschätzt - einen Erlös von 15.0000 Gulden. Christian Witte, heute Geschäftsführer auf dem Johannisberg, geht sogar davon aus, dass Mumm nach dem Verkauf aller Weine des Jahrgangs den ursprünglichen Einsatz verzehnfacht hat.
Ein kaufmännischer Erfolg, der Witte Anlass ist, „200 Jahre Weingut G.H. von Mumm“ zu feiern, auch wenn das Weingut erst elf Jahre später formell gegründet werden sollte. Im Jahr 1822 erwarb die Familie in unmittelbarer Nachbarschaft von Schloss Johannisberg große Weinbergsflächen und baute ein Jahr später ein herrschaftliches Wohnhaus.
Goethe war Zaungast
Dass Marschall Kellermann schon im Mai des Jahres 1811 die zu erwartende Ernte am Rebstock veräußerte, erklärt Witte außer mit den Missernten der Vorjahre auch mit den europäischen Spannungen jener Zeit. 1811 war das Jahr, in dem Frankreich und Russland mit den Vorbereitungen für einen großen europäischen Krieg begannen, der nicht nur viele Menschenleben, sondern auch viel Geld kosten sollte. Hätte es einen solventen Käufer gegeben, Napoleon hätte das Schloss auf dem Johannisberg wohl veräußert, um seine Aufrüstung zu finanzieren, meint Witte. Immerhin konnte Kellermann mit 3.2000 Gulden für die Ernte einen Beitrag zur Aufstellung der Truppen leisten. Truppen, die im Winter 1812 geschlagen und dezimiert den langen Rückmarsch antreten mussten. Die Armee war verloren, der Wein geblieben.
Schloss Johannisberg gelangte 1815 in den Besitz der Familie von Metternich. Goethe war Zaungast, als das Ensemble formell übergeben wurde. Die Familie Mumm baute in der Nachbarschaft nicht nur ein eigenes großes Weingut auf und erweiterte die Rebfläche sukzessive, sondern gründete 1827 durch Gottlieb Hermann Mumm in Reims ein eigenes Champagnerhaus. 1873 erhielten sie den mittelalterlichen Adelstitel Mumm von Schwarzenstein zurück und bauten in Johannisberg die künstliche Ruine Burg Schwarzenstein, die heute Luxushotel und Feinschmeckerrestaurant ist.
Zusammen 100 Hektar Rebfläche
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs ging das Champagnerhaus G.H. Mumm&Co. in Reims durch Enteignung verloren, 1922 folgte in Eltville die Neugründung der Sektkellerei G.H. Mumm. 1933 verfügte der preußische Innenminister zur Abgrenzung von dem französischen Haus Mumm die Namensänderung „von Mumm“. Erst 1958 wurden Weingut und Sektkellerei getrennt. Mumm-Sekt ist heute eine Marke von Rotkäppchen-Mumm. Das Johannisberger Weingut G.H. von Mumm gehört ebenso wie Schloss Johannisberg der Bielefelder Unternehmerfamilie Oetker.
Beide Weingüter werden seit 1980 unter dem Dach von Oetkers JWG Johannisberg Weinvertrieb KG geführt und gemeinsam von Witte als Geschäftsführer verwaltet. Mit zusammen 100 Hektar Rebfläche, davon 65 Hektar bei Mumm, ist es der nach den Staatsweingütern der größte Weinerzeuger des Rheingaus, auch wenn es formal zwei Betriebe sind und bleiben. Mumm hat im Gegensatz zu Schloss Johannisberg eine breitere Palette an Weißweinen und überdies Spätburgunder im Angebot. Witte ist derzeit bemüht, bei der Weinqualität Mumm noch näher an das Schloss heranzuführen. Im Jubiläumsjahr hat der Verband der Prädikatsweingüter das durch die Aufnahme von Mumm in seine Reihen anerkannt. Eine Ehrung im Jubiläumsjahr, nur der 1811er fehlt. Selbst Witte hatte nicht mehr das Glück, jenen legendären Wein verkosten zu dürfen. Zwar reichen die Weinjahrgänge in der Schatzkammer des Schlosses drei Jahrhunderte zurück, aber der 1811er ist nicht mehr darunter. Ausgetrunken.