http://www.faz.net/-gzg-6zhzs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 28.04.2012, 18:32 Uhr

Mülltaucher Ab in die Tonne

Die Deutschen werfen in großen Mengen Lebensmittel weg, obwohl sie noch längst nicht verdorben sind. Auf nächtlicher Spurensuche.

© Steffen Boberg Rund 82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr weg.

Michael Schieferstein ist angespannt, er kann kaum stillstehen. Er geht vor der Eingangstür zur „Gastronomie Baron“ auf dem Gelände der Mainzer Universität auf und ab, seit 2010 arbeitet er hier. Eine halbe Stunde noch bis Mitternacht. Schieferstein raucht eine Zigarette, spricht schnell. Seine Kleidung ist schwarz, von der Jacke bis zu den Schuhen. Bunte Farben wären für sein Vorhaben nicht von Vorteil. Gleich fährt der Koch los, um zu „containern“. Im Schutz der Dunkelheit will er aus Mülltonnen von Supermärkten weggeworfene, aber noch essbare Lebensmittel sammeln.

Mehr zum Thema

Erste Station ist eine Filiale in Mainz. Die Putzkräfte sind längst fertig mit ihrer Arbeit, das Gebäude ist verlassen. Schieferstein lenkt sein Auto zum Parkplatz. Die Zufahrt ist versperrt, er stellt den Kombi am Straßenrand ab. Ein paar Meter weiter ist ein Tor geöffnet. Zu Fuß geht es zum Hintereingang des Supermarkts. Nicht immer ist es so einfach. Schieferstein raucht eine Zigarette, dann streift er weiße Gummihandschuhe über. In den vergangenen Tagen habe er nur wenig geschlafen, sagt er. Die Verschwendung von Lebensmitteln lasse ihn nicht zur Ruhe kommen.

Jeder Mensch wirft pro Jahr rund 82 Kilogramm Lebensmittel weg

Die Laderampe und die Mülltonnen am Hintereingang des Marktes werden von Strahlern erleuchtet. Der Koch öffnet die Tonnen. Als ein Streifenwagen der Polizei ungewöhnlich lange an der Kreuzung hält, wird er nicht nervös.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hat im März eine Studie vorgestellt, der zufolge jeder Mensch in Deutschland pro Jahr rund 82 Kilogramm Lebensmittel in einem durchschnittlichen Wert von 235 Euro wegwirft, 65 Prozent davon hätten noch verwendet werden können. Insgesamt entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall.

Geschmack und Qualität bleiben meist auch nach Ablauf erhalten

Seit 28 Jahren arbeitet Schieferstein in der Gastronomie, er hat in der Schweiz, in Frankreich und Italien gekocht. Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn achte er darauf, Lebensmittel, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hätten, nicht sofort wegzuwerfen. Vieles sei dennoch genießbar, Geschmack und Qualität blieben meist auch nach Ablauf erhalten.

Im „Baron“ ist er Küchenchef, zuvor kochte er in der „Alten Patrone“ in Mainz. Im „Baron“ arbeite er selbstverständlich nicht mit den Lebensmitteln, die er in der Tonne finde, wiederholt Schieferstein mehrmals, der Ruf seines Arbeitgebers soll nicht geschädigt werden. Zum Kinostart des Films „Taste the Waste“, also „Probiere den Abfall“, hatte sich Schieferstein im September mit drei Köchen zusammengetan. Auf dem Mainzer Gutenbergplatz bereiteten sie Mahlzeiten aus entsorgten Lebensmitteln zu. Seitdem organisieren sie in Mainz und Umgebung immer wieder Aktionen, bei denen sie öffentlich mit dem vermeintlichen Abfall kochen und auf die Verschwendung von Lebensmitteln hinweisen.

Saubere Bananen aus der Mülltonne

Gleich die erste Mülltonne am Mainzer Supermarkt ist ein „Treffer“. Sieben, acht Bündel Bananen liegen obenauf. Darunter Möhren, Kartoffeln, Salate. Die Mindesthaltbarkeit ist bei manchen Produkten erst am Vortag abgelaufen. Es finden sich Zitronen, in Plastiknetzen eingepackt, direkt neben den Bioabfällen. Überhaupt sehen die Lebensmittel, die Schieferstein in Plastikkisten packt, nicht so aus, als kämen sie aus dem Müll. Die Bananen weisen zwar vereinzelt braune Stellen auf, sind aber sauber. Die Supermarktkette spritze ihre Tonnen nach der Leerung immer mit einem Hochdruckreiniger aus, sagt der 44 Jahre alte Mainzer.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Eine Kampagne könnte helfen

Von Helmut Schwan

In Hessen soll nun Ernst gemacht werden im Kampf gegen noch mehr Spielhallen - auch zum Schutz der Jugend. Bislang ist der Staat das Spielhallengesetz jedoch sehr halbherzig angegangen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen