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Mülltaucher Ab in die Tonne

 ·  Die Deutschen werfen in großen Mengen Lebensmittel weg, obwohl sie noch längst nicht verdorben sind. Auf nächtlicher Spurensuche.

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Michael Schieferstein ist angespannt, er kann kaum stillstehen. Er geht vor der Eingangstür zur „Gastronomie Baron“ auf dem Gelände der Mainzer Universität auf und ab, seit 2010 arbeitet er hier. Eine halbe Stunde noch bis Mitternacht. Schieferstein raucht eine Zigarette, spricht schnell. Seine Kleidung ist schwarz, von der Jacke bis zu den Schuhen. Bunte Farben wären für sein Vorhaben nicht von Vorteil. Gleich fährt der Koch los, um zu „containern“. Im Schutz der Dunkelheit will er aus Mülltonnen von Supermärkten weggeworfene, aber noch essbare Lebensmittel sammeln.

Erste Station ist eine Filiale in Mainz. Die Putzkräfte sind längst fertig mit ihrer Arbeit, das Gebäude ist verlassen. Schieferstein lenkt sein Auto zum Parkplatz. Die Zufahrt ist versperrt, er stellt den Kombi am Straßenrand ab. Ein paar Meter weiter ist ein Tor geöffnet. Zu Fuß geht es zum Hintereingang des Supermarkts. Nicht immer ist es so einfach. Schieferstein raucht eine Zigarette, dann streift er weiße Gummihandschuhe über. In den vergangenen Tagen habe er nur wenig geschlafen, sagt er. Die Verschwendung von Lebensmitteln lasse ihn nicht zur Ruhe kommen.

Jeder Mensch wirft pro Jahr rund 82 Kilogramm Lebensmittel weg

Die Laderampe und die Mülltonnen am Hintereingang des Marktes werden von Strahlern erleuchtet. Der Koch öffnet die Tonnen. Als ein Streifenwagen der Polizei ungewöhnlich lange an der Kreuzung hält, wird er nicht nervös.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hat im März eine Studie vorgestellt, der zufolge jeder Mensch in Deutschland pro Jahr rund 82 Kilogramm Lebensmittel in einem durchschnittlichen Wert von 235 Euro wegwirft, 65 Prozent davon hätten noch verwendet werden können. Insgesamt entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall.

Geschmack und Qualität bleiben meist auch nach Ablauf erhalten

Seit 28 Jahren arbeitet Schieferstein in der Gastronomie, er hat in der Schweiz, in Frankreich und Italien gekocht. Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn achte er darauf, Lebensmittel, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hätten, nicht sofort wegzuwerfen. Vieles sei dennoch genießbar, Geschmack und Qualität blieben meist auch nach Ablauf erhalten.

Im „Baron“ ist er Küchenchef, zuvor kochte er in der „Alten Patrone“ in Mainz. Im „Baron“ arbeite er selbstverständlich nicht mit den Lebensmitteln, die er in der Tonne finde, wiederholt Schieferstein mehrmals, der Ruf seines Arbeitgebers soll nicht geschädigt werden. Zum Kinostart des Films „Taste the Waste“, also „Probiere den Abfall“, hatte sich Schieferstein im September mit drei Köchen zusammengetan. Auf dem Mainzer Gutenbergplatz bereiteten sie Mahlzeiten aus entsorgten Lebensmitteln zu. Seitdem organisieren sie in Mainz und Umgebung immer wieder Aktionen, bei denen sie öffentlich mit dem vermeintlichen Abfall kochen und auf die Verschwendung von Lebensmitteln hinweisen.

Saubere Bananen aus der Mülltonne

Gleich die erste Mülltonne am Mainzer Supermarkt ist ein „Treffer“. Sieben, acht Bündel Bananen liegen obenauf. Darunter Möhren, Kartoffeln, Salate. Die Mindesthaltbarkeit ist bei manchen Produkten erst am Vortag abgelaufen. Es finden sich Zitronen, in Plastiknetzen eingepackt, direkt neben den Bioabfällen. Überhaupt sehen die Lebensmittel, die Schieferstein in Plastikkisten packt, nicht so aus, als kämen sie aus dem Müll. Die Bananen weisen zwar vereinzelt braune Stellen auf, sind aber sauber. Die Supermarktkette spritze ihre Tonnen nach der Leerung immer mit einem Hochdruckreiniger aus, sagt der 44 Jahre alte Mainzer.

Die Universität Stuttgart hat in der Studie für das Bundesverbraucherministerium ermittelt, dass der Anteil von Gemüse an den 6,7 Millionen Tonnen noch Genießbarem, das die Privathaushalte in Deutschland jährlich wegwerfen, 26 Prozent beträgt. Obst hat danach einen Anteil von 18 Prozent, Backwaren fallen mit 15 Prozent ins Gewicht.

Protest gegen Verschwendung von Lebensmitteln

Schieferstein ist in dieser Nacht nicht allein unterwegs. Drei andere „Mülltaucher“ begleiten ihn. Sie wollen ihre Aktion ebenfalls als Protest gegen die Verschwendung von Lebensmitteln verstanden wissen. Wenig später finden sie unter dem Biomüll noch unversehrt verpackten Puffreis und beim Discounter nebenan sieben Brotlaibe. Insgesamt sammeln sie vier Kisten. Schieferstein schätzt den Gesamtwert auf rund 130 Euro.

Zweite Station ist gegen ein Uhr morgens ein Supermarkt in Wiesbaden. Wieder ist der Hintereingang beleuchtet, eine lange Rampe führt hinab zu den Abfallcontainern. Die Gruppe stößt als Erstes auf zwei Kisten Brokkoli, versehen mit einem Bio-Aufkleber; 1,40 Euro pro Stück, schätzt der Küchenchef. Er hält den Brokkoli in die Kamera des Filmteams, das ihn begleitet. Seine Aktionen gegen die Lebensmittelverschwendung haben Aufsehen erregt. Probleme mit der Justiz hatte er seinen Angaben nach noch nicht, obwohl er sich an der Grenze der Legalität bewegt. Später finden Schieferstein und seine Mitstreiter noch belegte Baguettes, Fleisch aus der Tiefkühlabteilung, Avocados, Granatäpfel, Sternfrüchte und eine Flugmango aus Peru. Die koste fünf bis acht Euro pro Stück, sagt Schieferstein und fragt, wer sich es überhaupt leisten könne, diese wegzuschmeißen.

„In Deutschland mangelt es an Wertschätzung für Lebensmittel“

Die Stuttgarter Studie hält die Verunsicherung der Verbraucher durch das Mindesthaltbarkeitsdatum für eine Hauptursache, warum diese zu früh Lebensmittel in den Müll werfen würden. Auch Fehlplanung beim Einkauf oder Unzufriedenheit mit der Qualität eines Produktes werden als Gründe genannt. Im Lichte seiner nächtlichen Erfahrungen zieht Michael Schieferstein andere Schlüsse. Er schätzt, der Verbraucher sei nur für etwa ein Drittel des noch genießbaren „Abfalls“ verantwortlich. Der Großteil der Verschwendung sei vielmehr den Supermarktketten zuzuschreiben. Deren Mitarbeiter bestellten zu viele Waren und entsorgten vermeintlich Überflüssiges dann zu schnell. Zudem mangele es in Deutschland an Wertschätzung für Lebensmittel. Weil jedes Produkt zu jeder Zeit verfügbar sei, mache man sich keine Gedanken mehr. Das sei das größte Problem, das jeder selbst lösen könne, sagte Schieferstein.

Es ist zwei Uhr früh. Auch in dieser Nacht wird der Koch nur wenig schlafen. So sei das manchmal in dem Beruf, sagt er, steigt ins Auto und fährt los.

Ausbilder in der Gastronomie sollen Lehrlinge einweisen

Anfang der Woche ist Schieferstein im Bundestag gewesen. Auf Einladung der SPD-Fraktion sprach er vor dem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zum Thema „Lebensmittel-Verschwendung“. Er forderte, wie es im amtlichen Protokoll heißt, Ausbilder in der Gastronomie, in den Bäckereien, Metzgereien und übrigen Betrieben auf, Lehrlinge dazu zu erziehen, alle Lebensmittel zu verwerten.

Der Koch wertet es als positiv, dass die Politik jetzt auf das Thema aufmerksam werde. Aber der Kampf geht weiter. Schieferstein und drei Kollegen haben den Namen „Food Fighters“ beim Patentamt schützen lassen.

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