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Moscheeverband Ditib : Appelle am Abend

Süßes Angebot: Beim muslimischen Fastenbrechen in Oberursel wird Baklava gereicht. Bild: Etienne Lehnen

Über den Moscheeverband Ditib wird derzeit viel diskutiert. Er zeigt sich selbstbewusst, beschwört aber auch den Dialog.

          Über den Epinayplatz in Oberursel hallt, durch Lautsprecher verstärkt, der muslimische Gebetsruf, der das Fasten für diesen Tag des Ramadan beendet. Es ist Samstagabend. Mehrere hundert Muslime sind der Einladung des hessischen Ditib-Verbands gefolgt, um gemeinsam zu essen. Jugendliche bringen Speisen und Getränke an Tische, es gibt angeregte Gespräche, Kinder lassen Luftballons steigen - Ditib Hessen kann mit der Premiere zufrieden sein. Zum ersten Mal hatte der Landesverband ein solches öffentliches Fastenbrechen veranstaltet.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Stimmung wäre noch ungezwungener gewesen, stünde Ditib nicht im Mittelpunkt vieler Debatten. Jüngstes Beispiel ist die Armenien-Resolution des Bundestags. Die einen halten die Kritik des Verbands an türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten, die in den Massakern an Armeniern einen Völkermord sehen, für ungerechtfertigt. Andere, vor allem nationalistisch gesinnte Türken, schelten den Bundesverband scharf dafür, zu sehr auf jene Volksvertreter einzugehen. Einerseits wird für die Fortführung der Kooperation mit Ditib geworben, andere wiederum warnen davor, denn sie halten den Verband für den verlängerten Arm des türkischen Staatspräsidenten in Deutschland. „Die Situation für Ditib ist gerade sehr belastet“, sagt Selcuk Dogruer, der Landesbeauftragte des Verbands in Hessen.

          „Wir treten grundsätzlich für Mäßigung ein“

          Immerhin: An diesem Abend gibt es viele Appelle, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Der für Integration zuständige Staatssekretär im Sozialministerium, Jo Dreiseitel (Die Grünen), würdigt die Zusammenarbeit als „gut“, und der SPD-Landtagsabgeordnete Corrado Di Benedetto ist dafür, „auch in schwierigen Zeiten im Dialog zu bleiben“. Für die Politik ist Ditib in Hessen als Mitverantwortlicher für den Islamischen Religionsunterricht ein wichtiger Partner. Das Fach wird mittlerweile an rund 50 Grundschulen erteilt.

          Andreas Herrmann, zuständig für den interreligiösen Dialog bei den beiden evangelischen Kirchen in Hessen, ist ebenfalls für eine Fortsetzung der Kooperation. Die Kirchen, auch die katholische, wissen, was sie an Ditib haben - nämlich eine etablierte Religionsgemeinschaft, mit der sie gemeinsam für die öffentliche Relevanz von Religion eintreten können.

          Auch Zekeriya Altug von der Ditib-Bundeszentrale wirbt in Oberursel für den Dialog. „Das ist ein allerhöchstes Gut“, sagt er und fügt hinzu: „Genauso wie die Meinungsfreiheit, die außer allen gewählten Abgeordneten auch die Mitglieder von Ditib haben“. Altug verurteilt „jede Bedrohung von Abgeordneten“, fordert vom Bundestag aber auch, „mehr auf die Belange und die Auffassungen der türkischstämmigen Gemeinschaft einzugehen.“ Kritik daran, dass sich Ditib überhaupt zu politischen Fragen äußere, weist Altug zurück: „Ebenso wie Kirchen und andere Religionsgemeinschaften haben auch wir eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, Politik und unserem Gemeinwesen.“

          Bouffier ist der Einladung zur Iftar bisher nicht gefolgt

          So zeigt sich Ditib an diesem Abend durchaus selbstbewusst, ist aber auch um Ausgleich bemüht. „Wir treten grundsätzlich für Mäßigung ein“, sagt Selcuk Dogruer. Eine Haltung, die Abdassamad El Yazidi für unerlässlich hält, um angesichts der aktuellen Debatte wieder voranzukommen. Er rät allen, auch Ditib, sachlicher und weniger emotional zu argumentieren. El Yazidi ist als Repräsentant eines anderes Verbands nach Oberursel eingeladen worden: Er führt den Zentralrat der Muslime in Hessen und ist seit kurzem Generalsekretär seines Bundesverbands.

          Zu Ditib gehören in Hessen rund 80 Moscheegemeinden. Vorsitzender des Landesverbands ist Salih Özkan. Aufgaben hat Ditib genug, auch in Hessen. Özkan verweist unter anderem auf die Flüchtlingshilfe und den Beitrag, Hass auf Flüchtlinge zu bekämpfen. Dreiseitel bittet die Gemeinden eindringlich, gegen Hassprediger und einen fanatischen Islam vorzugehen.

          Was sich Vertreter der CDU oder der Linken von Ditib erhoffen und von dem Verband erwarten, bleibt an diesem Abend ungesagt - Vertreter jener Parteien waren eingeladen, aber nicht gekommen. Besonders bedauert Selcuk Dogruer es, dass Ministerpräsident Volker Bouffier bisher keiner Einladung zum Fastenbrechen gefolgt sei. Das nächste Jahr bietet eine neue Chance: Der Ramadan 2017 dauert vom 27. Mai bis zum 24. Juni. An wichtigen Botschaften für Grußworte dürfte es auch dann nicht mangeln.

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