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„Caligula“ in Frankfurt : Morden für den Mond

Der Staat bin ich: Szene aus „Caligula“ im Schauspiel Frankfurt Bild: Birgit Hupfeld

Wenn Philosophen für die Bühne schreiben: „Caligula“ von Albert Camus ist in der Box des Schauspiels Frankfurt zu sehen.

          Er greift nach dem Mond. Junge Leute sind eben so. Sie wollen alles auf einmal und am besten gleich. Vor allem „in der Wahrheit leben“. Das klingt nach Václav Havel. Aber das sagt Caligula. Jedenfalls im ersten Theaterstück von Albert Camus. Mit 25 Jahren schuf sich der angehende Autor, der einige Jahre zuvor ein kleines Arbeitertheater in Algier mitgegründet hatte, eine Figur für einen eigenen Bühnenauftritt. In „Caligula“ wollte er 1938 den römischen Terrorkaiser spielen, der bei ihm ein radikaler Wahrheitssucher ist, einer wie er selbst, der das Absurde des Lebens durchschaut hat und vom Ekel zerfressen wird. Traumatisiert durch den Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla, tötet Caligula alles, was sich auf Menschenfüßen bewegt, auch die eigene Frau. Bis er selbst von Verschwörern ermordet wird. Camus spielte den Kaiser nie: Der Krieg kam dazwischen.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Verlangen nach dem Unmöglichen trägt das Ideendrama des französischen Schriftstellers und Philosophen. In der Box des Frankfurter Schauspiels hat Dennis Krauß es nun auf den existentialistischen Punkt gebracht: Caligulas Logik ist tödlich. Zusammen mit seiner Dramaturgin Valerie Göhring hat der junge Regisseur das ausufernde Personenverzeichnis auf fünf Figuren reduziert. Das genügt, um Camus Gehör zu verschaffen. Die Bühnenbildnerin Olga Gromova hat die Spielfläche mit dunklem Splitt bestreut. Die Schauspieler tragen weiße Gewänder, die einer römischen Toga ähneln, aber mit rot-blauen Mustern verziert sind. Die Farben der amerikanischen Flagge? Auf Caligulas Toga prangt ein Porträt von Picassos Hand: Françoise Gilot als Drusilla? Man mag alles Mögliche in die Arbeit der Kostümbildnerin Raphaela Rose hineindeuten, der ästhetische Wert ist jedenfalls angekommen.

          Helicon, ein Vertrauter des Kaisers, hält eine elektrische Gitarre in Händen, mit der er gelegentlich wispert, aber auch viel Radau macht. Noch mehr Lärm verbreitet eine Konserve: Mit ihrem durchdringenden monotonen Geräuschpegel überdeckt sie bisweilen die Stimmen der Schauspieler. Zugleich zwingt die auditive Tortur den Zuschauer in die Rolle des Zuhörers. Es sieht so aus, als habe der Regisseur sich von seinem Kollegen Ulrich Rasche inspirieren lassen. Je quälender der anschwellende Lärm, desto fokussierter spitzen sich die Ohren des Publikums dem Text entgegen.

          Die Schauspieler agieren kaum, sie sprechen nahezu statuarisch, mitunter im Chor. Nur Björn Meyer in der Rolle des Caligula handelt. Er weint, er stranguliert seine ihm ergebene, alles verstehende Frau Caesonia (Yodit Tarikwa) beim Tanz. Der Dichter Scipio erledigt das lieber selbst mit einer Geste und hängendem Kopf. Obwohl er im Kaiser eine Gefahr für Staat und Gesellschaft erkannt hat und obwohl der Gewaltherrscher seinen Vater ermordet hat, kann der Künstler am Mordkomplott nicht teilnehmen, weil er in Caligula Teile seiner selbst wiedererkannt hat. Er versteht die Bestie im Menschen, und es graut ihm vor ihr. Deshalb flüchtet er sich in den Freitod. Übrig bleiben der Kaiser und Cherea, sein Philosoph. Aber auch dieser handelt nicht. Oder doch, ungesehen? Die Bühne verdunkelt sich nämlich vor den letzten Worten Caligulas: „Ich lebe noch.“ Das klingt nach Arturo Ui. Brecht, Camus, Havel – eine seltsame Verwandtschaft.

          Weitere Vorstellungen am 30. März sowie am 23. und 30. April von jeweils 20 Uhr an

          Quelle: F.A.Z.

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