Regen, Schnee, Hagel, Sturm - die Wahrscheinlichkeit, daß Vorhersagen solcher Wetterunbilden zutreffen, ist dank moderner Computer- und Meßtechnik inzwischen sehr hoch. In den allermeisten Fällen treffen die Prognosen der Meteorologen tatsächlich zu. Dennoch werden Menschen vor allem im Winter etwa auf dem Weg zur Arbeit immer wieder von Blitzeis und anderen unangenehmen Phänomenen überrascht - und das, obwohl Erhebungen zufolge jeder dritte morgens das Radio einschaltet, um sich über das Wetter zu informieren. Fassen sich die Meteorologen also zu kurz? Oder sind die Radiomacher womöglich nicht an detaillierten regionalen Wetternachrichten interessiert?
Beim Hessischen Rundfunk weist man derartige Überlegungen zurück. "Sobald es die Wetterlage erfordert - zum Beispiel bei Glatteis auf unseren Straßen - weisen wir auch außerhalb der Wettermeldungen auf kritische Entwicklungen hin", sagt Silke Hansen, Moderatorin und Leiterin der Wetterredaktion des HR. So werde sichergestellt, daß alle Regionen in Hessen rechtzeitig vor Eis und Schnee gewarnt würden. Denn die üblichen 20 bis 30 Sekunden, die den Redakteuren für das Wetter nach den Nachrichten zur Verfügung stünden, reichten oft nicht aus, um ausführlich zu informieren. "Meist picken wir markante Wettermarken heraus und geben sonst nur einen allgemeinen Überblick über das Hessen-Wetter", erläutert Hansen.
Stefan Bender vom privaten Wetterdienst Bender&Gudd, der die Wettermeldungen für RadioFFH verantwortet, macht die gleiche Einschränkung: "Wir müssen unser Augenmerk auf bekannte Regionen begrenzen und die verschiedenen Entwicklungen in der Atmosphäre zu pauschalen Aussagen zusammenfassen, damit der Hörer in kürzester Zeit die wichtigsten Daten aufnimmt."
So kann es passieren, daß für das Rhein-Main-Gebiet und Südhessen Schnee vorhergesagt wird, in Neu-Anspach jedoch Regen fällt, weil dort bereits ein Warmluftgebiet aus Nordosten seine Wirkung entfaltet. Das Ergebnis: Blitzeis auf der Straße, das für blaue Flecken am Gesäß und Dellen am Auto sorgt. Sind regionale Überraschungen dieser Art, die nur dem Streudienst freie Fahrt bescheren, überhaupt vorhersehbar? "Ja. Theoretisch kann für jedes noch so kleine Fleckchen eine Punktprognose erstellt werden, die über einen kurzen Zeitraum das Wetter ganz genau vorhersagt", meint Jörg Kachelmann. Der Fernsehmeteorologe, der unter anderem für die ARD das Wetter vorhersagt und mit seinem privaten Dienst Meteomedia seit Jahren im Streit mit dem staatlichen Deutschen Wetterdienst in Offenbach liegt, sagt, die wichtigste Voraussetzung dafür sei ein enges Netz von Meßstationen: "Wer lokal vorhersagen will, muß lokal messen."
Das sieht auch Professor Gerd Tetzlaff vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig so: "Von den örtlichen Gegebenheiten hängt es ab, ob eine Eisschicht entsteht, wie dick sie ist und wie lange sie erhalten bleibt." Solche lokalen Besonderheiten würden von den Wetterdiensten aber quantitativ nicht erfaßt. "Denn dafür bräuchte man überall Meßstationen, und da es sich um wirtschaftlich irrelevante Informationen handelt, stünden Kosten und Nutzen in keinem Verhältnis", sagt Tetzlaff.
Das wiederum hält Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst für "Unsinn": "Wir brauchen keine einzige weitere Meßstation in Deutschland, um bessere und detailliertere Prognosen machen zu können." Ausschlaggebend für exakte Vorhersagen seien nicht Bodenmeßstationen, sondern die umfassende Bestimmung der Großwetterlage - "und die hat ihren Ursprung in bezug auf Deutschland über dem Atlantik, genauer gesagt zwischen Neufundland, Grönland und Island". Die meteorologischen Daten aus diesem Gebiet würden deshalb in einen Rechner eingegeben, der mit Hilfe komplizierter mathematischer Modelle die Veränderungen des Wetters in Deutschland simuliere. Diese Prognosen könnten dann wiederum auf eine Fläche von nur 49Quadratkilometern heruntergebrochen werden. Wer an solchen Detailvorhersagen interessiert ist, kann sie beim Wetterdienst jederzeit bekommen - das kostet allerdings eine Kleinigkeit: Die Offenbacher berechnen für eine fernmündliche Auskunft 23Euro und 43 Euro für eine schriftliche.
Doch es sind nicht die Kosten solcher punktgenauen Prognosen, die die Radiomacher scheuen. Nach Ansicht von HR-Moderatorin Hansen ist das Hindernis anderer Natur: "Die Mehrzahl unserer Hörer interessiert sich nicht für derart ausführliche Wettermeldungen." Wer sich genau informieren wolle, sollte also lieber das Internet zu Rate ziehen. Denn dort gibt es das Neueste über Schnee und Eis - schnell und unentgeltlich.
MAREN OTTEN

