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Modedesignerin Elena Zenero Farbe, Form und Erinnerung

Eine Kindheit zwischen Italien und der Schweiz, eine Ehe in Bayern, ein Atelier in Offenbach, Läden in Frankfurt und Zürich: die Mode-Welt von Elena Zenero und ihrem Label Goyagoya.

© Wonge Bergmann Vergrößern Konventionell ist anders: Elena Zenero auf der Dachterrasse ihrer Atelierwohnung in Offenbach.

Elena Zenero gestaltet die Welt nach ihrer Vorstellung. Sie gönnt sich fröhliche Farben und Formen und beschert ihren Kundinnen Aha-Erlebnisse, die sie unversehens in Bilder und in Räume begleiten, von denen sie zuvor gar nicht wussten, dass sie ihnen gefallen könnten. Und sie gefallen ihnen gut. Bei Goyagoya finden sich bei aller Eleganz der Entwürfe auf den Stoffen auch mal die Rauten der Harlekine, die Kringel der Clowns, die Bommeln der Hofnarren und wirken doch niemals wie eine Verkleidung. Die Proportionen sind wohl erwogen, die Stoffe von bester Qualität, die Farben mit Geschmack kombiniert. Man kann all das tragen, ohne die große Bilderwelt Elena Zeneros als Bürde zu empfinden. Und schon hat die Designerin eine neue Botin ihrer Sicht der Dinge in die Welt hinausgeschickt.

Mehr als nur eine Welt bestimmte ihre eigene Jugend. Die Kindheit in der Schweiz, in Basel, aber in Kleinbasel, damals das Viertel der italienischen Gastarbeiter, und, als ob das nicht schon genug Einflüsse gewesen seien, eine Schulzeit an der Waldorfschule. Als humpele sie mit verschieden hohen Absätzen durchs Leben, so habe sich das angefühlt, sagt Zenero. Der Vater war Schweizer, die Mutter Italienerin aus Udine, zu Hause sprach man Italienisch, schweizerdeutsch kam später. Die Mutter war Schneiderin und legte allergrößten Wert auf gute Kleidung. Die Kinder, Elena und ihr älterer Bruder, waren stets wie aus dem Ei gepellt - jedenfalls bis zur ersten Pfütze, vor der die großzügige Mutter sie aber niemals zurückhielt. Eine glückliche Kindheit voller Freiheiten und doch ganz klarer Prinzipien. Ihr Großvater, erzählt Zenero, sei in Gefangenschaft gewesen, und in den Augenblicken, in denen er zwischen Brot und Seife wählen sollte, habe er sich immer für die Seife entschieden: In der Überzeugung, sich selbst aufzugeben, sobald man sein Äußeres vernachlässige.

Aus den Sommerferien soll für immer werden

Solche Bilder prägten sich Zenero ein und auch Szenen, in denen die Mutter das Bild bestimmte: wie sie, nur halb von einem Vorhang vor den Kindern verborgen, am offenen Fenster saß und eine Zigarette rauchte, Bonbons, die sie den Kindern reichte, Überraschungen, die sie ihnen bereitete, zum Beispiel damals, als sie in die Sommerferien nach Udine zu reisen glauben und die Mutter ihnen dort verkündet, man bleibe von jetzt an für immer. Da war Elena Zenero aber schon sechzehn Jahre alt, widersetzte sich der mütterlichen Anordnung und fuhr zurück nach Basel, um wenigstens die zehnte Klasse abzuschließen. In Udine besuchte sie dann das Istituto d’arte, machte Fachabitur, jobbte ein bisschen und besuchte die Modeschule Genas.

Dann änderte sich ihr Leben fast von einem Tag zum anderen: Sie lernte den Deutschen Johannes Hock kennen, und nach nur 20 Tagen heirateten die beiden und zogen nach Mainaschaff. „Ist das Deutsch?“, entfuhr es der jungen Braut dort. Früher in Basel waren ihre Klassenkameraden nach der Mitteilung Zeneros, sie werde, inspiriert von der Lektüre deutscher Sagen, ab sofort nur noch Hochdeutsch sprechen, in blankes Entsetzen ausgebrochen: „Ii! Hochdeutsch! Grusig!“ Aber sie hatte sich nun einmal in den Recken Siegfried verliebt. Und dann das tatsächliche Leben in Deutschland, die deutsche Sprache in der Mundart der Mainaschaffer - nicht gerade die Vorstellung der Halbitalienerin von einem heldengemäßen Idiom. Und außerdem war sie wieder an einem Ort gelandet, wo sie anders war. Wie in Basel. Schon früh hatte sie dort unzählige Stunden in den Brockenhäusern verbracht, einer nie versiegenden Quelle neuer Anregungen und Einkäufe. Friedrich von Bodelschwingh hatte diese Mischung aus Secondhand und Oxfam erfunden und sie nach dem Wunder der Speisung der Fünftausend benannt, als die Jünger auf Jesus’ Befehl die übriggebliebenen Brocken aufsammeln sollten. Zenero bediente sich in den Brockenhäusern aller Modesünden von den Teddy Boys über die Punks bis zu den Grufties und nähte Extravagantes, trug es dann auch. In Mainaschaff fiel sie auf, wenn sie in diesem Stilmix durch die Straßen ging, den großen, fast 35 Kilogramm schweren Familienhund Sascha im Schlepptau, den ihr die Mutter aus Udine mitgegeben hatte.

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