Als der Schwangerschaftstest zwei Striche auf dem Display anzeigte, schossen ihr Angst und Freude durch den Kopf. Miriam Rodriguez war damals 17 Jahre alt, ging zur Schule und wohnte bei ihren Eltern. Heute, knapp vier Jahre später, ist sie Mutter von zwei Söhnen und alle Unsicherheit scheint wie verflogen. Selbstbewusst hält sie ihren zweiten, ein halbes Jahr alten Sohn auf dem Arm und spricht liebevoll und beruhigend auf das quengelnde Baby ein.
Sich die Schwangerschaft von einem Frauenarzt bestätigen zu lassen, war nicht die einzige Hürde, die die 17 Jahre alte Miriam nehmen musste. Sie hatte sich ihren eigenen Ängsten und vor allem ihrer Familie zu stellen. „Das waren Szenen wie aus einem schlechten Film“, erinnert sie sich. „Meine Mutter hat sich zwar gefreut, aber mein Vater hat mich richtig zur Sau gemacht.“ Auch das Verhältnis zu ihrem damaligen Freund war nicht einfach. Sie führten zwar eine feste Beziehung, doch Miriams Eltern mochten den elf Jahre älteren Arbeitslosen nicht. Er hatte schon eine Tochter, wollte das gemeinsame Kind nicht. Wenig später saß er sogar wegen Diebstahls und Drogenmissbrauchs im Gefängnis. Miriam ist die Entscheidung trotzdem leichtgefallen: „Abtreibung kam für mich nie in Frage.“
Hilfe „von außen“
Das Gefühlschaos zu Beginn ihrer Schwangerschaft hat sich in der Zwischenzeit gelegt. Miriam hat ihr Leben im Griff. Sie führt das vor allem auf die Hilfe „von außen“ zurück. Noch bevor ihr erster Sohn Pascale zur Welt kam, wurde sie durch die Caritas auf „Goldmarie“ aufmerksam. Das Projekt des Offenbacher Jugendamtes wurde vor dreieinhalb Jahren gegründet. Hier werden minderjährige und junge Mütter während und nach der Schwangerschaft unentgeltlich unterstützt, beraten und zu Gruppentreffen eingeladen.
“Im ersten Gespräch wollen wir uns langsam an die Mädchen herantasten und ihr Vertrauen gewinnen“, sagt Elvira Woehe, Sozialpädagogin der Initiative. Sie seien meist eingeschüchtert und wüssten nicht, was auf sie zukomme, welche Ansprüche sie hätten, welches Amt für was zuständig sei. Vor allem müssten die künftige Wohnsituation und die finanzielle Unterstützung geklärt werden.
Woehe versucht die Mädchen für die wöchentlichen Gruppentreffen zu gewinnen. Der Austausch mit anderen Müttern sei hilfreich, alle brächten ihre Kinder mit und lernten mit den neuen Herausforderungen im Alltag umzugehen. Außerdem werde dabei „die Interaktion zwischen Mutter und Kind gefördert“, sagt die Pädagogin, die „Goldmarie“ als „Rundumpaket“ bezeichnet. Oft träten mit der Schwangerschaft soziale Probleme auf, weil etwa der Kontakt zu Freunden abbreche. „Mir wurde erst in der Schwangerschaft klar, wer meine richtigen Freunde sind“, weiß auch Miriam, die in der Gruppe neue Freundinnen gefunden hat.
602 schwangere unter 18
Elvira Woehe wünscht sich, dass noch mehr Mädchen während der Schwangerschaft auf das Angebot aufmerksam würden. „Dann können wir sie früher motivieren, medizinische Angebote und Untersuchungen bei Gynäkologen wahrzunehmen.“ Im Projekt arbeitet auch eine freiberufliche Hebamme, die geburtsvorbereitende Kurse anbietet und die Frauen später als Familienhebamme unterstützt.
Miriam ist eine von vielen Minderjährigen, die jedes Jahr schwanger werden. 2010 lag ihre Zahl in Hessen laut Statistischem Landesamt bei 602. Mehr als die Hälfte trieb das Kind jedoch ab, 267 brachten es zur Welt. Die typische minderjährige Schwangere ist 16 Jahre alt und Hauptschülerin. Sie lebt noch bei ihren Eltern, die auch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie, die der Bundesverband von Pro Familia und die Diakonie durchgeführt haben. Demnach sind Schwangerschaften im Jugendalter zu 90 Prozent ungewollt. Das kann Woehe aus ihrer langjährigen Arbeit bestätigen.
Gleichwohl gebe es immer wieder Minderjährige, die geplant schwanger würden. „Die meisten dieser Mädchen kommen aus Familien, bei denen nicht alles rundläuft. Sie wollen sich eine eigene, intakte Familie bauen“, vermutet die Pädagogin und erklärt sich so gewollte Schwangerschaften im Jugendalter. Eine Statistik von „Goldmarie“ zeigt zudem, dass Gewalterfahrung in der Familie, Probleme mit dem Partner und Verschuldung auf die meisten Klientinnen der Einrichtung zutrifft.
Der Startschuss für Miriams Leben als Mutter fiel im Juni 2008. Pascale kam einige Wochen zu früh, aber gesund zur Welt. Wenige Wochen nach seiner Geburt ging Miriam wieder in die Schule. Ihr Ziel war es, den Realschulabschluss nachzuholen. Es kam aber anders als geplant. Pascale war häufig krank. Miriam besuchte immer seltener den Unterricht. „Ich habe den Anschluss verpasst und die Schule abgebrochen.“
Der neue Freund fremdelte mit Vaterrolle
Zum Schulabbruch kam noch die komplizierte Wohnsituation hinzu. Die Offenbacherin wohnte mit ihrer dreizehn Jahre alten Schwester bei der Mutter. In eine eigene Wohnung zog sie erst, als Pascale schon vierzehn Monate alt war. „Vorher war ich ein ganz normaler Teenager. Jetzt bin ich Hausfrau und Mutter.“ Momentan ist sie auf die Unterstützung des Staates angewiesen, was sie aber ändern will. „Ich habe die Schnauze voll von Hartz IV“, sagt sie. „Was ich dann arbeite, ist mir egal.“ Das wird allerdings noch dauern. Im vergangenen Oktober hat Miriam ihren zweiten Sohn, Ricardo-Miguel, zur Welt gebracht.
Miriam hat seit eineinhalb Jahren einen neuen Partner. Sie bezeichnet ihn als „Papa beider Kinder“, auch wenn nur das jüngere sein leibliches ist. Dass die junge Familie heute ein nahezu intaktes Familienleben führt, sei nicht von Anfang an so gewesen. „Mein neuer Freund wollte die Vaterrolle erst nicht annehmen.“ Pascale sei ihm aber schnell ans Herz gewachsen und er habe sich ein eigenes Kind von ihr gewünscht, sagt Miriam und lacht: „Also ja, Ricardo ist ein Wunschkind.“
Obwohl sie anfangs so überfordert war von der Mutterrolle, ist sie heute damit sehr zufrieden. „Ich hätte gern noch eine Tochter, eine Prinzessin, die ich verwöhnen kann.“ Doch das sei noch Zukunftsmusik. So, wie auch ihr Traum von einem eigenen, kleinen Häuschen für sich und ihre Familie.
Harmonie?
Falak Kadir (FaKa)
- 15.03.2012, 18:03 Uhr
Ah ja...
Chris Frank (Chris_55)
- 14.03.2012, 16:41 Uhr