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Michael Herrmann : „Ich weiß noch, wie klein alles anfing“

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Mit leeren Händen: So stand Michael Herrmann bloß nach dem ersten Festival-Jahr da. Seitdem geht es nur noch aufwärts. Bild: Frank Röth

Der Intendant des Rheingau Musik Festivals erlebt zickige und reizende Künstler, er kennt schräge Wünsche von Sponsoren, beklagt Tücken der Compliance-Regeln und erinnert sich an die Sorgen seiner Mutter.

          Gibt es Künstler, die Stress machen?

          Nicht so häufig. Es sind dann meist solche, die noch nicht ganz oben sind. Der Stress wird aber dann vor allem von den Partnern oder den Eltern der Künstler verursacht, die glauben, ihr „kleiner Mozart“ bedürfe einer Sonderbehandlung.

          Welches war der krasseste Fall?

          Es ist ungefähr 20 Jahre her. Eine Künstlerin reiste, ohne es uns mitzuteilen, mit Ehemann und Baby an. Als der Ehemann nach Babynahrung verlangte und meine Mitarbeiterin sagte, darauf seien wir nicht eingerichtet, flippte er aus, wir seien ein Provinzfestival. Daraufhin kaufte ich ihn mir und sagte: „Ich habe selber kleine Kinder und wirklich viel Verständnis, aber wir haben nicht Sie und das Baby engagiert, sondern Ihre Frau.“

          Das Recht nehmen Sie sich also heraus, sich nicht alles bieten zu lassen?

          Aber ja, und ich habe auch schon Künstler wegen ihres ungebührlichen Benehmens meinen Kollegen gegenüber nicht mehr eingeladen. Dagegen sind die wirklichen Stars ganz einfach. Wenn Anne-Sophie Mutter kommt, erwartet sie eine ganz bestimmte Sorte Getränke, die besorgen wir selbstverständlich, aber sonst ist sie ganz unkompliziert. Alfred Brendel erträgt es nicht, wenn in einem Restaurant Musik läuft, aber sonst ist auch er ganz reizend. Günter Wand explodierte, wenn ihm im Restaurant Salzbutter serviert oder die Klimaanlage nicht sofort ausgeschaltet wurde. Aber so einem genialen Dirigenten sieht man solche Marotten gerne nach.

          Wer hat Sie beeindruckt, durch künstlerische Leistung oder durch Auftreten?

           Da müsste ich wirklich viele nennen. Im Laufe meiner letzten 36 Berufsjahre in der Musikbranche bin ich unendlich vielen Künstlern begegnet, die mich tief beeindruckt haben. Ich nehme jetzt nur beispielhaft den Dirigenten Enoch zu Guttenberg. Seine Auffassung und Umsetzung von Musik begeistert mich immer. Für ihn ist es fast eine Glaubensangelegenheit, wenn er dirigiert.

          Der Vater des früheren Ministers?

          Ja, aber der Vater war schon vor dem Sohn berühmt.

          Auf Gran Canaria lernten Sie Leonard Bernstein kennen. Wie kam das?

          Er machte mehrere Male Urlaub im Haus von Justus Frantz und Christoph Eschenbach, und ich habe ihn dort mehrfach betreut und Empfänge bei mir zu Hause für ihn gegeben. Im Laufe der Zeit wurden wir Freunde und blieben es bis zu seinem Tode.

          Sie waren auf Gran Canaria in der Immobilienbranche tätig?

          Ja, ich war der Repräsentant einer Immobilienfirma aus Reutlingen auf der Insel. Das war 1972, aber dann kam die erste Rezession in Deutschland, mit Ölpreisschock und autofreiem Sonntag, da ging in Sachen Immobilien gar nichts mehr. Weil ich auf Gran Canaria bleiben wollte, arbeitete ich dann als Direktor einer Urbanisationsfirma und habe mich später mit einer Vermietungsgesellschaft selbständig gemacht.

          Klare Kante: Wenn Künstler kapriziös werden, setzt er klare Grenzen.
          Klare Kante: Wenn Künstler kapriziös werden, setzt er klare Grenzen. : Bild: Frank Röth

          Aber gelernt haben Sie Buchhändler?

          Ja, in Frankfurt in der Freßgass bei der F.B. Auffahrt Neumann’schen Buchhandlung, bei der angeblich Goethe schon seine Bücher gekauft haben soll. Beendet habe ich meine Lehre bei Otto Harrassowitz in Wiesbaden. Das ist eine reine Versandbuchhandlung, und ich hatte mehr eine Bürotätigkeit.

          Warum sind Sie nicht dabei geblieben?

          Weil ein Gesangslehrer mir große Hoffnung machte, Opernsänger zu werden. Doch nach ein paar Jahren der Gesangsausbildung wurde mir klar, dass meine Stimme allenfalls für Chor reichte. Ich beendete dann meine Ausbildung.

          Reich geworden sind Sie also anders?

          Reich würde ich nicht sagen, aber ich war auch nie arm. Ich komme aus einem ganz normalen Elternhaus. Mein Vater war Bankkaufmann bei Dyckerhoff und Widmann mit einem normalen Gehalt, aber ich habe immer gejobbt, bin Taxi gefahren, habe Zeitungen ausgetragen. Bei einem solchen Job in der Wiesbadener Kaufetage, einem Secondhandshop, habe ich 1962 auch den damaligen Schüler und späteren Unternehmer Claus Wisser kennengelernt. Seitdem sind wir befreundet.

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