Schiefe Bilder mag er nicht. Und Kalauer lässt Michael Ebling anderen meist nicht unkommentiert durchgehen. Dafür hat der frühere SPD-Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium, der als Vertreter des „politisch-literarischen Fachs“ an Fastnacht noch dazu seit sieben Jahren in die Bütt steigt, um bei den Sitzungen der Mombacher Bohnebeitel von 1886 das Protokoll zu halten, einfach zu viel Sprachgefühl. Andererseits scherzt und flachst der Fünfundvierzigjährige selbst ganz gerne. Weshalb die Pressekonferenzen, Grundsteinlegungen und Fassbieranstiche in Mainz deutlich unterhaltsamer geworden sind, seitdem er als erster Bürger seiner Stadt dabei den Ton angibt.
Obwohl der neue Rathauschef gerne „unner de Leit iss“, wie sein Vorvorvorgänger Jockel Fuchs wohl gesagt hätte, legt er wert auf die Feststellung, dass die am 18.April übernommene „wunderbare Aufgabe“ durchaus „Knochenarbeit“ sei. Doch das Studium dicker Aktenberge - meist bis spät in die Nacht - gehört für den SPD-Unterbezirksvorsitzenden, der als Sechzehnjährigen den Weg über die Friedensbewegung zur Sozialdemokratie fand, ohnehin schon seit langem zum täglichen Geschäft.
„Versprich wenig, aber das halte“
Da tröstet er sich gerne mit einem Willy Brandt-Zitat: „Die Arbeit ist der Umweg zu allen Genüssen.“ So lässt Ebling keinen Zweifel daran, dass er seit der gegen den Grünen-Mitbewerber Günter Beck mit 58,2 Prozent gewonnenen Stichwahl im März tatsächlich „seinen Traumjob in der für ihn schönsten Stadt“ macht. Was ihm überdies noch einige zusätzliche „Freunde“ in Facebook, „diesem netten Stammtisch“, beschert habe.
Den Leitsatz „Versprich wenig, aber das halte“ hat er vom Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg, Parteifreund Olaf Scholz, übernommen; und sich in seinem eigenen Oberbürgermeisterwahlkampf auch daran gehalten. Das bis dahin lediglich ruhende Vorhaben, auf der Ingelheimer Aue ein Kohleheizkraftwerk zu bauen, werde in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit - sprich: bis längstens 27.Juli - ein für allemal aus der Welt geschafft, lautete eines seiner insgesamt nur zwei Wahlversprechen. An diesem Freitag wurde das in der Region lange Zeit umkämpfte 1,2 Milliarden Euro-Projekt von den Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG endgültig „beerdigt“.
Hängepartie um „Kuz“ beenden
Ebling, der wie die SPD lange an dem umstrittenen Vorhaben festgehalten hat, sich inzwischen aber für eine kohlefreie und möglichst auf erneuerbare Quellen setzende regionale Energieversorgung am Kraftwerkstandort Mainz ausspricht, kann selbst diese Entscheidung eloquent begründen: „Wenn man etwas Neues anfangen will, muss man das Alte beenden.“ Eine zusätzliche Gas- und Dampfturbinen-Anlage, die Strom und Wärme erzeugen kann, scheint ihm jetzt die wahrscheinlichste Zukunftsinvestition zu sein.
Die zweite und letzte Zusage des Wahlkämpfers war, schnellstmöglich die Hängepartie um das seit den achtziger Jahren die Stadtkultur prägende „Kuz“ zu beenden. Innerhalb der 100 Tage Frist werde man es vermutlich zwar nicht mehr zum Notar schaffen, räumt er ein. Daran, dass das Kulturzentrum von der Stadt an die bisherigen Betreiber verkauft werde, ändere sich aber nichts. Das nicht enden wollende Hickhack steht für ihn „als negatives Symbol dafür, dass in Mainz etwas ,seit 100 Jahren’ ergebnislos hin- und herbewegt wird“. Nun endlich sei man beim Kuz-Verkauf auf einem „guten Weg“.
Mit mehr Geld ausstatten
Andere Baustellen werden nicht so schnell zu schließen sein: Der zusammen mit dem Land am Südbahnhof geplante Bau eines Archäologischen Zentrums etwa kommt nicht so recht voran, obwohl es dazu demnächst eine Pressekonferenz geben soll. Die Verhandlungen mit dem Investor ECE, der rund um das Karstadt-Gelände eine mit 250 Millionen Euro veranschlagte Einkaufspassage errichten möchte, gehen im Herbst in die entscheidende Phase. Und dann soll möglichst noch in diesem Jahr von dem seit 2009 existierenden Ampelbündnis ja auch der Doppelhaushalt 2013/14 auf den Weg gebracht werden. Was in einer Stadt, die grob geschätzt eine Milliarden Euro Schulden vor sich herschiebt, kein leichtes Unterfangen ist. Wenngleich die Mainzer hoffen, demnächst von dem Entschuldungsfonds des Landes zu profitieren.
Dabei steht für Ebling außer Frage, dass Städte und Gemeinden nur dann auf Dauer überlebensfähig sein werden, wenn der Bund die vor allem durch Sozialleistungen stark belasteten Kommunen mit mehr Geld ausstatte. Dass Selbiges ebenso von der rot-grünen Landesregierung zu wünschen wäre, sagt der Politiker, der sich eher als „Stratege denn als Ideologe“ beschreibt, wohl mit Rücksicht auf die früheren Kollegen bisher allerdings nicht ganz so laut.
Auge auf die Mieten haben
Viel verändert hat der Neue nicht im Büro seines Vorgängers Jens Beutel (SPD), der am Ende seiner zweiten Amtszeit über den Wohnbau-Skandal und die Ruanda-Affäre gestolpert war. Zum Schluss blieb ihm nichts anderes übrig, als vorzeitig in Ruhestand zu gehen. Dem SPD-Kandidaten Ebling hat der unrühmliche Abgang seines Parteifreundes im Wahlkampf offenbar nicht geschadet. „Ich denke, die Mainzer sind da recht versöhnlich. Mit dem Rücktritt war die Sache für die meisten erledigt.“ Dass der wie Vorgänger Beutel im ehemaligen Arbeiter-Stadtteil Mombach lebende Oberbürgermeister, dessen Vater dort einst eine Tankstelle betrieb, einen Lebensgefährten und keine Partnerin hat, war rückblickend betrachtet ebenfalls nicht Wahl entscheidend. „Was zeigt, dass sich in der Gesellschaft da doch einiges bewegt hat“, so Ebling, der schon mit 27 Jahren Ortsvorsteher seines Heimat-Stadtteils wurde. Drei Jahre später hatte der Überzeugungstäter dann sogar seine bis dahin parteilos glücklichen Eltern soweit, in die SPD einzutreten.
Als Sozialdezernent übernahm er in vergleichsweise jungen Jahren, nämlich von 2002 bis 2006, die spätestens seit Karl Delorme von den Mainzer Genossen „aus Tradition“ beanspruchte Aufgabe, sich um jene in der Stadt zu kümmern, denen es nicht so gut geht wie anderen. Dazu passt, dass er jetzt als Oberbürgermeister ein neues Wohnungsbauprogramm des Bundes verlangt, weil es in Städten wie Mainz andernfalls bald kaum noch bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Mieter gebe. Als Universitäts- und Wissenschaftsstadt müsse Mainz gleichfalls darauf bedacht sein, gerade für junge Menschen attraktiv zu bleiben, die dann womöglich auch später in der Stadt blieben, wenn sie mehr Geld in der Tasche hätten.
Erste positive Reaktionen
Im Wettbewerb der Rhein-Main-Zentren, den Ebling unaufgeregt als anregendes und belebendes Element verstanden wissen will, könne Mainz mit seiner Hochschul-Landschaft und vielen renommierten Forschungseinrichtungen glänzen. Selbstbewusst, wie er ist, sieht er „seine“ Stadt durchaus gut aufgestellt. Wenngleich in diesem Sommer etliche Brunnen nicht mehr sprudeln werden, weil der hoch verschuldeten Kommune das Geld für Wartung und Betrieb fehlt. „Wir können nicht sparen und hoffen, dass es nicht sichtbar wird“, sagt er; gibt allerdings zu, dass dieses sensible Thema nicht optimal kommuniziert worden sei.
Mittlerweile haben sich bereits erste positive Reaktionen eingestellt: Dank etlicher Sponsoren laufen inzwischen bald die Hälfte der 60 vorübergehend stillgelegten Wasserspiele wieder, so dass die Mainzer nicht vollends auf dem Trockenen sitzen müssen. Die Bürger werden laut Ebling künftig noch öfter gefordert sein, in die Bresche zu springen: wie bei der gerade erst gestarteten Hilfsaktion für das in die Jahre gekommene Gutenberg-Museum oder bei der Bewahrung des historischen Stadterbes, wofür die vielen Benefizaktionen zugunsten des sanierungsbedürftigen Kurfürstlichen Schlosses Beispiel gebend seien.
„Schwierige Entscheidung“
Andererseits will der neue Verwaltungschef die Mainzer dann auch mitsprechen lassen. Die vielen Workshops zur „Mainzelbahn“ und dem geplanten Ausbau des Tramnetzes, vor allem aber die bis dato sechs „Ludwigsstraßen-Foren“, bei denen es um den umstrittenen Bau eines neuen ECE-Einkaufszentrums in der Innenstadt ging, hält Ebling für vorbildlich. Selbst wenn nicht alles auf Anhieb geklappt habe: „Wir sind da als Stadt in einem Lernprozess.“ Grundsätzlich sei es richtig, die Kompetenz der Bürger für das Gemeinwesen zu nutzen. Was für ihn aber keinesfalls bedeutet, dass Parteien in naher Zukunft überflüssig und am Ende womöglich gar durch Internetbefragungen und -abstimmungen der Bevölkerung ersetzt werden könnten. „Politik braucht Menschen und nicht nur eine dunkle Maschine“, sagt der Mainzer SPD-Chef. Sogar auf die Gefahr hin, dass einzelne Parteitage mal nicht ganz so ergiebig seien, könne die direkte Auseinandersetzung „face to face“ keinesfalls durch Facebook-Kontakte ersetzt werden, ist sich Ebling sicher, der selbst gut vernetzt ist und keine Angst vor den neuen Medien hat.
Wie er es dagegen künftig mit der Brauchtumspflege - seinen Auftritten als Protokoller in der Fastnacht - halten wird, weiß der junge Rathauschef noch nicht. Von einer „schwierigen Entscheidung“ spricht er denn auch, wenn man ihn nach seiner weiteren „Bohnebeitel“-Karriere fragt. In der Wahlkampf-Kampagne 2012 hatte er sich freiwillig eine Bütten-Pause verordnet. Als ehemaliger Staatssekretär und neuer Oberbürgermeister von Mainz in der fünften Jahreszeit weiterhin in das Eulenfass zu steigen, um das politische Geschehen in Stadt und Land geistreich, kritisch und humorvoll zu kommentieren, wäre für ihn sprachlich sicher eine reizvolle Herausforderung - irgendwie aber auch ein bisschen „schizophren“. Oder vielleicht doch nur närrisch im besten Sinne?
Nicht vergessen
silvia schleimer (gertrudmaria)
- 01.07.2012, 20:34 Uhr