Über Marika Kilius ließe sich viel erzählen. Zum Beispiel, dass sie als Eiskunstläuferin gemeinsam mit Hans-Jürgen Bäumler zweimal die Weltmeisterschaft gewann, Filme drehte oder sich als Unternehmerin versuchte. Aber was fällt der Suchmaschine Google als erstes ein, wenn man „Marika Kilius“ eingibt? „Marika Kilius brustfrei“. Das ist wohl nicht das Attribut, das der Lebensleistung der Frankfurterin gerecht wird, doch vielleicht tröstet sie sich ein wenig damit, dass es manche Prominente deutlich schlimmer trifft. Etwa die Gattin des zurückgetretenen Bundespräsidenten. Bettina Wulff klagt gegen Google, weil ihr Name automatisch mit Worten wie „Prostituierte“ und „Escort“ kombiniert wird.
Der Suchmaschinenbetreiber führt zu seiner Verteidigung an, dass die sogenannte Autocomplete-Funktion frei von Willkür arbeite. Sie registriere nur Begriffe, die bisher gemeinsam eingegeben wurden, und liefere dementsprechende Ergänzungsvorschläge. Wenn das stimmt, sagen die Vorschläge also weniger über einen gesuchten Prominenten aus als über diejenigen, die seinen Namen gegoogelt haben. Kompliziert wird es dadurch, dass die Interessen der Surfer wiederum durch Informationen aus dem Internet beeinflusst werden. Das zeigt das Beispiel von Marika Kilius, die das Adjektiv „brustfrei“ wohl einem Zeitungsartikel verdankt, der den Titel „Busengrapscher riss Kilius Kleid runter - eine Brust frei“ trägt. Die Schlagzeile ist zwar schon etwas älter - sie datiert vom 12. März 1984 - wurde jedoch kürzlich zum Jubiläum des Blattes im Netz publiziert und dort offenbar häufig gesucht.
Verdienste? Gehalt!
Auch ansonsten tut Google Prominenten nicht den Gefallen, das Schmeichelhafte über sie in den Vordergrund zu rücken. Zwar sähe es der Frankfurter Schauspiel-Intendant Oliver Reese vermutlich gern, wenn sein Name mit Besucherrekorden oder wohlmeinenden Kritiken in Verbindung gebracht würde, doch davon erscheint in der Suchmaske nichts. Stattdessen schlägt Google die Kombination mit „Gehalt“ vor. Dass Reeses Jahresvergütung angeblich von 200.000 auf 240.000 Euro steigt, interessiert offenbar mehr als seine Inszenierung von „Bacon Talks“.
Grundsätzlich richtet sich die Neugier im Internet auf zweierlei: Geld und Privates. Die User wollen wissen, wie es um das Vermögen des Immobiliennvestors Ardi Goldman bestellt ist und wie viel Fraport-Chef Stefan Schulte verdient. Sie fragen nach der Scheidung von Schauspielerin Sybille Nicolai, der Tochter von Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen und sie wollen wissen, ob die Tennisspielerin Andrea Petkovic einen Freund hat. Ein Klassiker ist überdies die Ergänzung „schwul“, die auch bei lokalen Größen erscheint, die nicht unbedingt den metrosexuellen Glamour von David Beckham verströmen.
Am schlimmsten muss es für Prominente jedoch sein, wenn sie gar nicht erkannt werden. So wird der Name Boris Rhein nicht etwa um „hessischer Innenminister“ oder „CDU-Politiker“, sondern um „land-pfalz“ ergänzt. Das gibt zunächst Rätsel auf, doch ein paar Klicks weiter ist man schlauer: Es handelt sich offenbar um eine besondere Boshaftigkeit aus dem SPD-geführten Nachbarland Rheinland-Pfalz, das seine „zonalen Bodenrichtwerte“ in einem System namens „Boris.RLP“ veröffentlicht und damit einen Hit im Internet gelandet hat.
Roland, der „Schauspieler“
Trösten kann sich Rhein damit, dass es einem noch größeren hessischen Staatsmann ähnlich geht: Auf die Eingabe „Roland Koch“ folgt der Vorschlag „Schauspieler“, was immerhin nicht daran liegt, dass der frühere Landesvater der politischen Schmierenkomödie bezichtigt wird, sondern daran, dass ein Schweizer Schauspieler denselben Namen trägt. Kochs (also des Ministerpräsidenten) Nachfolger hat zwar keinen Namensvetter, der ihm den Suchmaschinen-Ruhm streitig macht, dafür muss sich Volker Bouffier damit abfinden, dass die Leute vor allem an seinem Hobby Basketball und seinen Haaren interessiert sind.
Nicht sehr viel Vertrauen haben die Surfer offenbar in die Karriere von Commerzbank-Chef Martin Blessing. Wer den Namen der Bank und den Nachnamen des Vorstandsvorsitzenden eingibt, erhält den Vorschlag „Rücktritt“. Das muss freilich nicht viel heißen, denn eine Suchmaschine kann nicht in die Zukunft schauen. Und manchmal auch nicht in die Vergangenheit, wie das Beispiel der anderen Frankfurter Großbank zeigt. Gibt man den Namen des ehemaligen Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Rolf Breuer an, erscheint die Ergänzung „Peanuts“. Dabei stammt das vielzitierte Wort von Breuers Vorgänger Hilmar Kopper. Aber was sind solche Kleinigkeiten schon in der weiten Welt des Internet? Bestenfalls Peanuts.
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Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 12.09.2012, 22:00 Uhr