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„Mein Kampf“ in Wiesbaden : Effektivster Massenmörder der Weltgeschichte

  • -Aktualisiert am

Dicke Hose: Stefan Graf als Hitler Bild: Monika Forster

Er ist wieder da: Bernd Mottl inszeniert George Taboris Farce „Mein Kampf“ am Staatstheater Wiesbaden. Bibel- und Pornographieverkäufer inklusive.

          Wer in das Männerwohnheim unter Frau Merschmeyers Metzgerei will, muss tief in den Keller hinabsteigen. Dort sind die Wände von undefinierbaren Flüssigkeiten verdreckt, stehen von fleckigen Matratzen bedeckte Feldbetten umher, stapeln sich Decken und Laken, die, lägen sie nicht im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden herum, gewiss vor Schaben und Läusen nur so wimmeln würden. Ja, dieses Wohnheim ist eine Art Vorhölle oder, auch diese Assoziation wäre mehr als naheliegend, eben ein Schlachthaus.

          Doch Bernd Mottls Inszenierung von George Taboris Farce „Mein Kampf“ setzt nur vordergründig auf das, was der scheiternde Maleradept Hitler mit Bezug auf seine stümperhaften Aquarelle „radikal realistisch“ nennt. Von Beginn an, als der arbeitslose Koscher-Koch Lobkowitz (Benjamin Krämer-Jester), der sich für Gott hält, mit magischen Kräften Donnern erzeugt, bis zum furiosen Cabaret-Finale mit reichlich Splatter-Effekten und tanzenden Revue-Boys in schwarzen Glitzerlederhöschen werden die Stilebenen absichtsvoll planlos vermischt. Bibelzitate, Bruchstücke aus Hitlers „Mein Kampf“, psychologischer Realismus und absurdes Theater – all dies steht nebeneinander, schlägt krachend Funken und bespiegelt sich.

          Bibel- und Pornographieverkäufer

          Im beengten Schmuddelbühnenbild von Friedrich Eggert, dessen weiße Kachelwände im zweiten Teil des Abends gereinigt strahlen, nur um dann wieder von Blutspritzern besudelt zu werden, entfaltet sich die Geschichte von Shlomo Herzl, dem jüdischen Bibel- und Pornographieverkäufer, und dem Möchtegernkünstler Adolf Hitler mit grausamer Folgerichtigkeit. Ausgerechnet Shlomo, so eine der vielen bitteren Pointen Taboris, rät Hitler zu einer Laufbahn als Politiker, ausgerechnet der väterlich besorgte Jude frisiert ihm Haare und Oberlippenbärtchen und kreiert so das ikonographische Antlitz des Bösen.

          Der Adept ist natürlich ohne Dankbarkeit. Mal bettelt er um Liebe, dann wieder ergeht er sich in Schimpftiraden und Gewaltphantasien. Der spätere Menschheitsverbrecher ist schon in Gänze vorhanden, und als die griesgrämig überarbeitete Frau Tod dem Kellerasyl ihren Besuch abstattet, erkennt sie in dem jungen Mann auf Anhieb das für ihre Zwecke dienliche Naturtalent: Shlomo hat mit all seinen Liebesdiensten den effektivsten Massenmörder der Weltgeschichte miterzeugt. Fast bekommt man eine Gänsehaut angesichts des bösen Doppelsinns, wenn Hitler hier gegen Ende des furiosen Abends zum Mikrofon greift und schaurig schön trällert, was er sich für die Zukunft Shlomos wünscht: „Ein Stern, der deinen Namen trägt!“ Ein brillanter Einfall der Regie.

          Als Taboris „Mein Kampf“ 1987 uraufgeführt wurde, war es trotz Charlie Chaplins epochaler Darstellung noch ein Tabu, Hitler als komische Figur darzustellen. In den dreißig Jahren seither hat sich fast schon ein eigenes Genre entwickelt, und der Laute verschluckende und mit übertriebenem Zungenrollen bramarbasierende Blödeldiktator wird auch von drittklassigen Comedians zur Freude des Publikums ebenso verhohnepipelt wie verharmlost. Man muss Bernd Mottl, vor allem aber dem großartigen Stefan Graf dankbar sein, dass sie der Versuchung nicht erlegen sind, ihren Spaß auf diesen wohlfeilen Effekten aufzubauen.

          Im Gegenteil. Graf spielt den jungen Psychopathen als sprachlich überaus eloquenten Wortkünstler, dessen nicht enden wollende hypertaktische Satzlabyrinthe um ein vielfaches brillanter sind als seine hilflosen Versuche auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Graf spricht fast schon überartikuliertes Bühnendeutsch, und nur in ganz wenigen Momenten, einmal bezeichnenderweise im Schlaf, verfällt er ins karikierende Comedy-Hitler-Idiom und brabbelt verstümmelte Zitate des AfD-Rechtsaußens Björn Höcke: „Volk, Deutschland, Denkmal der Schande.“

          Vor allem aber gelingt es Graf über alle Blödeleien und Absurditäten der Farce hinweg, ein tiefgründiges Psychogramm des späteren „Führers“ und Massenverführers zu zeichnen. Denn auch wenn immer wieder die pure Bosheit und eisige Menschenverachtung in ihm aufblitzt, vor allem natürlich, wenn es sich um Juden handelt, kann er so liebenswert harmlos tun, ist er immer wieder der hilflose Bub vom Land, dem man nur recht viel Liebe geben muss, damit alles in seinem Leben wieder gut wird. Und Schlomo Herzls warmherziger Blick auf den zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitsgefühl oszillierenden Hitler ist in solchen Momenten nur allzu leicht nachvollziehbar.

          Uwe Kraus’ Darstellung des lebensklugen Shlomo ist der zweite große Pluspunkt dieser Inszenierung. Er spielt, als wisse er um die Zukunft des blassen Adepten, als könne sein gutes Handeln an ihm gleichsam das Schicksal noch wenden. Doch natürlich muss er bitter feststellen, dass einer wie Hitler die ihm geschenkte Liebe nicht nur nicht erträgt, sondern in verquerer Logik sich für all die erwiesenen Wohltaten rächen muss. Das Publikum feierte neben dem Regieteam frenetisch die herausragenden Leistungen der beiden Darsteller.

          Nächste Vorstellungen am 24. und am 26. Mai um 19.30 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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