Die Schokokugel in goldfarbener Folie liegt auf einer Glasscheibe. Eine Zange nähert sich. Über einem kleinen, abstehenden Stück der Folie bleibt die Zange stehen, dann greift sie zu. Millimeterweise wird die Goldfolie von der Schokokugel gezogen. Die Zange wird von einem Marburger Medizinstudenten bewegt. Auf einem Bildschirm kann er verfolgen, wie er nach und nach die Praline enthüllt. Sowohl die Kugel als auch die Zange sind mit einem dunkelblauen Tuch abgedeckt. Eine Kommilitonin steht neben ihm. Sie steuert die winzige, an einem langen Schlauch befestigte Kamera, mit der die Prozedur gefilmt wird. Auf keinen Fall darf die Folie reißen.
Die zwei Jungmediziner üben im neuen Zentrum für medizinische Lehre in Marburg den richtigen Umgang mit dem Operationsbesteck bei einer Laparoskopie, einer Bauchspiegelung. Eine junge Frau schaut den Operateuren über die Schulter. Die 24 Jahre alte Medizinstudentin Natalie Schubert ist Tutorin und übt mit ihren Kommilitonen den Eingriff. Die Kameraführung sei wichtig für das Gelingen der Operation. Nur wenn sie richtig gesteuert werde, könne der Chirurg sehen, was er mache Die Studenten seien hochmotiviert, sagt Schubert: „Am Ende dürfen sie die Schokokugel essen.“ Wer keine Schokolade mag, für den gibt es Gummibärchen. Sie müssen mit der Zange an bestimmten Stellen gegriffen und nach Farben sortiert werden, danach dürfen auch sie gegessen werden.
Hausbesuch trainieren
Etwa 2000 angehende Ärzte sollen jedes Jahr in dem Zentrum Erfahrung sammeln. Rund sechs Millionen Euro hat die Reinfried-Pohl-Stiftung in den Bau des Gebäudes investiert (F.A.Z. vom 15.Dezember). Die Universität und das Land Hessen haben etwa eine Million Euro für die Inneneinrichtung und die medizinischen Geräte bezahlt. In den 40 Räumen üben seit Mitte Oktober alle Marburger Medizinstudenten vor ihrem praktischen Jahr das Benutzen der chirurgischen Instrumente und den Umgang mit Patienten.
In einem Raum des zweistöckigen, elliptisch geformten Zentrums ist ein Wohnzimmer nachgebaut. Ein großer Schrank aus dunklem Eichenholz steht an einer Wand. In der hinteren Ecke ist ein Schachbrett aufgestellt, daneben findet sich ein dunkelgrünes Sofa aus Stoff. „Hier üben wir ein Gespräch zwischen Arzt und Patient im betreuten Wohnen oder bei einem Hausbesuch“, sagt die Leiterin des Zentrums, Tina Stibane. Gerade der Hausbesuch könne in der Praxisausbildung an der Uniklinik nicht geübt werden. In zwei Räumen wird zudem das Gespräch im Krankenhaus trainiert. Auch in der Simulation wird zwischen Kassen- und Privatpatient unterschieden. Es gibt ein Ein-Bett- und ein Zwei-Bett-Zimmer.
Wie sich ein Arzt mit einem Patienten unterhalten sollte, komme in der üblichen Universitätsausbildung zu kurz
Ob beim Hausbesuch oder in der Klinik, das Gespräch soll so realistisch wie möglich sein. Ein Laie spielt den Patienten. Der Student schlüpft in die Rolle des Arztes. Verschiedene Situationen werden durchgespielt. Zum Beispiel muss der Student dem Patienten erklären, dass dieser bald sterben wird. In den Patientenzimmern ist ein großer Spiegel angebracht. Wie beim Verhör im Polizeirevier befindet sich hinter dem Glas ein Raum. Die anderen Studenten können die Unterhaltung beobachten. „Nicht jeder Student ist einfühlsam, wenn er eine für den Patienten niederschmetternde Diagnose stellt“, sagt Björn Hermann. Der 24 Jahre alte Student im neunten Semester ist auch Tutor. Er hat schon einige Klassen bei solchen Gesprächen begleitet. „Viele versetzen sich nicht in die Lage des Patienten“, sagt Hermann. Die Studenten würden den Patienten mit der schlechten Nachricht konfrontieren, ohne ihn darauf vorzubereiten. Deshalb sei das Feedback der Kommilitonen, die das Gespräch beobachten, sehr wichtig. Eine Kamera in dem Patientenzimmer ist so positioniert, dass sie den Studenten aus Sicht des Kranken filmt. Der angehende Mediziner kann sich das Video noch einmal anschauen und bekommt einen Eindruck, wie er auf den Kranken wirkt. Außerdem sage der Patient am Ende, wie er sich bei der Behandlung gefühlt habe.
Wie sich ein Arzt mit einem Patienten unterhalten sollte, komme in der üblichen Universitätsausbildung zu kurz, sagt Zentrumsleiterin Stibane. Auch erfahrene Ärzte seien für die Studenten in diesem Fall oft keine Vorbilder. Die Berufsroutine führe dazu, dass Ärzte eine für den Patienten unverständliche Fachsprache verwendeten und sich zu wenig Zeit nähmen. Viele Diagnosen ließen sich schneller stellen, wenn vor der Untersuchung ein ausführliches Gespräch geführt würde.
„Wenn die Studenten unter Druck stehen, vergessen sie schnell, dass das eine Puppe ist“
Die Simulation soll den echten Patientenkontakt nicht ersetzen, wie Stibane hervorhebt. Selbst wenn alle Übungen in dem Zentrum so originalgetreu wie möglich seien, blieben sie eine Simulation. Dennoch ergäben sich viele Vorteile, die in der gewöhnlichen Ausbildung schwierig zu erzielen seien, sagt Stibane. In der Praxis gebe es zum Beispiel nur wenige Patienten mit seltenen Krankheiten. Dies werde im Zentrum durch Puppen ausgeglichen, die verschiedene Erkrankungen simulieren könnten. Einige Untersuchungen seien für den Patienten unangenehm oder zu belastend. Zum Beispiel bei der Übung einer Prostatauntersuchung kämen Puppen zum Einsatz.
Nicht nur die Beziehung zwischen Arzt und Patient, sondern auch die Arbeit im Team wird in dem Zentrum geübt. Im Operationssaal bereiten drei Studenten Marvin auf seinen Eingriff vor. Marvin ist eine Simulationspuppe aus hautfarbenen Plastik. Er atmet, kann reden und seine Augen bewegen. Marvin liegt auf einem OP-Bett. Um ihn herum stehen Monitore. An die Finger der Puppe sind Messinstrumente geklemmt. Die Kabel führen zu Überwachungsgeräten. Sie kontrollieren die Sauerstoffsättigung im Blut, die Herzfrequenz und den Blutdruck. Unter der Anleitung der Anästhesistin Brigitte Plöger spritzen ihm die drei Jungmediziner ein Narkosemedikament. „Wenn die Studenten unter Druck stehen, vergessen sie schnell, dass das eine Puppe ist“, sagt die Ärztin. Viele Studenten, die an Marvin geübt hätten, seien durch die Simulation während einer richtigen Operation viel weniger aufgeregt gewesen.
Das Narkosemedikament wirkt. Marvin ist betäubt und atmet nicht mehr eigenständig. Die Studenten müssen ihn künstlich beatmen. Während eine Studentin den Sauerstoffschlauch in die Luftröhre einführt, kontrolliert ein anderer mit dem Stethoskop, dass sie mit dem Schlauch nicht versehentlich in die Speiseröhre gelangt. Der Magen der Puppe würde sich mit Luft füllen, die Sauerstoffsättigung im Blut sinken. Der dritte Student drückt gleichmäßig den Beatmungsbeutel. Von den Messgeräten kommt ein rhythmisches Piepen. „Luft in beiden Lungenkammern“, stellt der Student mit dem Stethoskop fest. Die Chirurgen können kommen.