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Meditation & Arbeitswelt : Die Entdeckung der Achtsamkeit

Für die Wirkung von Meditation interessieren sich längst auch Arbeitsforscher Bild: Robert Kneschke

Was Meditation bewirkt, finden mittlerweile auch Forscher interessant. Manche meinen, dass solche Übungen sinnvoll sind, um dem Stress in der Arbeitswelt zu begegnen.

          Ulrich Ott geht nicht irgendwie zur Mensa, sondern mit wachem Geist. Nicht immer zwar, aber oft. Dann wird ihm der Weg zu einer Übung, die ihm hilft, sich und seine Umgebung intensiver wahrzunehmen - die Kühle der Luft oder das Vogelgezwitscher. Und morgens, bevor er seinen Computer anschaltet, spürt er erst einmal, wie er auf seinem Bürostuhl sitzt, um „anzukommen und klar zu werden“, wie er sagt. Esoterischer Unsinn? Nein: Ott, Psychologe vom Bender Institute of Neuroimaging der Gießener Universität versucht nur, achtsam zu sein.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Achtsamkeitsübungen oder Meditationen sind auch sein Forschungsgebiet. Er ist einer der wenigen deutschen Experten, die sich schon länger mit diesem Thema befassen. Ausgehend von den Vereinigten Staaten hat die Forschung seit einigen Jahren auch in Deutschland Fuß gefasst. Sie sei in den vergangenen Jahren „exponentiell angestiegen, so dass es zunehmend schwierig wird, das gesamte Feld im Blick zu behalten“, urteilt Ott. 2010 gab es in Berlin den ersten interdisziplinären Kongress „Meditation und Wissenschaft“, 2012 den zweiten.

          Achtsamkeit in der Arbeitswelt

          “Die Zeiten, als Achtsamkeit und Meditation in der Wissenschaft Materia non grata waren, sind vorbei“, urteilt Niko Kohls von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Der Leiter der Arbeitsgruppe „Psychophysiologie des Bewusstseins: Spiritualität, Achtsamkeit, Lebensqualität und Gesundheit“ befasst sich derzeit mit einem Aspekt, der ebenfalls immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt: Achtsamkeit in der Arbeitswelt.

          Kohls begleitet und evaluiert ein Projekt der von Chris Tamdjidi geführten, in Bergisch-Gladbach ansässigen „Kalapa Leadership Academy“, das gerade begonnen hat. Tamdjidi und vier weitere Trainer schulen Mitarbeiter in mehreren Unternehmen in Achtsamkeitsmeditationen - ihm zufolge ist es weltweit das erste Projekt dieser Art. Sieben Firmen haben zugesagt, weitere ihr Interesse bekundet. Ein weiteres Beispiel für die Aktualität des Themas: Im April findet in Frankfurt eine Fachtagung über „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“ statt, bei der auch Ott referiert.

          Tamdjidi ist überzeugt davon, dass die Übungen den einzelnen Mitarbeitern und dem Unternehmen als Ganzem helfen. „Es geht vor allem darum, etwas innerliche Entschleunigung in den Firmenalltag zu bringen und somit Aspekten wie Freude an der Arbeit, Sinnhaftigkeit und konstruktiver Zusammenarbeit mehr Raum zu geben.“ Der Stresspegel und die Burnout-Gefährdung würden reduziert.

          Durchgetaktete Tage

          Empirische Daten über die Auswirkungen von Achtsamkeitsübungen im Arbeitsalltag sind noch „relativ dürftig“, wie Ott sagt. Gleichwohl seien sie dringend notwendig. Zwar sei auf dem jüngsten Kongress „Meditation und Wissenschaft“ auch über die Arbeitswelt gesprochen worden, für einen Grundlagenforscher wie ihn jedoch zu wenig. Von der Untersuchung, mit der Kohls und Tamdjidi befasst sind, erhofft er sich weitere Erkenntnisse.

          Dass in der Arbeitswelt „dringend etwas geschehen muss“, findet auch der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, zum Beispiel angesichts einer starken Hierarchisierung und durchgetakteten Tagen. „Da können Berufstätige schon kirre werden.“ Ob die Fehlzeiten von Arbeitnehmern wegen psychischer Probleme nun zunehmen, weil die Situation im Job wirklich schlimmer geworden ist, oder die Menschen sensibler geworden sind, lässt Singer offen. „Aber Achtsamkeitstraining ist immer gut.“ Er hat selbst an einem zweiwöchigen, strengen Meditationskurs teilgenommen und danach anders gearbeitet, zum Beispiel Dinge nacheinander erledigt und nicht gleichzeitig - bis ihn der Alltag wieder eingeholt hat.

          “Der Arbeitsalltag wird zunehmend fragmentiert“, sagt Tamdjidi und verweist auf das „Multitasking“, das der Konzentration und Kreativität schade. Achtsamkeitsübungen wollen den Menschen für den jeweils gegenwärtigen Moment öffnen, seine Aufmerksamkeit schulen und die Wahrnehmung für sich und seine Umgebung schärfen. Bei Übungen im Sitzen konzentriert sich der Meditierende auf den Atem, wobei leises Zählen helfen kann, und lässt Gedanken kommen und gehen, ohne sie zu bewerten. Bei Gehmeditationen wird auch die Bewegung achtsam verfolgt.

          Für Ott stehen derzeit vier Komponenten meditativer Achtsamkeit im Fokus der Forschung: „die Regulation der Aufmerksamkeit, das Gewahrsein des Körpers, die Emotionsregulation und eine veränderte Selbstwahrnehmung“. Davon profitiere der Organismus, etwa indem das Stressniveau sinke oder körperliche Warnsignale besser wahrgenommen würden.

          Dass sich Meditation auch auf das Gehirn selbst auswirkt, ist unumstritten. Ott und Singer verweisen auf Erkenntnisse, nach denen sich die Hirnstruktur durch Meditation ändere - wie bei anderen Lernvorgängen auch. „Das Besondere ist wohl, dass neuronale Korrelate subjektiv erfahrener Wirkungen der Meditation objektiv nachweisbar sind“, so Ott. „Das Hirn Meditierender ist hochwach“, sagt Singer. Er beschreibt die Wirkung als „Gefühl großer Ruhe“. Als Vergleich zieht er jene Stimmung heran, die entsteht, wenn man für ein Problem eine Lösung gefunden hat und „Heureka“ rufen kann. Vermutlich brächten es Meditierende fertig, sich in einen solchen „Lösungszustand“ zu versetzen, in dem „alles zu allem“ passe. „Das ist ein wirklich gutes Gefühl.“

          Zur Wirkung, die Achtsamkeitsübungen für die Unternehmenskultur haben, zählt Tamdjidi auch die „Wertschätzung von anderen und deren Potentiale und mehr Einfühlungsvermögen bei Führungskräften“. Ob man mittels Meditation auch Empathie trainieren kann, da ist Singer nicht so sicher. „Das ist bisher nicht bewiesen.“ Seine Tochter Tania, Hirnforscherin in Leipzig, hat sich darangemacht, dies in einer ein Jahr dauernden Langzeitstudie zu ergründen.

          Mehr Mitgefühl durch Meditation

          Für Niko Kohls ist es keine Frage, dass Achtsamkeit Mitgefühl steigern kann. „Es geht ja aus Sicht der klinischen Forschung nicht darum, für Empathie verantwortliche Zentren im Hirn ausfindig zu machen. Unter Empathiefähigkeit verstehe ich eine höhere mentale Funktion, durch die es möglich wird, bei einem selbst und anderen Personen Bewusstseinszustände wahrzunehmen und zu interpretieren.“

          Meditierende berichteten, dass sie mehr Mitgefühl zeigten als in der Zeit, da sie noch nicht meditiert hätten, fügt er hinzu. „Das ist ein Hinweis darauf, dass sich mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen die Selbst- und Fremdwahrnehmung einschließlich der Emotionsregulation verändern lässt.“

          Wolf Singer wartet mit Blick auf die Studie seiner Tochter lieber noch etwas ab: „Wenn es stimmt, dass Meditation Empathie steigert, hat das zum Beispiel Folgen für unsere Kindererziehung, wenn nicht, haben alle Coaches, die das behaupten, ein Problem.“

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