Manchmal wird es selbst Max Weinberg fast ein wenig zu bunt. Nicht in seinem pink und grün und rot und gelb leuchtenden „Spielraum der Phantasie“, der seine Kunst seit jeher ist, im Gegenteil. Er ist das Lebenselixier des mittlerweile 84 Jahre alten Mannes. Und wer je in seinem Atelier zu Gast sein durfte, wo fröhliche Monster und dunkle Hakenkreuzritter, dralle Frauen und amphibische Wesen und immer wieder, so der Künstler, „Zombies, Sexismus und Gewalt“ auf einer Ebene sich begegnen, der kennt die schwarzen Löcher, Schatten und Gespenster in Weinbergs farbenfrohem und vordergründig so verführerischem Universum ohnehin.
Doch wenn ihm etwa eine junge Mutter mit kaum verhohlener Süffisanz vor seinen Bildern zu verstehen gibt, geradeso, hübsch kunterbunt, naiv und fröhlich aus dem Bauch heraus, so male ihre kleine Tochter am Küchentisch zuhause auch, dann kann der sonst so freundliche, verbindlich wirkende kleine Mann mit den mit breitem Kajalstrich umrandeten Augen schon mal sanft ironisch werden: „Da haben Sie ein sehr begabtes Kind.“ Denn Weinbergs trotz unterschiedlicher Bezüge etwa zu Art Brut oder der Kunst der Cobra-Gruppe kaum eindeutig einzuordnende Malerei wirkt zwar im besten Sinne eigenwillig; und mit den immer wiederkehrenden Köpfen, Figuren, Monstern mit drei Beinen, vier Augen und fünf Brüsten scheint sie gerade wie ihr Schöpfer „von einem anderen Planeten“ zu kommen, wie der in Frankfurt ob seiner Erscheinung stadtbekannte Künstler gerne sagt. Naiv aber, so zeigt auch seine aktuelle Ausstellung in der kleinen Bockenheimer Galerie Art by Gora, ist sie eher nicht.
Die Stifte aus dem Fenster
Und auch der 1928 in Kassel geborene Künstler, der mit seiner Familie vor den Nazis über Belgien nach Palästina floh, der Familientradition entsprechend eigentlich mal Rabbi werden sollte, unehrenhaft aus der israelischen Armee entlassen wurde und im Gefängnis saß, weil er sich geweigert hatte, einen palästinensischen Schafhirten und dessen Söhne zu erschießen, auch Max Weinberg ist alles andere als unbedarft. Nur hatte er halt immer schon seinen ganz eigenen Kopf. „Ich habe immer das gemacht, was mir gefällt. Ohne Kompromisse.“
Das war schon in der Schule so, wo er lieber zeichnete und malte, als zu lernen, „wo der Mississippi fließt“, und sein Lehrer daher die Stifte schon mal aus dem Fenster warf. Mit dreizehn verkaufte er seine ersten Zeichnungen auf den Straßen Tel Avivs, richtete sich am Strand sein Atelier ein und studierte schließlich ganz klassisch Malerei. Bis er in den fünfziger Jahren das erste Mal Kunst aus Europa sah, und er angesichts der ihm zunächst fremden, ja schockierenden Bilder wusste: „Da muss ich hin. Nach Europa.“ Seither lebt er in Frankfurt und malt sieben Tage in der Woche unermüdlich seine Bilder. Dutzende am Tag, ein paar hundert Blätter in der Woche, stets in der Hoffnung darauf, dass „wenigstens ein paar Diamanten dabei sind.“
Abwarten
Keine Ausstellung kann denn auch einen Besuch in Weinbergs Atelier ersetzen, wo sich unter den unzähligen Blättern zwar, um im Bild zu bleiben, stets auch eine ganze Reihe Kieselsteine finden, die beinahe flächendeckend Wände, Tische und den Boden des einst recht großzügigen Raumes in der Ostparkstraße einnehmen. Doch das ist nicht entscheidend. Worauf es dem Künstler ankommt ist vielmehr der Prozess. Und das Vertrauen auf die einmal gefundenen Parameter seines unermüdlichen Schaffens: Zeit, Zufall und Erfahrung. Weinberg lässt seine schnell und spontan hingeworfenen Zeichnungen, die er zum Klang von Beethovens Sonaten und Quartetten, die stets das Atelier beschallen, ekstatisch aufs Papier tanzt, schon mal ein paar Wochen, Monate mitunter liegen.
Er wartet einfach ab, „ob sich etwas entwickelt“ und selbst der auf den ersten Blick so unscheinbare Stein nicht in der Überarbeitung noch unverhofften Glanz entfalte und die Zeichnung vor des Künstlers eigenen Augen als Einzelblatt bestehen kann. Andere fügt er zu wandfüllenden Kompositionen, in denen Linien und Flächen, fremde und vertraute Wesen und immer wieder Erotik und Gewalt spannungsvoll zu einem kleinteiligen Panorama sich verdichten, in denen, so Weinberg, „die Menschen stundenlang spazieren gehen können.“ Und wie er das sagt, erscheint der „Spielraum der Phantasie“ mit einemmal wieder vor allem bunt. Und vorwiegend heiter. Dass der Ausflug in fremde Universen derweil stets auf eigene Gefahr geschieht, sagt er an dieser Stelle nicht. Weinberg aber weiß davon. Und ist doch stets neugierig geblieben.