Er kommt mit dem Fahrrad zum Café Mozart, das in der Frankfurter Innenstadt liegt, an einer ruhigen kleinen Straße hinter der Zeil. Natürlich mit dem Rad. Matthias Altenburg nennt es das ideale Fortbewegungsmittel, in der Frankfurter City, „in den herrlichen Landschaften drum herum“, in der Wetterau, im Odenwald oder Spessart. Und er mag das Traditions-Café mit seiner üppigen Torten-Theke, auch weil er gerne Menschen schaut. „Sehen Sie?!“ Das fragt er und deutet auf eine ältere Frau, die mit ihrer düsteren Grandezza einem Goya-Gemälde entsprungen sein könnte. Vielleicht kommt sie in einem seiner nächsten Kriminalromane vor. Denn so arbeitet der Schriftsteller Matthias Altenburg: Wie mit einem Schleppnetz sammelt er Eindrücke, von Orten, von Situationen. Momentaufnahmen, die in ihrer Dichte und Plausibilität, aber auch in ihrer Poesie nur die Wirklichkeit komponieren kann.
Man braucht ein Talent dafür, das Unbekannte im Bekannten zu entdecken. Man braucht ein Talent dafür, die Augen offen und die Neugier wachzuhalten gerade dann, wenn man sich routiniert genug glaubt, sich im Leben auch blind orientieren zu können. Wie damals, als Altenburg wie so oft schon mit dem Fahrrad am Frauengefängnis im Frankfurter Stadtteil Preungesheim vorbeifuhr. Der Zufall habe ihm da ein Bild gemalt, erzählt er: „Zum ersten Mal sehe ich diese riesige Gedenkstätte mit den Namen der von den Nazis dort ermordeten Gefangenen.“ Er stieg vom Fahrrad ab, hockte sich hin und sah „hinter einem offenen, aber vergitterten Fenster eine junge Gefangene, die mit angezogenen Knien auf der Fensterbank sitzt. Man hört aus der Ferne Musik aus einem Radio. Die Frau winkt müde. “Solch eine Szene, sagt Altenburg, „bekommt man nur geschenkt, das kann man nicht erfinden“. Gleichsam eine Ensemble-Leistung ist auch die Biographie des Vierundfünfzigjährigen, die wie jede Lebensgeschichte erst im Zusammenspiel von Orten und Menschen Tiefenschärfe gewinnt.
Literatur ist sein Himmel
Matthias Altenburg wird 1958 in Fulda als ältestes von drei Kindern eines Tischlers und einer Kaufmannstochter geboren und wächst im nordhessischen Baunatal in einem sehr christlich geprägten Elternhaus auf. Mit nur fünf Jahren stirbt der jüngere Bruder, ein Zwillingskind, an einer nicht erkannten Hirnhautentzündung. Seine Mutter habe sich davon nie erholt, erinnert sich Altenburg. „Sie war danach eine andere, sehr ängstlich. Sie hatte ihre Ruhe verloren.“ Auch in seinem Leben herrsche seitdem „Grundnervosität“, eine „gewisse Schlaflosigkeit“ habe damals eingesetzt. Noch heute sorgt sie dafür, dass sein Tag oft um vier Uhr morgens beginnt.
Seine Kindheit, sagt Altenburg, sei sehr behütet gewesen, „verglichen mit der eher rabaukenhaften Umgebung“. Matthias ist häufig krank, hält sich fern von Fußball und Prügeleien in einem ruhrpottähnlichen Umfeld „zwischen Fabrikschloten und Hasenställen“. Lieber liest er, und das schon mit fünf Jahren. Zuerst die Bibel. Weil sie einfach da ist. Besonders die Geschichte von David und Goliath beeindruckt ihn. „Aber auch das Neutestamentarische, die Jesus-Geschichten haben mich begeistert. Was für ein Schicksal. Die reinste Seifenoper!“ Das Tor zur Weltliteratur wird ihm in der siebten Klasse der Gesamtschule Baunatal von einer Lehrerin aufgestoßen, „die uns mit Böll und Borchert gefüttert hat“. Danach sind Karl May und Emnid Blyton Geschichte. „Für mich stand schon damals fest, dass das mein Himmel sein würde: Literatur.“
Gott ist gerade in der Pubertät problematisch
Gott dagegen verliert vorläufig seine Schlüsselposition in der Welt des Heranwachsenden. Jedenfalls als Vorstellung einer Art allgegenwärtiger Sünden-Erkennungssoftware: „Wenn da oben jemand ist, der alles sieht, ist das gerade in der Pubertät etwas problematisch.“ Dennoch bleibt Matthias Altenburg immer Kirchenmitglied. „Ich schätze die Atmosphäre, die um die Gemeinden herum herrscht. Die Kirchen leisten vor Ort wichtige Gemeinwesenarbeit und spielen eine sehr große soziale Rolle.“
Nach dem Abitur studierte Altenburg in Göttingen Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, lebte in einer Wohngemeinschaft mit lauter ehemaligen Mitschülern, jobbte nebenher in Kneipen und erfuhr hautnah, was Franz-Josef Degenhardt in seiner „Ballade von der schönen, alten Stadt“ meinte: „Man mag diese Städte, aber sie werden einem schnell zu eng.“
Der Radfahrer und die Schriftstellerin
Während des Studiums hatte Matthias Altenburg begonnen, für Zeitschriften und Magazine zu schreiben. Als er schließlich sein Examen machen will - „Ich wollte über Musils ‚Mann ohne Eigenschaften‘ schreiben“ - ist das Geld gerade so knapp, dass er sich erst einmal eine feste Stelle sucht. Zunächst als Lektor bei einem kleinen Frankfurter Verlag, dann beim Verlag der Autoren. Auch dort arbeitet er nur kurz Vollzeit, immer stärker wird der Drang zu schreiben, bald tut er nur noch das, ist aber bis heute Gesellschafter des Verlags der Autoren.
Altenburgs erster Roman erscheint 1992, „Die Liebe der Menschenfresser“. Das sei, sagt der Autor, „eine nordhessische Huckleberry-Finn-Geschichte, mit der ich meine Kindheit verarbeitet habe“. Es folgen weitere Romane und einige hochkarätige Auszeichnungen wie der Marburger Literaturpreis, ehe der Autor 2004 mit „Ein allzu schönes Mädchen“ das Genre und den Namen wechselt: Der Krimi erscheint, wie später weitere, unter dem Pseudonym Jan Seghers. Das liegt nicht allein daran, dass der Rennradfahrer damals, in Zeiten, als der Rennsport noch unschuldig schien, einmal den Namen eines Tour-de-France-Gewinners tragen wollte - „Jan“ ist von Jan Ulrich entlehnt und „Seghers“ als Verneigung vor Anna Seghers gemeint.
Er weiß, wie hoch die Messlatte liegen kann
Sein „von Anfang an offenes Pseudonym“ sei als ein psychologischer Befreiungsschlag gedacht gewesen, sagt Matthias Altenburg. Er habe nach der Devise „Ich ist ein anderer“, die Befangenheit vor dem Genre Krimi verlieren und das Pseudonym wie ein Kostüm tragen wollen, mit dem man in eine ganz neue Rolle schlüpft, als Autor quasi ein Freispiel hat.
Immerhin hatte er bis dahin „bestimmt Tausende Kriminalromane“ gelesen und weiß als großer Bewunderer von Meister dieses Fachs wie Georges Simenon oder Henning Mankell, wie hoch die Messlatte gerade dort liegen kann. Aber der Mann, der sich Jan Seghers nennt, macht seine Sache auch sehr gut. Das allzu schöne Mädchen wird ein Bestseller, dem weitere Auflagengipfelbesteigungen folgen, mit zwei Konstanten in den Hauptrollen: Kommissar Robert Marthaler und Frankfurt: Immer lesen sich die Krimis auch wie sehr intime und ortskenntnisreiche Besichtigungen der Stadt am Main. Selbst für jene, die bis dato glaubten, dass sie ihr schon längst hautnah gekommen seien.
Weit verstreute Manuskripte
So hat mit den Büchern auch Frankfurt viele neue Verehrer gefunden. Im Rest der Republik und wegen der Übersetzungen auch im europäischen Ausland. Noch so ein Verdienst des Radfahrens: dass es einem manches so viel näher bringt. „Für mich haben Orte eine wahnsinnig große Bedeutung. Und deshalb ist das Fahrradfahren eigentlich als Handwerkszeug wichtiger als der Computer.“ Das mit dem Computer stimmt aber immer nur, bis der Abgabetermin fürs Manuskript droht. Dann ist Altenburg schon mal bis zu 16 Stunden am Tag mit seinem neuen Buch beschäftigt, sehr viele davon am Bildschirm.
Hat das Werk sein Ende, verteilt der Autor die Seiten, „dann streue ich das Manuskript möglichst weit“, an sechs bis sieben Erstleser, darunter seine Frau, die Lektorin ist, Freunde, die Lektorin seines Verlags. „Mit jedem setze ich mich hin und nehme die jeweiligen Einwände auf.“ Jedes Temperament habe ja eine andere Perspektive. „Der eine versteht was von Menschen, der andere von Autos.“ Er halte es, sagt Altenburg, „für extrem dumm“, wenn Autoren glaubten, sie seien gut, wenn ihre Texte so gedruckt würden, wie sie abgegeben worden seien. Und: „Ich bin äußerst misstrauisch gegenüber Lektoren, die nichts anzumerken haben. Die sind meist faul.“
„Spaß an der eigenen Müdigkeit“
Sein neuestes Buch hat schon im Vorfeld einen besonderen check-up durchlaufen: Er hat dafür seine 17 Jahre alte Tochter um Erlaubnis gefragt. So steht es auch im Vorwort von „Courage: Anstiftung zum Ungehorsam“, das in diesem Herbst im Dumont-Verlag erschienen ist. Es handelt sich um eine Sammlung von kurzen, faktenreichen Texten, die den Zustand dieses Landes erklären, die erläutern, weshalb wir wahrlich nicht alle in einem Boot sitzen; weshalb billige T-Shirts sozial, ökologisch und moralisch so teuer kommen und wie es passieren konnte, dass acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer alle mit derselben Pistole ermordet werden konnten, ohne dass irgendjemand auf die Idee kam, Motive und Mörder in der rechten Szene zu suchen. Paula hat das Projekt abgesegnet, mit dem ihr Vater „den Spaß am Denken wecken“ will und „den Spaß an der eigenen Mündigkeit“.“
Altenburg sagt von sich, dass er wirklich gerne faul sei, aber er kommt wohl selten dazu. Den Veröffentlichungen folgen oft ausgedehnte Lesereisen („Eine Erholung nach all der Arbeit am Buch“), er bekommt viele Anfragen, an Veranstaltungen teilzunehmen. „Aber ich bin mittlerweile immer froh, wenn ich nicht weit reisen muss. Ich sage gern Innsbruck ab und Neu-Isenburg zu.“ Es gibt ja noch so vieles andere, das er liebend gern tut und das im Leben untergebracht werden will: lesen, klassische Musik hören, reisen, immer wieder nach Frankreich. „Dort irgendwo zu sitzen, Rotwein zu trinken, zu kochen, zu essen“, das ist für ihn das Glück. Sein Lieblingsgericht: „Kalbskotelett mit einer leichten Limetten-Salbei-Butter, Bohnen dazu.“ An Heiligabend wird es das wohl nicht geben, aber vielleicht viele Päckchen. Womit man ihn erfreuen kann? „Ach, das geht auch mit einem antiquarischen Buch, das 50 Cent gekostet hat. Wenn es trifft, dann finde ich das toll.“
Weihnachtliche Stimmung statt Pflichtgeschenken
Matthias Altenburg mag keine Pflichtgeschenke, aber er mag Weihnachten. Vielleicht nicht den dekorativen Überhang - aber die Stimmung. Zu der trägt er gemeinsam mit dem Organisten Martin Lücker dieses Jahr selbst bei, mit einem musikalisch-literarischen Weihnachtskonzert am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Katharinenkirche an der Frankfurter Hauptwache. Und er freut sich „auf diese besondere Ruhe zwischen den Jahren“, die er sehr genießt. Bis es nächstes Jahr weitergeht, mit ihm, der Stadt, dem Kommissar und dem Radfahren.