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Matthias Altenburg im Porträt : Der Mann, der Jan Seghers ist

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Manche Szenen kann man nicht erfinden: Matthias Altenburg alias Jan Seghers. Bild: Eilmes, Wolfgang

Sein Material ist das Leben, seine Inspiration die Wirklichkeit. Sein beliebtester Schauplatz ist Frankfurt, sein Pseudonym ist eine Verneigung vor zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Über den Schriftsteller Matthias Altenburg, die Rolle des Rades in seinem Leben und die Lust des Autors, in eine andere Haut zu schlüpfen.

          Er kommt mit dem Fahrrad zum Café Mozart, das in der Frankfurter Innenstadt liegt, an einer ruhigen kleinen Straße hinter der Zeil. Natürlich mit dem Rad. Matthias Altenburg nennt es das ideale Fortbewegungsmittel, in der Frankfurter City, „in den herrlichen Landschaften drum herum“, in der Wetterau, im Odenwald oder Spessart. Und er mag das Traditions-Café mit seiner üppigen Torten-Theke, auch weil er gerne Menschen schaut. „Sehen Sie?!“ Das fragt er und deutet auf eine ältere Frau, die mit ihrer düsteren Grandezza einem Goya-Gemälde entsprungen sein könnte. Vielleicht kommt sie in einem seiner nächsten Kriminalromane vor. Denn so arbeitet der Schriftsteller Matthias Altenburg: Wie mit einem Schleppnetz sammelt er Eindrücke, von Orten, von Situationen. Momentaufnahmen, die in ihrer Dichte und Plausibilität, aber auch in ihrer Poesie nur die Wirklichkeit komponieren kann.

          Man braucht ein Talent dafür, das Unbekannte im Bekannten zu entdecken. Man braucht ein Talent dafür, die Augen offen und die Neugier wachzuhalten gerade dann, wenn man sich routiniert genug glaubt, sich im Leben auch blind orientieren zu können. Wie damals, als Altenburg wie so oft schon mit dem Fahrrad am Frauengefängnis im Frankfurter Stadtteil Preungesheim vorbeifuhr. Der Zufall habe ihm da ein Bild gemalt, erzählt er: „Zum ersten Mal sehe ich diese riesige Gedenkstätte mit den Namen der von den Nazis dort ermordeten Gefangenen.“ Er stieg vom Fahrrad ab, hockte sich hin und sah „hinter einem offenen, aber vergitterten Fenster eine junge Gefangene, die mit angezogenen Knien auf der Fensterbank sitzt. Man hört aus der Ferne Musik aus einem Radio. Die Frau winkt müde. “Solch eine Szene, sagt Altenburg, „bekommt man nur geschenkt, das kann man nicht erfinden“. Gleichsam eine Ensemble-Leistung ist auch die Biographie des Vierundfünfzigjährigen, die wie jede Lebensgeschichte erst im Zusammenspiel von Orten und Menschen Tiefenschärfe gewinnt.

          Literatur ist sein Himmel

          Matthias Altenburg wird 1958 in Fulda als ältestes von drei Kindern eines Tischlers und einer Kaufmannstochter geboren und wächst im nordhessischen Baunatal in einem sehr christlich geprägten Elternhaus auf. Mit nur fünf Jahren stirbt der jüngere Bruder, ein Zwillingskind, an einer nicht erkannten Hirnhautentzündung. Seine Mutter habe sich davon nie erholt, erinnert sich Altenburg. „Sie war danach eine andere, sehr ängstlich. Sie hatte ihre Ruhe verloren.“ Auch in seinem Leben herrsche seitdem „Grundnervosität“, eine „gewisse Schlaflosigkeit“ habe damals eingesetzt. Noch heute sorgt sie dafür, dass sein Tag oft um vier Uhr morgens beginnt.

          Seine Kindheit, sagt Altenburg, sei sehr behütet gewesen, „verglichen mit der eher rabaukenhaften Umgebung“. Matthias ist häufig krank, hält sich fern von Fußball und Prügeleien in einem ruhrpottähnlichen Umfeld „zwischen Fabrikschloten und Hasenställen“. Lieber liest er, und das schon mit fünf Jahren. Zuerst die Bibel. Weil sie einfach da ist. Besonders die Geschichte von David und Goliath beeindruckt ihn. „Aber auch das Neutestamentarische, die Jesus-Geschichten haben mich begeistert. Was für ein Schicksal. Die reinste Seifenoper!“ Das Tor zur Weltliteratur wird ihm in der siebten Klasse der Gesamtschule Baunatal von einer Lehrerin aufgestoßen, „die uns mit Böll und Borchert gefüttert hat“. Danach sind Karl May und Emnid Blyton Geschichte. „Für mich stand schon damals fest, dass das mein Himmel sein würde: Literatur.“

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