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Mathildenhöhe Darmstadt Ein „wegweisendes und lebendiges Gebilde“

 ·  Der Wille ist da: Darmstadt will mit der Mathildenhöhe Weltkulturerbestätte werden.

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Der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Gerd Weiß, hat am Mittwochabend bei der Präsentation eines Gutachtens zur Welterbefähigkeit der Mathildenhöhe Stadt und Bürger ermutigt. Der Weg bis zur Anerkennung als Welterbestätte durch die Unesco sei zwar langwierig und ein Erfolg keineswegs garantiert. „Aber er lohnt sich, denn es ist auch ein Weg, die Mathildenhöhe als Stätte der Kultur neu wertzuschätzen“, sagte Weiß auf einer öffentlichen Informationsveranstaltung. Das Landesdenkmalamt will auf jeden Fall rechtzeitig zur Kultusministerkonferenz am 21.August alle nötigen Unterlagen vorlegen, damit Darmstadt in die Anmeldeliste aufgenommen werden kann, die die Bundesländer in diesem Jahr neu zu erstellen haben. Jedes Bundesland ist, wie Weiß erläuterte, aufgefordert, zwei Vorschläge zu unterbreiten. 2013 soll eine Expertenkommission dann über deren Rangfolge entscheiden, die maßgebend ist für die nationale Anmeldung bei der Unesco.

Den bekannten Satz „Der Weg ist das Ziel“ gebrauchte am Mittwoch auch Gutachter Werner Oechslin. Der Schweizer Kunst- und Architekturhistoriker, der bis zu seiner Emeritierung 2010 an der EFH Zürich gelehrt hatte, verband damit aber noch weiterreichende Hoffnungen als Weiß. Oechslin bestätigt der Mathildenhöhe in seiner Expertise, dass dieses um 1900 entstandene Ensemble aus Bauwerken der Darmstädter Künstlerkolonie alle von der Unesco geforderten Kriterien (Einzigartigkeit, historische Echtheit und Unversehrtheit) auf „hervorragende Weise“ erfülle. Er begründet dies aber zum Teil mit Argumenten, die die bisher geltende Epocheneinteilung der Kunstgeschichte in Frage stellen. Mit Blick auf die von Großherzog Ernst Ludwig 1899 ins Leben gerufene Künstlervereinigung kommt der Schweizer Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die eigentliche Umbruchszeit in der europäischen Kunst und Architektur auf die Jahre um 1900 zu datieren sei und nicht auf die zwanziger Jahre. Darmstadt markiert für Oechslin jene Stelle, an der die „Wende zur Moderne“ eingeläutet wurde, weshalb die Mathildenhöhe für ihn zu einem „einzigartigen, exemplarischen Fall“ wird, der zum kulturellen Welterbe gezählt werden müsse. Die Bedeutung der Künstlerkolonie beschreibt er in seinem Gutachten als die „eines für die Zukunft wegweisenden Ereignisses um 1900“, als ein „einzigartiges Phänomen“, das vorweggenommen habe, was 1907 Programm des Deutschen Werkbundes geworden sei.

Ort der Innovation

Was für die weitere Diskussion in Darmstadt ebenfalls von nicht unerheblicher Bedeutung sein dürfte, ist Oechslins Charakterisierung der Mathildenhöhe als „lebendiges Gebilde“, das zwar Tradition verkörpere, aber nie museal erstarrt sei. Das Schöpferische der Architekten und Künstler, die um 1900 in Darmstadt gewirkt hätten, lasse sich nicht reduzieren auf ihre noch vorhandenen Bau- und Kunstwerke. Vielmehr sei das typisch „Geistige“ der Mathildenhöhe die künstlerisch experimentelle Bewegung, die etwa durch die Darmstädter Gespräche in den fünfziger Jahren wieder aufgegriffen und fortgetragen worden sei. Die Mathildenhöhe dürfe deshalb nie zu einem nur „musealen Bereich“ werden.

Darmstadts Oberbürgermeister und Kulturdezernent Jochen Partsch (Die Grünen) hat diese Hinweise am Mittwoch aufgegriffen, indem er die Mathildenhöhe als einen Ort der Innovation, der Experimente, als „einen Weltentwurf, der bis heute wirkt“, bezeichnete und ankündigte, das Areal gemeinsam mit den Bürgern weiterzuentwickeln. Die Stadt werde noch mehrere Informationsveranstaltungen anbieten, auch zur Zukunft des Osthangs, jener unbebauten Fläche, für die ein internationaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden soll. Die Bewerbung Darmstadts als Welterbestätte begründete Partsch mit der großen Perspektive, die sich daraus ergebe. Eine Anerkennung wäre für Darmstadt Ehre und Aufgabe zugleich.

Bis zu einer Entscheidung werden Jahre ins Land gehen

Die Chancen einer solchen Anerkennung sind, wie Weiß hervorhob, schwer einzuschätzen. Die Unesco hat, da fast die Hälfte der bislang 936 ausgewiesenen Kultur- und Naturerbestätten in Europa und den Vereinigten Staaten liegen, global andere Prioritäten gesetzt. Allerdings hat der Internationale Rat für Denkmalpflege, der für die Unesco das Gutachterverfahren abwickelt, einen sogenannten „Lückenreport“ erstellt. Er beschreibt bislang unterrepräsentierte Kulturstätten. Für die Mathildenhöhe ergeben sich Weiß zufolge daraus Chancen, da die Stadt mit ihrer Bewerbung in eine solche Lücke stoßen könne.

Doch bis zu einer abschließenden Entscheidung dürften Jahre ins Land gehen. Die noch geltende Anmeldeliste wird nach Aussage von Weiß, der in Hessen für die Weltkulturanmeldungen zuständig ist, frühestens 2017 abgearbeitet sein. Dann erst können jene Vorschläge zur Geltung kommen, über die die Kultusminister im August beraten werden. Bis zum abschließenden Votum der Unesco kann es dann nochmals dauern. Der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, über den im nächsten Jahr voraussichtlich entschieden wird, kam erstmals 1986 auf eine Anmeldeliste. Gleichwohl hat sich auch hier nach Ansicht von Weiß gezeigt, welche positiven Entwicklungen allein das Bewerbungsverfahren auslösen könne. Für ein geplantes Info-Zentrum am Herkules hätten die Bürger Kassels 500000 Euro gespendet.

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