03.02.2012 · Das Mathematikum in Gießen legt Zahlen vor: Es besteht seit zehn Jahren, hat jährlich 150.000 Besucher und rechnet nach der Renovierung mit weiterem Zuspruch.
Von Wolfram AhlersEin paar Schüler lassen tellergroße Ringe durch die Luft schweben, andere formen Quader und andere geometrische Gebilde, ein Junge schafft es sogar, sich von einer großen Seifenblase einhüllen zu lassen. Ein Stück weiter auf dem Flur sind wieder andere damit beschäftigt, an einer Bahn herauszufinden, mit welcher Neigung Kugeln die Strecke am schnellsten zurücklegen. In dem aus Spiegelwänden konstruierten Kaleidoskop betrachtet ein Mädchen in unzähliger Folge immer und immer wieder sich selbst. Kurzum: Im Gießener Mathematikum wandelt sich eine bei vielen als abstrakt verpönte Wissenschaft zum Erlebnis.
Das Konzept des Gießener Mathematikprofessors Albrecht Beutelspacher, sein Fachgebiet sozusagen aus dem Elfenbeinturm zu befreien, statt mit Formeln und Gleichungen vielmehr in einer Mitmach-Ausstellung einen Zugang zur Mathematik zu verschaffen, ist offenkundig aufgegangen. Das Gießener Mathematikum hat sich seit der Eröffnung vor zehn Jahren zu einem der am meisten besuchten Wissenschaftscentern entwickelt, lockt nicht nur Schulklassen und Studentengruppen, sondern auch ein Vielzahl von Touristen aus dem In- und Ausland. Zum Jubiläum ist das Mathematikum in den vergangenen Wochen renoviert worden. Bei dieser Gelegenheit ließen Beutelspacher und sein Team die Ausstellung ein weiteres Mal um neue Experimente erweitern. Nach Abschluss all dieser Arbeiten hat das Mathematikum nun wieder geöffnet.
Dass das Mathematikum Erfolg hat, belegt Beutelspacher mit Zahlen: Hatten die Initiatoren mit 60.000 bis 80.000 Besuchern im Jahr kalkuliert, waren es im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich rund 150.000. Mit rund 100 Mitarbeitern, davon etwa ein Viertel in Vollzeit, etablierte sich die von einem Verein geführte Einrichtung auch als Wirtschaftsbetrieb, der im Jahr ungefähr anderthalb Millionen Euro Umsatz macht. Anders als andere Museen ist das Mathematikum nicht auf Subventionen der öffentlichen Hand angewiesen. Die Finanzierung basiert auf mehreren Säulen. Eintrittsgeld, Einnahmen aus Gastronomie, Museumsladen und einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm bilden ein wesentliches Fundament, wie Beutelspacher sagt.
Zudem ist die Werkstatt des Mathematikums nicht nur für das eigene Haus tätig, sondern fertigt und wartet auch Exponate für andere Wissenschaftscenter im In- und Ausland. Zudem gibt es eine Wanderausstellung, die überall in Europa gezeigt wird und dem Mathematikum weiteres Geld bringt. Nicht zuletzt sind es Sponsoren, die dem Mathematikum finanziell unter die Arme greifen, wie beispielsweise jetzt für Umbau und Erweiterung, was etwa 150.000 Euro gekostet hat.
Ihren Anfang nahm die Geschichte des Mathematikums mit einem Auftrag im Seminar. Beutelspacher ließ seine Studenten Modelle bauen und stellte ihnen die Aufgabe, die dahintersteckende Mathematik zu erklären. Das Ergebnis war unbefriedigend, denn keiner der angehenden Lehrer oder Diplommathematiker vermochte Theorie und Anschauung miteinander zu verbinden. Das gab dem Professor keine Ruhe, und deshalb machte er sich gemeinsam mit seinen Studenten und Institutsmitarbeitern daran, die scheinbar so gegensätzlichen Welten von Formeln und Realität in Einklang zu bringen. Die Idee für eine Ausstellung war entstanden, und tatsächlich gelang es Beutelspacher und seinen Mitstreitern, eine Vielzahl von Exponaten zu entwerfen, die den Zugang zur Mathematik auf neuen Wegen ermöglichte. Das Projekt "Mathematik zum Anfassen" bekam regen Zuspruch, machte weit mehr als hundert Mal im In- und Ausland Station, lockte dabei mehrere hunderttausend Besucher. Das ermutigte Beutelspacher, wie er sich erinnert, darauf ein bis dato einzigartiges Vorhaben aufzubauen: das erste Mitmach-Museum für Mathematik, das nach mehrjähriger Vorbereitung 2002 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau im Gebäudekomplex des ehemaligen Gießener Zollamts eröffnet wurde.
Um das Museumsprojekt zu verwirklichen, bedurfte es gemeinsamen Handelns. Stadt, Land und Universität taten sich in einem eigens für dieses Vorhaben gegründeten Förderverein zusammen. Etwa 1,8 Millionen Euro waren aufzubringen, um das Mathematikum zu errichten. Bei dieser konzertierten Aktion gelang es, einen großen Teil des Geldes mit Hilfe von Spenden und Sponsoren zusammenzubekommen. So wurden beispielsweise Patenschaften für Exponate vergeben.
Beutelspacher selbst ließ Einnahmen aus Buchveröffentlichungen und sein Preisgeld, das ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft für seine Verdienste um die Vermittlung von Wissenschaft zuerkannt hatte, in die Finanzierung des Museums fließen. Die Stadt erwarb das Anwesen des Zollamts, dessen Gebäude sich nach längerer Suche als das am besten geeignete erwies. Mit der Eröffnung des Mathematikums entstand unweit des Bahnhofs nahe der Gießener Innenstadt gemeinsam mit dem benachbarten Liebig-Museum eine Museumsinsel.
Begonnen hat das Mathematikum mit rund 50 Exponaten auf gut 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche. In Anbetracht des unerwarteten großen Zuspruchs nach der Eröffnung sahen sich die Verantwortlichen alsbald veranlasst, das Museum zu erweitern. So wurde die Einrichtung schon im ersten Betriebsjahr gleich zweimal vergrößert. In weiteren Trakten schuf man Platz für mehrere Dutzend neue Experimente. Vor anderthalb Jahren kam schließlich noch als neue Abteilung das Mini-Mathematikum hinzu, eine Ausstellung, in der sich Vorschulkinder gleichsam spielerisch mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Phänomenen auseinandersetzen können. Auf 1200 Quadratmetern laden heute mehr als 150 Stücke zum Knobeln und Tüfteln ein.
Nicht zuletzt anhand von Vorschlägen, die Besucher machten, ließ die Museumsleitung nun Gruppen von Exponaten neu ordnen, besonders häufig gebrauchte Experimente instand setzen und die Schau um neue Objekte aus der Experimentierwerkstatt abermals erweitern. Dazu zählt beispielsweise die Abakus-Installation, wo sich Besucher in Frage- und Antwort-Spiel den Grundlagen von Arithmetik und Geometrie widmen können. Von Zufällen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen im Zusammenhang etwa mit Glücksspielen handelt ein weiteres Experiment, und das Geburtstagsparadoxon zeigt, wie erstaunlich groß schon in überschaubaren Gruppen die Zahl der Menschen ist, die am selben Tag geboren wurden.
Wolfram Ahlers Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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