Das Bauen wird immer komplizierter im dichter werdenden Frankfurt. Angesichts des zur Neige gehenden Wohnbaulands und der stark steigenden Mieten: Genügt die reine Innenentwicklung, um den Druck vom Wohnungsmarkt zu nehmen? Müsste Frankfurt nicht stärker nach außen wachsen, wo schnell und günstig Wohnraum entstehen könnte?
Man sollte zunächst die Innenentwicklung genauer analysieren. Die Konversion, also die Änderung der Flächennutzung als die eine Form der Innenentwicklung, funktioniert in der Regel gut und löst wenige Auseinandersetzungen aus. Die andere Form der Innenentwicklung ist die schleichende Nachverdichtung einer Stadt. Dieser Prozess läuft in der Regel relativ langsam und deswegen auch sozialverträglich. In dem Moment, wo ich ihn forciere und zur wesentlichen Aufgabe der Stadtentwicklung erhebe, erhöhe ich natürlich den Widerstand. Ein Konzept der Innenentwicklung ist immer ein richtiges Konzept. Aber um des Konsenses in der Bevölkerung willen würde ich es nicht zum Primat der Stadtentwicklung machen.
Wie kann die Stadt durch Konversion wachsen?
Innenentwicklung durch Konversion ist ein typischer Prozess aller Städte seit Jahrhunderten: Die eher belastenden gewerblichen Unternehmen waren früher am Stadtrand angesiedelt. Die Stadt wuchs, und die früher gewerblichen Flächen konvertierten zu neuen Stadtquartieren. Als 1880 der Beschluss gefasst wurde, die Frankfurter Bahnhöfe an der Taunusanlage zusammenzulegen zu dem neuen Hauptbahnhof, entstand auf einem früheren Gleisfeld das neue Bahnhofsviertel. Zur selben Zeit hat sich im Osten der Stadt das Fischerfeldviertel, auf dem früher ein Schlachthof war, als neues Stadtquartier entwickelt. Den Schlachthof verlegte man auf das Sachenhäuser Ufer, damals weit außerhalb der Stadt. So wurden die gewerblichen Flächen in einem Rhythmus von vielen Jahrzehnten immer wieder nach außen geschoben. Die Stadt wuchs, indem die jetzt frei von Gewerbe gewordenen Flächen zu neuen Stadtvierteln mutierten. Die Stadt wächst organisch in Ringen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg: Die belastenden und flächenintensiven Gewerbe rücken immer wieder nach außen und werden viele Jahrzehnte später wieder von der wachsenden Stadt eingeholt.
Die letzten Konversionsflächen sind bald aufgebracht. Wo könnten neue hinzukommen?
Viele gewerbliche Unternehmen brauchen hervorragend erschlossene Flächen am Stadtrand, wo die Grundstückspreise niedrig sind und noch größere Grundstücke zur Verfügung stehen. Dort ist man nicht eingeschnürt durch die heranwachsende Stadt. Wir haben in den neunziger Jahren diesen Prozess genutzt, indem der Westhafen und das Schlachthofgelände aufgelassen wurden und neue Stadtteile entstanden. Dieser Prozess ist nie zu Ende. Ich kann ihn als Kommunalpolitiker beschleunigen und verzögern, aber ich kann ihn nicht aufhalten, weil dahinter ökonomische Zwänge stehen. Für die Gewerbebetriebe und für die Stadtentwicklung, um dem Wachstumsdruck auch nachgeben zu können. Eigentlich müsste man die belastenden Industrieanlagen weit nach außen legen. Dann haben sie wieder hundert Jahre Ruhe.
Aber dauert das nicht viel zu lange? Wenn man zum Beispiel ein neues Gewerbegebiet anlegen würde, um die größtenteils nicht hafenaffinen Nutzungen aus dem Osthafen zu verlagern, wären ja mehrere Jahrzehnte notwendig. Brauchen wir nicht schnell Erleichterung auf dem Wohnungsmarkt? Die Bevölkerung wächst rasant, verbunden damit sind Wachstumsschmerzen wie die steigenden Mieten.
Stadtentwicklung ist ein relativ langsamer Prozess. Wenn wir Stadtentwicklung in der Fläche betrachten, egal, ob Innen- oder Außenentwicklung, haben wir es immer mit Prozessen zu tun, die mindestens ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns nicht nur auf den laufenden Projekten ausruhen, sondern dass in dem Moment, wo man ein Projekt angeschoben hat, schon das nächste geplant wird. Nur so kommt mehr Kontinuität in die Stadtentwicklung. Sonst entsteht Druck, ganz schnell zu bauen, aber man weiß nicht mehr, wo es noch geht.
Wo sehen Sie noch Potential für die Innenentwicklung?
Die Stadt entwickelt zum Beispiel im Frankfurter Osten entlang der Hanauer Landstraße bis zum Ratswegkreisel einen Stadtteil, ohne dass Wohnen dort zugelassen wird. Ich rede nicht über den Osthafen! Das ist keine glückliche Lösung.
Aber das hängt zusammen mit Entwicklungshemmnissen wie der nahegelegenen Gefahrguthalle und den aus der Seveso-II-Vorschrift resultierenden Mindestabständen für Wohnungen zu Störfallbetrieben.
Aber das sind doch Themen, die man lösen kann. In das operative Handeln möchte ich mich nicht einmischen. Wenn aber alles so weiterläuft, wissen wir, dass in zirka zehn Jahren die Möglichkeiten, zwischen Ostbahnhof und Ratswegkreisel einen neuen, auch wohngenutzten Stadtteil entstehen zu lassen, verschüttet sind.
Der Statistik zufolge ist mehr als die Hälfte des Stadtgebiets grün: Rund 30 Prozent entfallen auf Parks und den Grüngürtel, etwa 20 Prozent sind Ackerland, Kleingärten und Wiesen. Weitere 20 Prozent sind Verkehrsflächen, nur 30 Prozent der Stadtfläche stehen für die Bebauung zur Verfügung. Können wir uns das leisten?
Es gibt in Frankfurt einen großen Konsens zum Schutz des Grüngürtels. Im Sinne dieses Konsenses zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen an die Stadt halte ich den Grüngürtel für sakrosankt. Darüber hinaus muss die Stadt entscheiden, was sie sich zutraut. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, den unterschiedlichen Interessenlagen in einer Stadt auch entsprechende Angebote gegenüberzustellen. Von der grünen Wiese bis zur Nachverdichtung. Wir Planer nennen das eine Abwägung zwischen den unterschiedlichen Nutzungserfordernissen. Es gibt viele Flächen, die noch bebaut werden könnten, ohne dass man den Grüngürtel tangiert. Wir sollten mit gesundem Pragmatismus das Stadtgebiet prüfen und schauen, wo wir noch Entwicklungschancen haben. Prosperierende Städte entwickeln viele Flächen parallel zu unterschiedlichen Konditionen, damit unterschiedliche Gruppen eine Heimat finden können.
Zuletzt machte wegen der Verknappung des Baulands das Schlagwort von interkommunalen Wohngebieten die Runde: Die Stadt will ihre Wohnungsprobleme gemeinsam mit der Region lösen.
Das klingt in der Theorie sehr schön: Wenn es Frankfurt zu eng wird, kann die Stadt mit dem Umland Wohn- und Gewerbegebiete entwickeln. Aber wer will den Frankfurtern sagen: Zieh doch ins Umland? Man kann nicht an den Interessen der Menschen vorbeihandeln. Die Politik muss sich danach richten, wohin und was die Menschen wollen. Wenn sie es nicht tut, verdrängt sie die Menschen aus der Stadt. Es ist aus meiner Sicht keine gute Stadtpolitik, Menschen zu nötigen, ins Umland zu ziehen. Die Stadt ist für die Menschen da und nicht umgekehrt.
Umgekehrt wird argumentiert: Ob man nun fünf Meter links oder rechts der Stadtgrenze wohnt, sei doch egal.
Das gilt für den Stadtrand. Es sind aber nicht fünf Meter, sondern fünf oder zehn Kilometer. Jemand, der nach Frankfurt möchte, dem kann ich schlecht sagen: Wir wollen euch nicht, geht bitte nach Gelnhausen, Neu-Isenburg, Rodgau oder sonst wohin. Dahinter steckt die Vorstellung, man könnte Wohnungsströme steuern und Frankfurt damit entlasten. Wenn man diese Vorstellung zu Ende dekliniert, müsste man den Neuzuzüglern sagen: Passt auf, der Sack ist voll. Wir wollen euch nicht mehr. Ihr stört uns. Das ist absurd. Allein um dem Fakt der jährlich wachsenden Wohnfläche der 700 000 Frankfurter gerecht zu werden, müssen schon jedes Jahr 1800 Wohnungen hinzugebaut werden. Auch da funktioniert das „Der Sack ist zu“-Argument nicht, wir müssten bei einem Ende des Wohnungsbaus jedes Jahr 3000 Menschen aus der Stadt werfen! Wir brauchen aber dringend den Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften, also auch stetig neuen Wohnungsbau.
Wohin also mit den Zuzüglern?
Wir müssen uns fragen: Wo kann noch Wohnraum geschaffen werden? Und da sind wir bei den Stammthemen: Innenentwicklung durch Nachverdichtung und Konversion sowie Außenentwicklung. Die Stadt muss, um für Entlastung zu sorgen, grundsätzlich in alle drei Segmente hinein ihre Planungskapazitäten stecken. Das Ausklammern solcher Instrumente bedeutet eine Verengung des Marktes.
Außenentwicklung - wo könnte das passieren?
Es steht mir nicht an, den heute verantwortlichen Planungspolitikern zu sagen, wo sie welche Maßnahmen zu treffen haben. Ich kann nur aus der Fachsicht zum Ausdruck bringen: Wenn ich darauf verzichte, Außenentwicklung zu betreiben, dann verenge ich das Spektrum meiner Möglichkeiten bewusst auf die Innenentwicklung. Und wenn ich in der Innenentwicklung darauf verzichte, neue Konversionen durchzuführen, bleibt nur noch die Nachverdichtung. Nachverdichtung ist, wenn sie nicht langsam erfolgt, politisch immer hochbrisant, weil sie natürlich in das unmittelbare Lebensumfeld von vielen Menschen eingreift. Innenentwicklung ist die Standard-Regel der Stadtentwicklung, aber keine ausreichende Strategie zur Entspannung des Wohnungsmarktes.
Die Fragen stellte Rainer Schulze.
Wenn die Stadt das Wohnen bloß nicht verhindern würde
Martin Schwoerer (ms-ffm)
- 20.11.2012, 20:11 Uhr
Nachverdichtung? Knappe Flächen neu erschliessen?
fred meier (Sikasuu)
- 20.11.2012, 00:55 Uhr

