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Mariss Jansons in der Alten Oper Immer mehr als hundert Prozent

Mariss Jansons und das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam kommen mit Bartók und Mahler in die Alte Oper Frankfurt.

© IMAGO Sein Arbeitsethos ist furchteinflößend: Mariss Jansons am Pult des Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam.

Gewandhausorchester, Tonhalle-Orchester, Gürzenich-Orchester, Concertgebouworkest: wenn ein musikalisches Ensemble sich lakonisch nach dem Haus nennt, in dem es Konzerte gibt und attraktivere Bezeichnungen wie Symphoniker oder Philharmoniker verschmäht, muss es gute Gründe geben. Oft ist der Hinweis auf eine lange Tradition oder auf historische Zusammenhänge dafür ausschlaggebend, nicht selten aber auch der Stolz auf einen Konzertsaal, den man sonst in der Musikwelt so schnell nicht wieder findet. In der Tat hat das alte Gewandhaus zu Leipzig einen legendären Ruf als akustisch ausgezeichnete Spielstätte besessen, der bis ins neue Gewandhaus, durchaus zu Recht, nachwirkt.

Im Falle des Concertgebouworkest aus Amsterdam trifft das auch zu. Der Saal mit seinen seitlichen Kolonnaden und Emporen, zudem mit diesen aberwitzigen Treppen auf der Bühne, ist eine der am besten klingenden Konzerthallen weltweit. Es würde natürlich wenig nützen, würde in diesem Saal nicht zugleich auch eines der besten Symphonieorchester der Welt residieren. Die Wechselwirkung von grandiosem Konzerthaus und grandiosem Orchester aber ist nicht zwangsläufig. Es gibt viele ausgezeichnete Ensembles, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks etwa, die nicht so viel Glück mit ihren Spielstätten haben. Insofern kann man verstehen, dass das Münchner Orchester einen neuen, akustisch angemessenen und hochmodernen Konzertsaal haben will.

Chefdirigent in Amsterdam und München zugleich

Noch verständlicher ist freilich, dass sich der Chefdirigent der Münchner Musiker an die Spitze derjenigen gesetzt hat, die ein solches Haus vehement fordern. Denn Mariss Jansons ist der Chef beider Orchester, in München und in Amsterdam. Und es muss ihn wohl noch schmerzlicher als andere berühren, wenn er aus dem wunderbaren Amsterdamer Concertgebouw nach München kommt, um mit seinem bayerischen Eliteorchester dann im unzulänglichen Gasteig oder in der Gruft des Herkulessaals spielen zu müssen. Die Diskussion über den neuen Konzertsaal ist noch heftig im Gange, und wer weiß, vielleicht wird ja die Idee, den großen Saal des Deutschen Museums an der Ludwigsbrücke entsprechend umzubauen, noch realisiert. Dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sich dann umbenennt, in Deutsches Museumsorchester etwa, wird wohl kaum passieren. Ein Museumsorchester gibt es immerhin schon, und das residiert in Frankfurt, in den Städtischen Bühnen als Opernorchester und in der Alten Oper als Symphonieorchester.

Mariss Jansons ist seit 2004 Chefdirigent in Amsterdam und München zugleich. Bei seinem Amtsantritt hat man sich in der Musikszene gefragt, ob das gutgehen könne, Dirigent zweier Spitzenorchester zu sein, die so nahe beieinanderliegen, deren symphonisches Repertoire sich möglicherweise nicht so sehr unterscheidet und die sich mit ihrem Dirigenten an der Spitze vielleicht sogar gegenseitig Konkurrenz machen. Die Sorge war völlig unbegründet. Die beiden Orchester haben ihre je eigene Physiognomie bewahrt, und Mariss Jansons hat, wie es seinem Naturell entspricht, nie ein Orchester gegenüber dem anderen favorisiert, sondern immer mehr als hundert Prozent seiner Energie auf die jeweiligen Ensembles übertragen. Überhaupt ist der Mann aus Riga mit Wohnsitz in St.Petersburg das, was man einen Workaholic nennt. Seine Partiturstudien (auch seine Partitursammlungen) sind legendär, sein Arbeitsethos furchteinflößend. Aber das musikalische Ergebnis ist stets bewundernswert.

In der Geschichte des Concertgebouworkest ist Mariss Jansons erst der sechste Chefdirigent seit 1888. Es spricht für die skrupulöse Haltung des Orchesters, das seine Chefs mit Bedacht wählt und mehr auf künstlerische Kontinuität als auf Glamour achtet. Es spricht aber auch für Jansons, dem man nicht zu Unrecht zutraut, das große musikalische Erbe des holländischen Orchesters zu bewahren, zu mehren und mit neuem Geist zu beseelen. Erleben kann man das auf der jetzigen Jubiläumstournee zur 125-Jahr-Feier des Orchesters auch in Frankfurt. Mariss Jansons und der Geiger Leonidas Kavakos geben mit dem Concertgebouworkest Amsterdam am 27.Januar um 19 Uhr in der Alten Oper ein Konzert mit Béla Bartóks zweitem Violinkonzert und Gustav Mahlers erster Sinfonie.

Quelle: F.A.Z.

 
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