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Marionettentheater Hanau Seit 200 Jahren tanzen die Puppen

In der neunten Generation betreibt die Familie Richter ein Marionettentheater. Jetzt ist ihr in Hanau eine Ausstellung gewidmet.

© Wohlfahrt, Rainer Vergrößern Diabolische Darsteller: Faust-Marionetten der Familie Richter.

Der Herzog ist ein wenig in die Jahre gekommen. Doch die stattliche Zeit, die er auf dem Buckel hat, sieht man ihm nicht an. Wenn er auf der Bühne zum Leben erweckt wird, turnt er dort genauso munter herum wie vor rund 200 Jahren, als er zum ersten Mal sein Publikum fand. Heute ist der Herzog die älteste Marionette und das Schmuckstück der Sonderausstellung über die Marionetten-Dynastie der Familie Richter im Hessischen Puppenmuseum in Hanau-Wilhelmsbad.

Seit neun Generationen sind die Richters als Puppenspieler mit ihrem Marionettentheater unterwegs, erst als Wandertheater mindestens seit dem Jahr 1736, später von Hanau aus, wo sich das Ehepaar Georg und Gerlinde Richter in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts niederließ. Erst vor wenigen Jahren verließ der heute fast neunzigjährige Georg Richter die Bühne, um sie, der jahrhundertealten Tradition folgend, in die Hände seines Sohnes zu übergeben. Anders als der Vater, der sich nach dem Besuch von 360 verschiedenen Schulen einen Abschluss erkämpfte, machte der Sohn Roland in Hanau Abitur und studierte, bevor er sich im Jahr 2010 mit der Übernahme des Theaters wieder ganz in die Familientradition einfand.

Marionettentheater als Hort der klassischen Literatur

Von Sonntag an können die Besucher, die die Puppen sonst nur auf der Bühne bewundern können, sich ein hautnahes Bild von den Marionetten der Familie Richter im Puppenmuseum machen. Da das Ehepaar Richter senior nicht nur Marionettentheater präsentierte, sondern auch eigene Puppen herstellte und viele Jahre lang die anderer Marionettenbauer sammelten, kam nach den Worten von Museumsleiterin Maren Raetzer-Heerwagen eine solche Vielzahl von Exemplaren zusammen, dass nicht alle Stücke in der Sonderausstellung gezeigt werden können.

Nicht aus Familienbesitz stammen zum Beispiel die Miniatur-Marionetten aus Tschechien zum Auftakt der Schau. Die orientalisch oder fernöstlich anmutenden Figuren aus der Sammlung werden dort zum ersten Mal öffentlich präsentiert.

Beeindruckend sind auch die Exponate, die sich seit langem im Familienbesitz befinden und oft auch von Familienmitgliedern hergestellt wurden, wie der alte Herzog. Von ihnen gibt es aber nicht mehr viele, denn ein Großteil der Theaterausstattung ging verloren, als die Richters im Herbst 1951 die DDR verließen. Sie waren laut Raetzer-Heerwagen nicht dazu bereit, die sozialistischen Ideale in ihre Stücke einfließen zu lassen. Das Marionettentheater war vielmehr seit langem ein Hort der klassischen Literatur und mehr für die Erwachsenen gedacht als für Kinder. So zählen zu den faszinierendsten Exponaten der Ausstellung die Figuren rund um den Doktor Faustus, der umgeben wird von wilden Teufeln, Geistern und Hexen. Erst in ihrer Hanauer Zeit wandten sich die Richters auch den Märchen zu. Dafür steht die von Georg Richter gefertigte Marionette des Rumpelstilzchens, das der Ausstellung auch ihren Namen gab: „Der Gold spinnende Kobold von Hanau“.

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Sohn Roland hat sich neben den Märchen-Stücken mittlerweile auch wieder dem Erwachsenen-Theater verschrieben. So zeigt er mit seiner Frau Jale das Stück „König Heinrich“, dessen Figur für die Richters von dem Künstler-Ehepaar Barbara und Günther Weinhold aus Berlin geschaffen wurde. Den Schlusspunkt der Sonderschau setzt die mobile historische Marionettenbühne, die Georg Richter in den sechziger Jahren nach einer Vorlage seines Vaters baute. Sie entspricht den Bühnen, wie sie vor 200 Jahren in Deutschland üblich waren und die noch mit Kerzenlicht beleuchtet wurden.

Rund 25 Vorstellungen stehen bis zum 28. März auf dem Programm der Bühne im Puppenmuseum. Neben den Kinderstücken „Der goldene Schlüssel“, „Das gestohlene Krönlein“ und „Rumpelstilzchen“ gibt es an den Samstagen des 9. und 23. März jeweils um 19 Uhr Vorstellungen von „König Heinrich“.

Die Ausstellung „Der Gold spinnende Kobold von Hanau“ im Hessischen Puppenmuseum in Hanau wird am Sonntag, 17. Februar, um 11 Uhr eröffnet.

Quelle: F.A.Z.

 
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