Sie prägte das intellektuelle Milieu und die teilweise heftig geführten gesellschaftspolitischen Debatten in der alten Bundesrepublik entscheidend mit, und dass sie es im Wesentlichen von Frankfurt aus tat, hat seine Gründe im geistigen Zuschnitt dieser Stadt. Hier nämlich hatte sich schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kritische Theorie etabliert, und hier konzentrierten sich rasch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Ideen, die, nicht eben charakteristisch für die zum Irrationalismus neigenden deutschen Denktraditionen, ganz und gar der Aufklärung verpflichtet waren. Einer Aufklärung allerdings, die nicht mit einem verengten Vernunftbegriff hantierte, sondern vor allem auch die unbewussten Motivationen des menschlichen Handelns und damit die verborgenen Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung zu erhellen suchte. Zu den Ansätzen, die in Frankfurt gebündelt wurden, um die Gesellschaft, vornehmlich die westdeutsche, über sich selbst aufzuklären, gehörte die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse. Schon vor 1933 hatte es in der Stadt eine psychoanalytische Forschungsstätte gegeben.
Margarete Mitscherlich hielt stets am Urvater der Tiefenpsychologie fest. Zwar hat sie feministische Korrekturen an seinem Werk vorgenommen. Radikal umgedeutet hat sie es freilich nie. Wo Freud bei der Frau den Penisneid vermutete, attestierte sie dem Mann eine Urangst vor dem Weiblichen, die unter anderem von der Allmacht der Mutter herrühre. Dass alle Menschen frühkindliche Kränkungen zu verarbeiten hätten, hielt die 1917 als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin in Dänemark Geborene allerdings für eine unverzichtbare Einsicht Freuds. Und dass Verdrängung weder für das Individuum noch für eine größere Gemeinschaft auf Dauer zuträglich ist, war für sie eine Binsenweisheit. Es rächt sich, die Dinge zu verschleiern, es kommt vielmehr darauf an, ihnen auf den Grund zu gehen und das Trauma freizulegen: Noch mit mehr als 90Jahren hatte die Grande Dame der Psychoanalyse Patienten. Sich zu erinnern, die Ursachen für die eigenen Unzulänglichkeiten aufzudecken, so war stets ihr Credo, helfe dem Menschen, den psychischen Schmerz zu lindern. Dem einzelnen. Und ganzen Völkern. So sehr war sie von der Wirkkraft der Freudschen Seelenmedizin überzeugt, dass sie einmal geäußert hat, auch bei Adolf Hitler hätte eine Psychoanalyse gefruchtet. „Müssen wir hassen?“, „Das Ende der Vorbilder“, „Die friedfertige Frau“, „Erinnerungsarbeit“ heißen einige der Schriften, die von Margarete Mitscherlich in den vergangenen 40Jahren herausgekommen sind. Zuletzt erschien im Frankfurter S.Fischer Verlag der Band „Die Radikalität des Alters“, in der sie noch einmal die aufklärerische und befreiende Kraft der Psychoanalyse zum Thema machte. Keines dieser Bücher allerdings ist in ihrem Wirkungsgrad mit der Abhandlung zu vergleichen, die wie wenige andere dazu beitrug, die Psychoanalyse zu popularisieren. Vor 44Jahren erschien „Die Unfähigkeit zu trauern“. Der Titel wurde rasch zur allseits einsetzbaren Formel. Es ging um die Verdrängung der Vergangenheit, um das Vergessen, um die später sprichwörtlich gewordene bleierne Zeit der fünfziger Jahre. Dabei bezieht sich das Werk nicht in erster Linie auf die Millionen von Opfern des Regimes, denen die im Wirtschaftswunder angekommenen Massen der Mitläufer das Mitgefühl verweigerten. Vielmehr handelt das vielfach wiederaufgelegte Buch im Kern von der nach 1945 verleugneten Liebe der Deutschen zum „Führer“ und der aus ihrem Bewusstsein gestrichenen Identifikation mit dem „Dritten Reich“. Margarete und Alexander Mitscherlichs Studie wurde zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, der eine günstige Aufnahme der darin ausgeführten Thesen garantierte. An den Hochschulen gärte es. In der Bundesrepublik entstand eine Protestbewegung, die sich wesentlich aus dem Unbehagen über die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus speiste. Die Abrechnung mit den Vätern wurde alsbald gerade auch in Frankfurt in einer Heftigkeit geführt, die Freuds Auffassung zu bestätigen schien, dass das Verdrängte mit um so stärkerer Kraft wiederkehre, je tiefer es im Unbewussten vergraben worden sei. Mit den Mitscherlichs nahm die Psychoanalyse eine entschieden politische Wendung. Dass die Familie im selben Jahr, in der „Die Unfähigkeit zu trauern“ veröffentlicht wurde, nach Frankfurt zog, wirkt da in gewisser Weise folgerichtig. Am Wirkungsort der „Kritischen Theorie“ war der Aufklärer Freud gefragt wie nie. 1960 hatte Alexander Mitscherlich, unterstützt von Max Horkheimer, hier das Sigmund-Freud-Institut gegründet. Dieser Einrichtung blieb Margarete Mitscherlich immer eng verbunden.
Die auf das Individuum zielende Analyse des Wiener Seelenarztes wurde Ende der sechziger Jahre auf das Gesellschaftliche ausgeweitet. Was als psychoanalytischer Beitrag zur politisch-gesellschaftlichen Aufklärung verstanden wurde, ging ein in den Hauptstrom des linksintellektuellen Denkens, das Frankfurt lange dominierte. 1977 bekannte sich Margarete Mitscherlich offen zum Feminismus. Sie war die erste Psychoanalytikerin, die sich in dieser Weise äußerte.
Die Fähigkeit, das Leben zu deuten
Hitzige Auseinandersetzungen, persönliche Anfeindungen, erbitterte Grabenkämpfe prägten jahrzehntelang die Szene. Wer von „Trauerarbeit“ sprach, wurde mit dem Hinweis auf die Phrasendreschmaschine abgestraft. Philosophen sprachen der Psychoanalyse die Erkenntnistauglichkeit ab. Die Psychoanalysekritik warf den Freudianern vor, den angepassten Menschen schaffen zu wollen. Psychoanalytische Dissidenten verbrüderten sich mit dem postmodernen Zeitgeist. Unterdessen warf die eine feministische Fraktion Mitscherlich vor, ein zu harmloses Bild vom Weiblichen zu haben und Frauen zu sehr als Opfer zu stilisieren, während die andere fand, sie hebe genau dies nicht radikal genug hervor. Naturgemäß fühlten sich auch die Männer angegriffen: Dass die männliche Aggressivität für den Nationalsozialismus wie für alle anderen totalitären Einstellungen und natürlich für sämtliche Kriege hauptverantwortlich sei, gehörte zu Margarete Mitscherlichs Interpretationsrepertoire. Noch 1990 wurde in der Frankfurter CDU Protest laut gegen die Verleihung der Ehrenplakette an die Psychoanalytikerin. Keineswegs von alledem unberührt, zog sie von Podium zu Talkshow, von Kongress zu Lesung, gab ein Interview nach dem anderen.
Noch im hohen Alter bewegte sie sich geschmeidig in den Höhen und Tiefen der psychoanalytische Gedankenwelt, von deren außerordentlicher Fähigkeit, das Leben zu deuten, sie bis zuletzt überzeugt war. Die Aufklärung war für sie wie für die Kritische Theorie ein niemals abgeschlossenes Projekt. Am Dienstag ist Margarete Mitscherlich, wenige Wochen vor ihrem 95.Geburtstag am 17.Juli, in einem Frankfurter Krankenhaus gestorben.