Es ist ein kompliziertes familieninternes Verhältnis. Hier die Mutter, Katrin Dörre-Heinig, 50 Jahre alt und mit jeweils drei Siegen in London (1992 bis 1994) und Frankfurt (1995 bis 1997), der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1988 und dem dritten WM-Platz 1991 noch immer erfolgreichste deutsche Marathonläuferin. Dort die Tochter Katharina, 22 Jahre alt, die nicht ganz zufällig dieselbe Leidenschaft hat: Laufen. Und mittendrin im Spannungsfeld befindet sich Ehemann und Vater Wolfgang Heinig, der früher auch Trainer seiner Frau war und jetzt die gemeinsame Tochter trainiert. Katrin Dörre-Heinig hat sich mit zunehmendem Alter zurückgenommen, eine Klasse für sich ist sie aber weiterhin, auch wenn sie keine Marathonläufe mehr absolviert. Sondern im Wettkampf nur noch halb so lange unterwegs ist, also 21,1 Kilometer. Über diese Distanz hält sie seit dem vergangenen Frühjahr die nationale Seniorenbestleistung der über 50-Jährigen mit 1:20:35 Stunden. Erzielt bei den deutschen Halbmarathonmeisterschaften im südhessischen Ort Griesheim, und genau dort treffen am nächsten Sonntag (ab 12 Uhr) Mutter und Tochter wiederum aufeinander.
Präziser formuliert starten beide im gleichen Rennen, doch es ist kein gegen- und kein miteinander; dafür sind die Ziele zu unterschiedlich. „Ich möchte für mich persönlich eine ordentliche Leistung bringen“, sagt Katrin Dörre-Heinig. So um die 80 Minuten wie im Vorjahr, womit sie in der DM-Gesamtwertung sogar Elfte wurde. Der Unterschied zu ihrer formidablen Profikarriere ist schlichtweg folgender: „Ich will in einer gewissen Weise Spaß haben.“ Früher, in den achtziger Jahren in der DDR und nach dem Mauerfall im vereinten Deutschland, hat sie Raubbau mit ihrem Körper betrieben, unglaubliche Strapazen auf sich genommen, nicht unerheblich viel Geld verdient und quasi ausgesorgt. Katrin Dörre-Heinig spürt die Nachwirkungen von 20 Jahren Hochleistungssport. „Eine Trainingseinheit zu schnell und die Muskulatur zieht zu.“ Noch schlimmer erging es ihr vor einigen Jahren bei einem Halbmarathon im thüringischen Örtchen Ohrdruf: Bei Kilometer 17 riss ein Wadenmuskel. „Vom Start weg schnell loslaufen geht nicht mehr“, sagt sie. Und wenn sie mit ihrer Tochter mal einen 30-Kilometer-Trainingslauf hinter sich gebracht hat, „habe ich damit vier, fünf Tage zu tun“. Soll heißen: Die Regeneration zieht sich hin.
Sie wagt den Neustart
Katrin Dörre-Heinig ist wesentlich entspannter als früher. In ihrer Wahlheimat Erbach im Odenwald betreut sie ein Marathonprojekt, aber auch eine Laufgruppe für Frauen und einen Einsteigerkurs für bis Neunjährige. Aus der sportfachlichen Betreuung ihrer Tochter hat sie sich 2008 zurückgezogen. „Wir sind zu oft aneinandergeraten.“ Damals hielt sie Katharina vor, ihr Talent nicht auszuschöpfen, sich mit zu vielen anderen Dingen zu beschäftigen. „Seitdem bin ich in erster Linie Mutter.“ Und Wolfgang Heinig ist alleine zuständig für die Karriere der Tochter. „Es ist eine schwierige Situation für sie, weil sie ständig mit mir verglichen wird. Und Wolfgang packt sie zu oft in Watte.“
Im vergangenen Jahr steigerte sich Katharina Heinig beim Hannover-Marathon auf 2:42:10 Stunden, anschließend war die Saison wegen einen Ermüdungsbruchs im Wadenbein beendet. Den Neustart wagt sie am Sonntag in Griesheim. Und hinter der Favoritin Susanne Hahn (Saarbrücken) ist sie eine Kandidatin für die Plätze zwei und drei. Trainervater Heinig hat nach dem dreiwöchigen Höhentrainingslager in Kenia ein gutes Gefühl, eine Zeit um 75 Minuten sollte möglich sein. Darauf aufbauend folgt am 6. Mai in Hannover der nächste Marathonlauf. Vielleicht verbessert sich Katharina Heinig dann auf 2:35 bis 2:37 Stunden. „Aber für Olympia 2012 wird es sicher noch nicht reichen“, sagt ihre Mutter. Die Normzeit des deutschen Verbandes liegt bei glatten 2:30 Stunden. Auch wenn in Griesheim etwa fünf Minuten zwischen Mutter und Tochter liegen dürften - ein gemeinsames Ziel verbindet: der Sieg in der Mannschaftswertung für die LG Eintracht Frankfurt, zusammen mit Natascha Schmitt. „Und ich möchte nicht schuld sein, dass es nicht klappt“, sagt Katrin Dörre-Heinig.