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Wasserverunreinigung : Kampf gegen Windeln und Kondome

Saubermann: Arbeiter an den Vorklärbecken der Mainzer Anlage. In modernen Kläranlagen lassen sich 80 bis 90 Prozent des Mülls aus dem Abwasser entfernen. Bild: dpa

In Mainz will eine Studie des Wirtschaftsbetriebs in den nächsten Monaten herausfinden, wie stark die Belastung mit sogenannten Problemstoffen wie Medikamentenreste, Hormone oder Mikroplastiken in Klärbecken ist.

          Die sauberste Lösung wäre, wenn das Abwasser gar nicht erst so stark verschmutzt würde. Tatsächlich aber sammeln sich in den Rechen und Sieben des Mainzer Klärwerks an der Industriestraße Tag für Tag viele Dinge, die eigentlich nicht über die Toilette entsorgt werden sollten: Feuchttücher und Wattestäbchen etwa, Tampons, Binden, Windeln und Kondome, aber auch Essensreste, Zigarettenkippen, Katzenstreu und Medikamente. Organische Stoffe wie Fette, Eiweiße, Kohlenhydrate sowie Nährstoffe, also etwa Stickstoffe und Phosphor, lassen sich in modernen Kläranlagen zu einem Anteil von 80 bis 95 Prozent aus dem Abwasser herausholen. Im Gegensatz dazu gehen kleinste Verunreinigungen, dazu gehören zum Beispiel Medikamentenreste, Hormone, Röntgenkontrastmittel und Mikroplastiken, bei den üblichen Reinigungsverfahren durchs Netz.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Mit einer auf diese „Problemstoffe“ ausgerichteten Studie und Messungen vor und hinter den Klärbecken will der in Mainz für die Entwässerung zuständige Wirtschaftsbetrieb in den nächsten Monaten herausfinden, wie stark die Belastung mit solchen Spurenstoffen wirklich ist. Ein sich daran zumindest theoretisch anschließendes mehrjähriges Pilotprojekt könnte zudem Erkenntnisse darüber liefern, ob sich durch eine vierte Reinigungsstufe der Anteil der Mikroschadstoffe merklich verringern ließe. Ein Vorhaben, das eine Investition in Höhe von mehreren Millionen Euro erforderlich machen dürfte und so die Gebührenzahler in einigen Jahren zusätzlich belasten würde.

          Wissenschaftler der Uni Kaiserslautern sollen Klarheit schaffen

          Derzeit gebe es beim Thema „Mikroschadstoffe“ keine verbindlichen Vorgaben für die Anlagenbetreiber, sagte Umweltdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) gestern bei der Vorstellung dessen, was Wissenschaftler der Technischen Universität Kaiserslautern bis zum Herbst möglichst genau untersuchen sollen. Als größtes Klärwerk in Rheinland-Pfalz, das die Abwässer von mehr als 210 000 Einwohnern sowie den Mainzer Industrie- und Gewerbebetrieben zu reinigen habe, sehe man sich auch ein wenig in der Vorreiter- und Vordenkerrolle, sagte Eder, die den Gewässerschutz als wichtige Aufgabe bezeichnete. Eine, die man in der Landeshauptstadt bisher übrigens zu vergleichsweise günstigen Konditionen, sprich niedrigen Gebühren, sehr gut erfüllt, wie Jeanette Wetterling, die Vorstandsvorsitzende des Wirtschaftsbetriebs, ergänzend anmerkte.

          Hauptkritikpunkt an einer grundsätzlich vorstellbaren vierten Reinigungsstufe ist, dass dafür viel Energie aufgewendet werden müsse, was den Prozess teuer mache. Deshalb soll das Forscherteam von Heidrun Steinmetz, dem rund 85 000 Euro für alle notwendigen Untersuchungen bewilligt wurden, nicht nur Vorschläge machen, wie man in Zukunft Mikroschadstoffe besser aus dem Wasser filtern könnte: zum Beispiel durch den Einsatz von Aktivkohlefiltern oder mittels Ozonierung respektive einer Kombination aus beiden Verfahren.

          Die Toilette ist kein Mülleimer

          Um dabei die Kosten im Blick zu behalten, wird darüber nachgedacht, auf dem Gelände im Stadtteil Mombach, auf dem sich eine Biogasanlage und ein Blockheizkraftwerk befinden, noch mehr Arbeit in die Energieerzeugung zu stecken. Unter Verwendung von überschüssigem Strom könnte man durch Elektrolyse einerseits Wasserstoff und daraus dann Methangas gewinnen, so die ersten Überlegungen für das Pilotprojekt.

          Ob es in Mainz am Ende tatsächlich ein solches Verfahren geben wird, ist noch völlig offen. So bleibt die schon seit längerem an die Kunden gerichtete Bitte der Klärwerksbetreiber weiterhin aktuell, „die Toilette nicht als Mülleimer zu missbrauchen“. Und auch beim Griff zu Salben und Schmerzmitteln stets daran zu denken, dass weniger womöglich mehr und jeder gar nicht erst ins Abwasser gelangte Mikroschadstoff für die Umwelt mit Sicherheit ein Gewinn sei.

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