Home
http://www.faz.net/-gzg-7671d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Mainz 05 Hoffen auf den Unberechenbaren

Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel will an diesem Samstag (15.30 Uhr) die Bayern ärgern und auf Europapokal-Kurs bleiben. Das Lob von Jupp Heynckes fällt schon im Vorfeld der Partie überschwänglich aus.

© dpa Vergrößern Unter der Mütze steckt ein kluger Kopf: Mainz-Trainer Thomas Tuchel

Vor zwei Jahren wollte Thomas Tuchel dem übermächtigen FC Bayern München ein Rätsel aufgeben. Schön war der Plan des Mainzer Trainers nicht: Der damalige Linksverteidiger Christian Fuchs sollte den Ball direkt mit dem Anstoß ins Seitenaus nahe der gegnerischen Eckfahne schlagen. Sein Team sollte den Bayern damit signalisieren, dass Mainz 05 kein bisschen gewillt sei, sich für allzu viel Ballbesitz und kreative Spielgestaltung verantwortlich zu fühlen.

Daniel Meuren Folgen:      

Stattdessen sollte der Gegner schon beim ersten Einwurf im hintersten Eck der eigenen Spielfeldhälfte ein Gespür dafür bekommen, mit welcher Leidenschaft man mit aggressivem Pressing den Bayern den Spaß am Spiel rauben wollte. Das Ende vom Lied: Fuchs verlor die Übersicht und drosch den Ball aus 55 Metern übers Bayern-Tor. Tuchel tobte ob der mangelhaften Ausführung seiner Anweisung. Die Mainzer verloren sang- und klanglos 1:3.

Mehr zum Thema

Beim Gastspiel der Münchner an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) in Rheinhessen wird Tuchel seine Anforderungen vermutlich etwas deutlicher kommunizieren, um seinen Ruf als Bayern-Schreck zu verteidigen. In den sieben Begegnungen mit dem Rekordmeister kann er bei je drei Siegen und Niederlagen sowie einem Unentschieden eine ausgeglichene Bilanz vorweisen. Nicht wenige in Fußball-Deutschland hoffen deshalb auf die Mainzer, damit wenigstens wieder etwas Spannung in die von München dominierte Spielklasse kommt. „Wir sind geehrt von der Erwartungshaltung“, sagt Tuchel. „Aber die Realität sieht so aus, dass die Bayern erst ein Gegentor auf fremden Plätzen bekommen haben.“

Sein Gegenüber am Samstag lobte ihn zumindest sehr: Er ist ein Trainer, der prädestiniert ist, irgendwann den FC Bayern zu trainieren“, sagte Jupp Heynckes am Freitag. Und auch Bayern-Star Bastian Schweinsteiger meint, dass der kommende Herausforderer sehr gefährlich sei, weil dessen Trainer so unberechenbar sei. Zwar hat Tuchel seinen Spaß an taktischen Überraschungseffekten nicht gänzlich verloren, aber tatsächlich ist Mainz gerade in dieser Spielzeit vom oftmals jugendlich beschwingten Außenseiter zur geordneten Größe mit erstaunlicher taktischer Reife geworden. So ist es gar keine wirkliche Sensation mehr, dass der Klub als Tabellenfünfter zu den Kandidaten für eine Europapokalteilnahme zählt. Die Basis für die neue Konstanz legte das Team im vergangenen Sommer mit einem von außen betrachtet überraschenden Enthaltsamkeit: Nach einer eher durchwachsenen Spielzeit mit gelegentlichem Kontakt zur bedrohlichen Abstiegszone verzichteten die Mainzer auf namhafte Verstärkungen.

Fünf Monate Paris für Beckham © dpa Bilderstrecke 

Tuchel glaubte an die Vorteile eines eingespielten Ensembles und das Potential seines Teams, das er mit Manager Christian Heidel nach einer klaren Philosophie zusammengestellt hat. „Ein typischer Mainz-05-Spieler muss, gleich welchen Alters, die Ambition haben sich weiterzuentwickeln“, sagt Heidel. „Wenn er das erfüllt, dann können wir ihm versprechen, dass er nach zwei oder drei Jahren besser ist als zuvor.“

In dieser Spielzeit trifft das auf einige Akteure zu: Adam Szalai, der gegen die Bayern wegen der fünften Gelben Karte gesperrt ist, entwickelte sich vom Stoßstürmer ohne Abschlussstärke zum bereits elfmal erfolgreichen Torjäger. Nicolai Müller hat sich vom einzig in Heimspielen gelegentlich auffälligen Flügeldribbler zum taktisch ausgereiften Offensivmann auch für die taktisch komplexeren Aufgaben in der Fremde weiterentwickelt. Jan Kirchhoff ist zwar nicht wie erhofft unumstrittener Stammspieler geworden, dafür aber empfahl er sich für einen Vertrag bei den Bayern, bei denen er vom Sommer an spielen wird. Und Routiniers wie die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Bo Svensson oder die Mittelfeldspieleer Andreas Ivanschitz und Elkin Soto sind so gut wie nie zuvor. „Individuelle Verbesserung hängt bei uns damit zusammen, dass wir uns als Kollektiv gesteigert haben“, sagt Ivanschitz. „In dieser Gruppe wird jeder besser.“ Gegen die Bayern reicht freilich auch das noch nicht, wie Tuchel zu bedenken gibt. Gegen das „derzeit neben Barcelona talentierteste Team“ müsse seine Mannschaft auch über sich hinauswachsen. Und vielleicht zückt er dann auch noch einen Gedanken aus seiner Sammlung taktischer Kniffe. Auf den Anstoß zur Eckfahne wird er indes wohl verzichten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der Fall Heinz Müller Spielergewerkschaft fordert Tarifverträge

Das Urteil eines Arbeitsgerichts auf Klage des Mainzer Torwart Heinz Müller sorgt für Unruhe im Profifußball: Ist ein zeitlich begrenzter Kontrakt rechtswidrig? Mehr Von Christoph Becker und Daniel Meuren, Mainz

25.03.2015, 17:12 Uhr | Sport
Mainz-05-Trainer Schmidt Zügellose Leidenschaft

Der neue Mainzer Trainer Martin Schmidt will die 05er in der Bundesliga zügellosen Vollgasfußball spielen lassen. Der Schweizer predigt Emotionalität, Leidenschaft und Feuer. Mehr

17.02.2015, 19:10 Uhr | Sport
1:1 gegen Wolfsburg Mainz ist besser als Mailand

Nach dem Sieg in Italien fehlen Wolfsburg in der Bundesliga die Kräfte. Mainz verpasst gegen den Champions-League-Anwärter die Vorentscheidung – und wird dafür bestraft. Mehr Von Roland Zorn, Mainz

22.03.2015, 17:23 Uhr | Sport
Paderborn empfängt München Ich galt immer als Bayern-Killer

Ziemlich klein gegen ganz schön groß: Aufsteiger SC Paderborn spielt in der Fußball-Bundesliga am Samstag (15.30 Uhr) gegen Rekordmeister FC Bayern. Chancenlos sehen sich die Osterwestfalen nicht. Mehr

21.02.2015, 11:13 Uhr | Sport
Fußball-Talentreport (1) Spekulationsgeschäft mit Jugendlichen

Hinter dem Wettbewerb um Supertalente des Fußballs aus aller Welt findet in der Bundesliga tagtäglich ein Kampf um Hochbegabte statt. Dabei geht es um die künftige Basis deutscher Profi-Vereine. Mehr Von Michael Horeni

24.03.2015, 16:38 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 02.02.2013, 10:48 Uhr

Teure Hochzeit

Von Ingrid Karb

Der Zusammenschluss der Kliniken wird teuer für die Stadt Frankfurt und den Main-Taunus-Kreis. Bleibt zu hoffen, dass das Geld ausreicht, damit die Diskussion über kommunale Kliniken nicht neu hochkocht. Mehr 1