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Mainz 05 Desaster an der Förde

22.12.2011 ·  Mainz 05 schließt eine Hinserie voller Wellentäler passend mit einer Pokalpleite ab. Nach dem 0:2 bei Holstein Kiel braucht der Klub dringend die Winterpause.

Von Daniel Meuren, Kiel
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© dapd Mainz 05: hier gegen die Männer des SV Holstein Kiel.

Das Weihnachtsfest will man für gewöhnlich mit ruhigem Gewissen feiern. Demnach taten die Mainzer Spieler gut daran, dass sie sich wenige Minuten nach der bitteren 0:2-Niederlage im DFB-Pokal-Achtelfinale bei Holstein Kiel gemeinsam auf einen Bußgang begaben. Es galt, bei den rund 900 Fans, die großteils in einem Sonderzug angereist und samt der Rückfahrt rund 24 Stunden für das Pokalspiel beim Viertligaklub unterwegs waren, um Absolution zu bitten für den enttäuschendsten Auftritt in einer an Tiefschlägen nicht armen ersten Saisonhälfte. „Das war keine Leistung, das war in allen Belangen zu wenig“, sagte Manager Christian Heidel, der in den Tagen vor dem Achtelfinale beim vermeintlich leichtesten aller 15 möglichen Gegner des öfteren seine große Sehnsucht nach dem Erreichen eines Pokalendspiels geäußert hatte. „Ich glaube, dass der ein oder andere unbewusst schon im Urlaubsflieger saß.

Dann verliert man eben ein Fußballspiel, egal ob der Gegner aus der Bundesliga, der vierten oder fünften oder einer noch tieferen Liga kommt.“ Der 47 Jahre alte Manager wollte seine beißende Kritik freilich nicht als grundsätzliche Skepsis gegenüber den Charakteren der Spieler verstanden wissen, sondern nur als eine Momentaufnahme nach einem tristen Abend.

Fehlende Durchschlagskraft

Wie so oft in der Hinrunde scheiterten die Mainzer in Kiel auch an der fehlenden Durchschlagskraft in vorderster Front. In 90 Minuten zwangen die sogenannten Torjäger Holstein-Schlussmann Morten Jensen nur ein einziges Mal zu einer nennenswerten Rettungstat, als ihn Mario Gavranovic aus sieben Metern prüfte. „Ich hätte nicht gewusst, wie wir heute ein Tor erzielen sollen“, sagte Trainer Thomas Tuchel. Treffsicher war der enttäuschende Stürmer Anthony Ujah stattdessen vor dem eigenen Tor, wo er in der sechsten Minute einen Eckball des Kieler Standardspezialisten Tim Siedschlag unhaltbar für seinen Torwart Heinz Müller per Kopfball ins eigene Tor lenkte. In der Rückschau war das Spiel schon da entschieden, auch wenn das 2:0 durch Steve Müller erst nach einer Stunde fiel. Für sein Ungeschick wurde Ujah anschließend mit Wutausbrüchen von Müller und dem Defensivmann Jan Kirchhoff bedacht, die vielleicht mehr über die Stimmung im Team aussagen als die offiziellen Verlautbarungen von Spielern und Verantwortlichen, die die zu geringe Torausbeute stets als ein Manko des Gesamauftritts und nicht als Versagen einzelner für Toreschießen angestellter Spieler bezeichnen.

Die Defensivabteilung, die in der Hinserie nach wechselhaftem Start in den vergangenen Wochen kaum gegnerische Tore und Torchancen zuließ und somit als solides Fundament für ein erfolgreicheres Abschneiden dienen könnte, scheint in Kiel die Geduld mit den so wenig kaltschnäuzigen Stürmern verloren zu haben. Nikolce Noveski, Abwehrchef und Kapitän, wollte freilich auch nach dem Desaster an der Förde nicht öffentlich über die Problemzone Angriff lamentieren oder gar Neuverpflichtungen für den Sturm fordern. „Das ist nicht meine Aufgabe, über Transfers nachzudenken“, sagte Noveski. Stattdessen formulierte auch der routinierte Mazedonier die Kritik nur im Allgemeinen. „Heute haben wir eine Riesenchance verspielt, so wie wir in der gesamten Vorrunde zu viele Punkte haben liegen lassen. Die Hinrunde geht halt so zu Ende, wie sie angefangen hat.“

„Wir haben keine desaströse Hinrunde gespielt“

Damit spannte Noveski den Bogen vom Scheitern seines Teams in der Qualifikation zur Europa League vor Beginn der Bundesligasaison. Damals schieden die Mainzer nach zwei 1:1-Unentschieden gegen den rumänischen Klub Gaz Metan Medias im Elfmeterschießen aus und brachten sich somit um ihre Belohnung für die herausragende vergangene Spielzeit, die der Klub mit Platz fünf abgeschlossen hatte. „Wir müssen uns jetzt dieser Situation stellen, damit es nicht noch schlimmer kommt“, sagte Noveski. Noch schlimmer hieße, dass Tuchels Mannschaft noch in den Strudel des Abstiegskampfes gerissen werden würde. Zur Saisonhalbzeit ist der Tabellenvierzehnte bei 18 Punkten nur zwei Zähler von einem Relegationsplatz entfernt.

Sein Trainer analysierte die Hinrunde etwas differenzierter. „Wir haben keine desaströse Hinrunde gespielt“, sagte Tuchel. „Das heute war ein Ausreißer nach unten.“ Als einen Grund für den leblosen Auftritt führte er das Fehlen der drei torgefährlichen, aber derzeit verletzten Akteure Andreas Ivanschitz, Marcel Risse und Adam Szalai an. Zudem deutete der 38 Jahre alte Fußballlehrer aber auch an, dass er derzeit etwas ratlos ist bezüglich des Entwicklungsstands seines Kaders. „Ich dachte, dass wir schon weiter sind. Nun glaube ich, dass der Prozess lange dauert, bis der Geist greift“, sagte Tuchel, ehe er sich durchaus erleichtert zeigte, dass den beiden Niederlagen dieser Woche in Mönchengladbach und Kiel nun eine kurze Auszeit bis zum Trainingsauftakt am 3. Januar folgt.

„Es ist gut, dass jetzt die Weihnachtspause kommt. Wir brauchen alle Abstand voneinander und auch vom Fußball.“ Immerhin blieb Tuchel vor den besinnlichen Tagen ein peinlicher Moment in Kiel erspart. Ein Spaßvogel hatte kurz vor der Pressekonferenz auf dem Namenschild des Mainzer Fußballlehrers mit einem Filzstift ein „Ex“ vor dem Wort „Trainer“ hinzugefügt. Gerade rechtzeitig bemerkte ein Mitarbeiter des Klubs die Manipulation. Tuchel, der seinen Job übrigens im August 2009 nach einer ähnlich blamablen Pokalniederlage des Klubs in der Kieler Nachbarschaft beim VfB Lübeck und der folgenden Entlassung von Jörn Andersen angetreten hatte, bleibt natürlich der Mainzer Wunschtrainer.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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