26.12.2011 · Der Präsident von Mainz 05, Harald Strutz, äußert sich über seinen emotionalen Trainer, neue Schwierigkeiten mit Problemfans, große Enttäuschungen und die Gefahr des Abstiegs.
In Jahresrückblicken taucht nun immer wieder Ihre Aussage auf, dass Mainz 05 mit Platz fünf und der Europapokalqualifikation in der vergangenen Saison einen „Aufbruch an neue Ufer“ bewältigt habe. Muss man am Ende des Jahres nach dem Ausscheiden im DFB-Pokal beim Viertligaklub Holstein Kiel und angesichts von Bundesligaplatz 14 sowie nur zwei Punkten Abstand zum Relegationsplatz akzeptieren, dass es auch an neuen Ufern Hochwassergefahr gibt?
Meine Aussage war ja nicht nur aufs rein Sportliche bezogen. Wir haben im vergangenen Jahr vor allem neue Ufer erreicht, weil wir nun nicht mehr in einem Stadion spielen, sondern in einer Arena. So lieb uns der Bruchweg war, so sehr haben wir die Coface-Arena benötigt. Das war ein Meilenstein, das ist eine neue Ära für den Verein.
Und wie hat sich die neue Ära angelassen?
Wir haben einen unglaublich emotionalen Umzug mit 30.000 Menschen, die vom alten zum neuen Stadion mitgewandert sind, hinter uns gebracht. Wir hatten auch große organisatorische Schwierigkeiten. Nach einem halben Jahr muss man das Fazit ziehen, dass wir auch für den Transport der Stimmung ein wenig Zeit brauchten. Jetzt haben wir aber eine neue Heimat, die gerade abends, wenn das Stadion angeleuchtet wird, Mainz-Besucher in leuchtendem Rot als Wahrzeichen am Tor zur Stadt empfängt. Gewissermaßen haben wir also neue Ufer erreicht.
Und wie steht es dort nun um die Hochwassergefahr? Die zweite Liga ist derzeit weitaus näher als die Spitzenplätze aus dem Vorjahr.
Es ist doch klar, dass die Erwartungshaltung nach Rang fünf unglaublich war. Wir wussten aber immer, wie schwer es ist, so einen Platz zu erreichen. Für uns war ausgeschlossen, dass wir noch einmal eine Saison so beenden können. Wir mussten eben akzeptieren, dass Holtby zurück musste nach Schalke, dass Fuchs ebenfalls dorthin wollte. Und wir mussten eben auch aus wirtschaftlicher Vernunft die Chance ergreifen, Schürrle nach Leverkusen zu verkaufen.
Der Verein hätte durch die über zehn Millionen Euro, die er für Schürrle erhält, die Möglichkeit gehabt, einen großen Namen zu verpflichten. Darauf haben Sie, Manager Christian Heidel und Trainer Thomas Tuchel freiwillig verzichtet. Bereuen Sie das jetzt, da die Vorrunde nicht so erfolgreich verlief?
Unser Konzept war schon immer, dass wir Spieler zu Bundesligaspielern ausbilden. Das braucht Zeit, und das sehen wir nun gerade in der laufenden Saison. Es ist aber wichtig, dass ein Verein nicht immer nur im Augenblick lebt und denkt, sondern sich in der Vorausschau auf zwei Jahre gut aufstellt. Und das haben wir getan. Unsere Spieler sind fast alle langfristig mindestens zwei Jahre an den Klub gebunden. Wir wollen, dass da wieder was zusammenwächst.
Bräuchte das Team aber nicht doch kurzfristig einen etablierten Akteur als Anführer?
Einen Raúl oder Pizarro, für mich die beiden Spielertypen, die ich richtig großartig finde von ihrer spielerischen Überzeugung und dem Charakter auf dem Feld her, können wir uns nicht leisten. Und darüber hinaus gibt es eh keine Garantie, dass ein Millionentransfer die entsprechenden Leistungen bringt. Zudem glauben wir fest daran, dass uns eine homogene Mannschaft weiter bringt. Ein Ausreißer im Gehaltsgefüge kann eine ganze Mannschaft kaputtmachen. Wenn wir einen hochdotierten Star holen würden, dann bestünde die Gefahr, dass andere nicht für ihn rennen. Dann ist das ein Verlustgeschäft.
Sind Sie also zufrieden mit Rang 14?
Wir haben zu viele Chancen ausgelassen und deshalb zu viele Punkte liegen gelassen. Aber spielerisch war es oft wirklich gut, wie die Mannschaft aufgetreten ist. Auch deshalb haben wir vollstes Vertrauen zum Team und geben Thomas Tuchel jede Zeit der Welt, egal was passiert.
Das klingt so, als ob Sie auch einen Abstieg in Kauf nehmen würden?
Das ist so weit weg. Mit diesem Gedanken beschäftige ich mich überhaupt nicht.
Sie sprechen den Spielern Ihr Vertrauen aus. Sind Sie wirklich nicht enttäuscht über den Punktestand?
Wenn wir diese Mannschaft am Punktestand messen würden, wäre das falsch. Wir hätten sicher fünf, sechs Punkte mehr auf dem Konto haben können, aber dazu braucht man auch Spielglück. Das hatten wir aber nicht so oft.
Das zieht sich durch die ganze Saison, dass sich alle im Umfeld des Klubs mit den Leistungen beruhigen. Besteht da die Gefahr, dass man sich allzu sicher fühlt?
Mit Beginn der Rückrunde muss dem Team klar sein, dass wir die für den Ligaverbleib nötigen Punkte möglichst frühzeitig erzwingen wollen.
Wie sehr hat Sie das Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation im August geschmerzt?
Das tat sehr weh. Wir hatten diese Riesen-Euphorie durch Rang fünf und das neue Stadion, wir haben uns auf Festabende im Europapokal gefreut, und dann scheiden wir recht kläglich in Rumänien aus. Das tat mir auch sehr leid für unsere Fans, dass wir diese vielleicht einmalige Gelegenheit, dass wir uns sportlich fürs internationale Geschäft qualifizieren konnten, nicht genutzt haben.
Und nun beendet das Team die Hinserie mit einem ähnlichen Tiefschlag nach dem Pokal-Aus in Kiel. Schließt sich da ein Kreis?
Es hat den Anschein. Aber diese Niederlage im Achtelfinale ist noch einmal bitterer, weil die Leistung unserer einzelnen Spieler an diesem Abend ausgesprochen schlecht und eigentlich sogar desolat war. Das ist mit die bitterste Enttäuschung, die ich in unserem Verein erlebt habe. Ehrlich gesagt hatte ich mit einem solchen schwachen Auftritt nicht mehr gerechnet. Jeder einzelne Spieler muss sich wirklich hinterfragen, ob er diese Chance auf eine erfolgreiche Pokalsaison nicht kläglich vergeben hat. Für diese Leistung gibt es auch keine Entschuldigung.
Ihr Trainer wurde vom Boulevard im Verlauf der Vorrunde wegen seiner emotionalen Ausbrüche an der Seitenlinie als neuer „Motzki“ der Liga auserkoren. Wie beobachten Sie Tuchel?
Wer sich so am Spielfeldrand präsentiert wie er, der beweist Ehrlichkeit. Und diese Ehrlichkeit ist mir am wichtigsten. Gleichwohl wäre es mir als Vereinpräsident lieber, wenn Thomas Tuchel beispielsweise Journalisten gegenüber die Umgänglichkeit, die ihn sonst auszeichnet, auch unmittelbar nach dem Spiel an den Tag legen könnte. Denn dann wäre die Aufregung über ihn halb so groß. Da ist er, auch für mich, oft nur schwer ansprechbar. Ich habe dafür Verständnis und spreche ihn dann erst gar nicht an, sondern es gibt nur ein Händeschütteln oder eine Geste des Respekts von meiner Seite. Ich möchte aber festhalten, dass Thomas Tuchel einfach Erfolg haben will und deshalb nach Spielende so richtig unter Strom steht. Sein Verhalten ist aber nie respektlos.
Das neue, rund 60 Millionen Euro teure Stadion finanziert Mainz 05 weitgehend selbständig und höchst solide. Das war vor acht Jahren beim Ausbau des Bruchwegs offenbar noch anders. Sie mussten beim Prozess gegen den wegen Untreue angeklagten Geschäftsführer der Mainzer Wohnbau aussagen, weil Ihr Verein in den Jahren nach 2003 bei der Vergabe und der Rückzahlung eines Kredits in Höhe von 1,6 Millionen Euro bevorteilt worden sein soll. Wie unangenehm ist Ihnen diese Geschichte?
Wenn man wie ich in einer solchen Funktion in einem Verein tätig ist, muss man auch mit Unannehmlichkeiten unterschiedlichster Art rechnen. Die Wohnbau hat eben Dinge umgesetzt, die angesichts der finanziell schlechten Situation der Stadt wirtschaftlich nicht möglich, aber politisch gewollt waren. Als Zeuge in diesem Prozess aufgerufen zu sein war nicht angenehm, aber eben nicht zu ändern. Da ich kein schlechtes Gewissen haben musste und der Verein kein Unrecht begangen hat, war das aber auch nicht dramatisch.
In der Öffentlichkeit blieb der Eindruck zurück, dass Mainz 05 auf merkwürdige Weise von den 1,6 Millionen Euro Kreditvolumen nur gut die Hälfte zurückzahlen musste.
Das ist so nicht richtig und nicht nachvollziehbar. Es ist üblich, dass eine Abzinsung erfolgt, wenn man ein Darlehen früher zurückzahlt. Das haben wir gemacht, da wir das Geld zu einem Zeitpunkt hatten, als es die Wohnbau sehr dringend brauchte und wir den Darlehensvertrag mit der Laufzeit bis 2016 bereits 2010 auf Wunsch der Wohnbau einvernehmlich aufgelöst haben.
Mainz 05 hatte in der Vorrunde Schwierigkeiten mit seinen Fans, die der Klub zuvor nicht kannte. Fürchten Sie um das positive Image des Vereins?
Ich fürchte das nicht, aber ich sehe die Gefahr. Für uns sind die Fans das wichtigste Faustpfand, das wir haben. Wir haben aber einfach sehr viele neue Fans dazubekommen, und wir müssen die Übersicht über diese wachsende Szene bewahren. Wir gehen in den Dialog mit den Fans. Da hoffe ich, dass unsere echten Fans Zivilcourage zeigen und den Randalierern klarmachen, dass sie so etwas nicht wollen und die Schädiger ausgrenzen. Ich baue auf diese Selbstregulierung. Eine starke Fanszene schafft es auch, Gewalttäter fernzuhalten. Das müssen die Wortführer der Szene tun.
Stärkt der Verein diesen Wortführern den Rücken?
Ja. Alle wissen, dass bei uns die Türen immer offen stehen für Belange der Fans. Wir lassen uns das positive Image des Vereins nicht kaputtmachen und dafür wollen wir alles tun.
Das Gespräch führte Daniel Meuren.